S-Bahn Berlin in der Krise

Störungen und Chaos im Nahverkehr als Dauerzustand

S-Bahn - Norman Oelker
S-Bahn - Norman Oelker
Die S-Bahn Berlin GmbH zeigt, warum Wettbewerb für lebenswichtige Logistik wie den öffentlichen Nahverkehr in der Hauptstadt sinnvoll sein kann.

Die S-Bahn in Berlin hat nur 4 Probleme: Frühling, Sommer, Herbst und Winter. Ein gängiger Witz in der Hauptstadt. Ein anderer, der einem beim Gedanken an die Berliner S-Bahn kommen kann, ist folgender: Einem Bauern ist sein Esel zu unprofitabel. Er beschließt deshalb, an den Futterkosten zu sparen und gibt ihm immer weniger Futter. Eines Tages verendet das Tier. Der Bauer steht vor ihm und meint: So ein Mist – jetzt habe ich ihm beinahe das Fressen abgewöhnt, da stirbt das Vieh! Bei diesem Scherz muss man einfach nur Bauer durch Bahn-Management und Esel durch S-Bahn ersetzen. Diese beiden Witze gehören allerdings zu einer Kategorie, über die man nicht lachen kann und besser auch nicht sollte.

Kaputt sparen und Märchen erzählen

Seit über einem halben Jahr läuft die Berliner S-Bahn nur mit eingeschränktem oder sogar stark eingeschränktem Betrieb. Ein Ende ist nicht abzusehen, ganz im Gegenteil. Die Geschäftsleitung der S-Bahn vertröstet schon am Jahresanfang gleich mal wieder bis zum Jahresende. Woher die Missstände kommen, ist ja inzwischen leidlich bekannt. Wenn man einen Mutterkonzern hat, welcher Gewinnvorgaben von bis zu 125 Millionen Euro im Jahr ansetzt und man dies u. a. durch Abbau von Personal und Werkstattkapazitäten – zwangsläufig mit entsprechenden technischen Konsequenzen – erreicht, dann kann man ein Unternehmen wie die S-Bahn nur noch kaputt sparen.

Diese Wahrheit ist der zahlenden Kundschaft, sprich den Fahrgästen, natürlich nur sehr schwer zu vermitteln. Da murmelt man besser etwas von technischen Problemen in die meist nicht vorhandenen Bärte, erfindet noch ein Wintermärchen dazu und schiebt bei Weichenproblemen alles auf das Wetter. Bei dieser Geschichte tut sich nur eine kleine Unstimmigkeit auf: In Berlin gibt es neben der S-Bahn noch zwei weitere, schienengestützte Nahverkehrssysteme – die U-Bahn und die Straßenbahn. Selbst technisch unbeschlagenen Berlinern ist aufgefallen, das diese beiden Systeme im Gegensatz zur S-Bahn merkwürdigerweise kaum unter Wetterfühligkeit gelitten haben.

Politik und S-Bahn

Wenn man zynisch veranlagt wäre, könnte man sagen, dass die Berliner S-Bahn nicht das Hauptbeförderungsmittel der örtlichen Politiker ist. Also scheinbar auch kein Prioritätsproblem. Als Volksvertreter muss man sich zum Glück nicht unbedingt mit seinen Mitmenschen mehrfach am Tag in – wie im letzten Sommer geschehen – rettungslos überfüllte, stinkende Waggons zwängen. Man muss sich auch nicht, da man ja nicht drin steckt, Gedanken über ein profitorientiertes Unternehmen machen, das seine Kundschaft durch labile Bremsen an seinen Fahrzeugen gefährdet. Wozu sollte sich die Politik also auf die Hinterbeine stellen.

Es ist durchaus nicht so, dass es keine Alternativen und andere Lösungen für den Betrieb der Berliner S-Bahn gibt. Gegebenenfalls auch ohne Die S-Bahn Berlin GmbH. Das Problem ist nur, man muss auch wollen. Aber für manche Politiker scheint es bequemer, bis zum Ende des bestehenden Vertrages im Jahr 2017 und womöglich darüber hinaus zu lamentieren und permanente Missstände für die Fahrgäste in Kauf zu nehmen. Bequemer zumindest, als für besagte Benutzer des öffentlichen Nahverkehrs in ihrer Eigenschaft als Steuerzahler und Wähler einmal etwas sichtbar in die Wege zu leiten.

Die S-Bahn tut gut

Bei knapp 400 Millionen beförderten Fahrgästen pro Jahr kann man bei einem Verkehrsmittel schon von einer volkswirtschaftlichen Dimension sprechen. Wenn dieses Verkehrsmittel nicht mehr regelmäßig und planbar funktioniert, stellt dies keine Kleinigkeit mehr dar. Bei ca. einer Million Fahrgästen der S-Bahn pro Tag fallen Verspätungen am Arbeitsplatz durchaus auf. Umweltverschmutzung durch Umsteiger auf Autos, Freizeitverlust durch unnötige Fahrzeiten, Belastungen anderer Nahverkehrssysteme sind weitere Themen für eine Statistik. Auf der Gegenseite findet man als Ausgleich Hinhaltetaktik, Phrasen und Geschwätz ohne konkrete Ergebnisse. Da soll der Fahrgast dann schon dankbar sein, wenn man ihm netterweise ein bisschen Fahrgeld ersetzt. Wenn ein kleiner Unternehmer seinen Vertragspflichten nicht nachkommt, sind die Konsequenzen bis hin zu gerichtlichen Auseinandersetzungen entsprechend. Für Unternehmen ab einer gewissen Größe, von denen man sich etwas abhängig gemacht hat, scheint da keine Gefahr zu bestehen. Vielleicht liegt es ja aber auch nur daran, dass einige maßgebliche Leute keine hieb- und stichfesten Verträge schließen können.

Hauptstadt und Nahverkehrssystem

Für eine Stadt, die Hauptstadt einer der größten Industriestaaten dieser Erde ist und die sich mit Attributen wie Metropole und Weltstadt schmückt, sind solche Zustände bei einem wichtigen Nahverkehrssystem schon nicht mehr peinlich, sondern fast schon erbärmlich. Hier darf man sich einmal die Frage stellen, wann die Bundesregierung im Interesse der Reputation eben dieser Hauptstadt der Provinzadministration etwas auf die Sprünge hilft. Sollte man sich diese Frage wirklich stellen, muss man aber gleichzeitig bedenken, dass die S-Bahn Berlin GmbH ein Tochterunternehmen der Deutschen Bahn-AG ist, welche immer noch Eigentum des Bundes ist. An dieser Stelle kann sich jeder Bürger seinen eigenen Reim machen. Am besten als Zeitvertreib auf einem S-Bahnhof.

Norman Oelker, Norman Oelker

Norman Oelker - Von Hause aus bin ich eigentlich aus der kaufmännischen Ecke mit gelegentlichen Abstechern als IT-Trainer und Dozent. Nachdem der ...

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