
- Auf dr schwäb'scha Eisabahna: W. Reiser über S21 - Scorpio Verlag
Ohne Sittler geht gar nichts, ohne Lösch auch nicht, Lindenstraßen-Harry hat ebenfalls was zu sagen und Konstantin Wecker sowieso, außerdem noch Vincent Klink, Wiglaf Droste und Wolfgang Schorlau. Die Prominenz war in letzter Zeit gut beschäftigt. Es galt, in Büchern seine Meinung über Stuttgart 21 kundzutun – und zwar gegen das Projekt. Literatur, die sich neutral gibt oder für S21 ist, gibt’s auch, sie erzielt jedoch nicht die gleiche Aufmerksamkeit. Eine solche ist vielleicht noch den Krimis beschieden, denn der Bahnhofsstreit wird auch gerne zu mörderischen Geschichten verarbeitet. Auch Bildbände lassen sich damit füllen, mit Fotos vom Bauzaun etwa oder indem man einfach die jahrhunderte alten Bäume im Schlossgarten sprechen lässt.
Prominente Sachbuchautoren
Volker Lösch ist ein umstrittener Theatermann, der sich gern gesellschaftlichen Konflikten widmet und der am Schauspiel Stuttgart seit einigen Jahren als Mitglied der künstlerischen Leitung engagiert ist. Das Schauspiel hat seinen Platz nahezu im Zentrum des Geschehens im Schlossgarten und so bezieht Lösch auch zum Bahnhofsprojekt Position. Gemeinsam mit Gangolf Stocker, Sabine Leidig und Winfried Wolf gab er im vergangenen Herbst das Buch „Stuttgart 21 – oder: Wem gehört die Stadt“ heraus. Neben unbekannten Autoren lieferten auch bekannte wie Konstantin Wecker oder Stern-Autor Arno Luik Beiträge, das Vorwort wiederum, steuerte Walter Sittler bei.
Sittlers Vorworte in Sachen S21 sind beliebt. Auch für das von Krimiautor Wolfgang Schorlau herausgegebene Buch „Stuttgart 21. Die Argumente“, in dem eine ganze Reihe mehr oder weniger prominenter Köpfe, darunter auch Winfried Kretschmann, Stellung gegen das Bahnprojekt bezieht, hat er eins beigesteuert, ebenso für „Die Taschenspieler“. Das vom ehemaligen Chefreporter der „Stuttgarter Zeitung“, Josef-Otto Freudenreich, herausgegebene Buch befasst sich nicht nur, aber auch mit Stuttgart 21. Von Sittler abgesehen, wurde hier die Prominenz außenvorgelassen, neben einem Rechtsanwalt kommen ausschließlich Journalisten zu Wort. Ein solcher ist auch Wolf Reiser, der sich in „Die ganze Wahrheit über Stuttgart 21“ für die Bahnideen ebenfalls nicht begeistern kann, für die irgendwie sehr schwäbische Art des Protests allerdings auch nicht. Reiser sieht den Streit als Teil eines umfangreicheren Problems, weshalb der Untertitel „Und wie es mit uns allen weitergeht“ lautet.
Volker Lösch u. a. (Hg.): Stuttgart 21 – oder: Wem gehört die Stadt. Papyrossa Verlagsgesellschaft 2010. Taschenbuch, 200 Seiten. 10 Euro.
Wolfgang Schorlau (Hg.): Stuttgart 21. Die Argumente. Kiepenheuer & Witsch 2010. Taschenbuch, 250 Seiten. 8,95 Euro.
Wolf Reiser: Die ganze Wahrheit über Stuttgart 21 – Und wie es mit uns allen weitergeht. Scorpio 2011. Taschenbuch, 192 Seiten. 9,95 Euro.
Josef-Otto Freudenreich (Hg.): Die Taschenspieler. Klöpfer & Meyer 2010. Gebundene Ausgabe, 288 Seiten. 19,95 Euro.
Herr Blümle lässt die Bäumle sprechen
Mancher lässt lieber Bilder sprechen. So gaben etwa Albrecht Götz von Olenhusen und Gerd Paulus bei Kein & Aber den Bildband „Oben bleiben!!!“ heraus, der durch Textbeiträge ergänzt ist. In diesem Fall war neben Harry Rowohlt auch Wiglaf Droste so frei, einen Beitrag zu liefern. Droste gibt mit Vincent Klink die Zeitschrift „Häuptling Eigener Herd“ heraus. Klink ist auch gegen den Bahnhof, äußert sich aber bei Schorlau, während Journalist und Kolumnist Joe Bauer zu beiden Büchern sein Scherflein beiträgt und Gangolf Stocker, der mit Lösch als Herausgeber auftrat, auch für Olenhusen/Paulus etwas zu schreiben wusste. Ganz ohne Droste, Wecker, Bauer und all die andern kommt dagegen der von Sybille und Ulrich Weitz herausgegebene Bildband über den Stuttgarter Bauzaun aus und Jürgen Blümle hat überhaupt die Idee: Er lässt zur Abwechslung mal die Bäume zu Wort kommen. Was sie zu sagen haben, kann man in seinem Bildband „Bäume im Stuttgarter Schlossgarten“ sehen.
Albrecht G. von Olenhusen, Gerd Paulus (Hg.): Oben bleiben!!! Manifeste und Bilder des Protests. Kein & Aber 2010. Taschenbuch, 208 Seiten. 10 Euro.
Ulrich und Sybille Weitz (Hg.): Der Stuttgarter Bauzaun. Phantasie des Protests. Silberburg, 3. Auflage 2011. Gebundene Ausgabe, 96 Seiten. 15 Euro.
Jürgen Blümle: Bäume im Stuttgarter Schlossgarten. Silberburg 2010. Gebundene Ausgabe, 60 Seiten. 12 Euro.
Mörderischer Bahnhofsstreit
Während Krimi-Autor Wolfgang Schorlau ein Sachbuch herausgab, wurde der in Stuttgart lebende österreichische Künstler und Schriftsteller Heinrich Steinfest, so erzählte er in der Sendung „Literatur im Foyer“, vom Theiss Verlag gefragt, ob er nicht einen Krimi zum Thema schreiben möchte. Heraus kam dabei „Wo die Löwen weinen“. Es kommen vor: Ein Archäologe, ein arbeitsloser Durchschnittsbürger, der aus Stuttgart stammende, in München wohnende Kommissar Rosenblüt, eine altertümliche Maschine und ein Hund von philosophischem Gemüt. Einfach nur einen Roman über Machenschaften rund um das Bauprojekt schreiben, wollte Steinfest, eigenen Angaben zufolge, nicht. Wo er steht, ist aber klar, denn er schrieb auch einen Text für das Buch seines Krimikollegen Schorlau.
Als Regionalkrimi kann man Steinfests „Wo die Löwen weinen“ nicht eingestufen, doch auch in diesem Genre gibt es einiges über Stuttgart 21, wenngleich das Bauprojekt, zumindest vordergründig, nicht immer im Mittelpunkt steht. Es kann, wie bei Christine Lehmann, auch mal um den Literaturbetrieb gehen oder um einen Maultaschenfabrikanten, wie bei Klaus Wanninger − über S21 kann man eben auf vielerlei Weise schreiben. Wem Krimis allerdings zu aufregend sind, dem bleibt nur noch eins: Das Büchlein „Frau Schächtele will oben bleiben“ erzählt von einer toughen Oma mit Dutt und wer glaubt, eine Oma mit Dutt und der Bahnhofsstreit passten nicht zusammen, der irrt. Schließlich kann man den S21-Zoff ja auch mit einem Mord an einem Maultäschlesfabrikanten kombinieren und dass der Literaturbetrieb und Stuttgart 21 zusammengehen, ist eh klar.
Heinrich Steinfest: Wo die Löwen weinen. Theiss 2011. Gebundene Ausgabe, 280 Seiten. 19,90 Euro.
Stefanie Wider-Groth: Schlossgartensterben. Theiss 2011. Taschenbuch, 240 Seiten. 12,90 Euro.
Michael Krug: Bahnhofsmission. Gmeiner, 4. Auflage 2010. Taschenbuch 273 Seiten. 9,90 Euro.
Klaus Wanninger: Schwabensommer. kbv 2010. Broschiert, 343 Seiten. 9,90 Euro.
Christine Lehmann: Malefitzkrott. Argument Verlag 2010. Taschenbuch 318 Seiten. 11 Euro.
Monika Spang, Kostas Koufogiorgos: Frau Schächtele will oben bleiben. Silberburg 2011. Gebunden, 32 Seiten. 6,95 Euro.
