
- Amazon - Piperverlag
Es gibt Romane, die fallen einem irgendwie in die Hände. Man blättert dann ein wenig darin herum und ist mit einem Mal derart begeistert, dass man es nicht zu lesen anfangen mag, weil ein jedes Buch ein Ende hat, was bei sehr guten Büchern ja besonders schmerzlich ist.
"Ich dich auch nicht" ist ein solcher Roman, und der 1990 geborene Franzose Sacha Sperling schenkt uns damit eines der besten Romandebüts der vergangenen Jahre. Ein Buch, das eine besondere Geschichte hat: Mit 14 hat Sperling begonnen, es zu schreiben, knapp drei Jahre später verwarf er es dann komplett und fing noch einmal von vorne an. Vielleicht war es diese für einen so jungen Menschen eher ungewöhnliche Fähigkeit der kritischen Distanz zum eigenen Werk, warum dieses Buch derart gelungen ist. Wie dem auch sei - Sacha Sperling empfiehlt sich uns als literarisches Wunderkind, so wie es 2010 die 22-jährige Antonia Kerr mit ihrem beeindruckenden Erstlingswerk "Des Fleurs pour Zoe" gewesen ist.
Eine Clique frönt in Paris Sex und Drogen, und fühlt sich dabei im Nichts geborgen
Der 14-jährige Sacha und seine Freunde leben nach dem Motto "Nenn die Nacht nicht Nacht!". Dies scheint gar ihr Lebenselixier zu sein, und so streifen sie rastlos durch Paris und liefern sich dabei dem Sog des nächtlichen Treibens an der Seine und in der Gegend um den Jardin du Luxembourg aus. Alles, was sie dabei tun und auch lassen, tun und lassen sie in der festen Überzeugung, dass diese Welt zum Kotzen ist. Im allgemeinen, wie auch im besonderen, und selbst der eigene Körper scheint in dieser destruktiven Gemengelage eine arge Belastung darzustellen. All den Zumutungen am Tage versuchen sie sich in der Nacht zu entziehen, ihre Streifzüge stellen so eine Art Protest gegen Schule und Elternhaus - Sachas überbekümmerte 68-er Mutter ist eine fleischgewordene Zumutung - dar.
"Ich dich auch nicht" ist keine Liebesschmonzette mit "Coming-Out"-Garnitur
Was die Jugendlichen am Tage erleiden, versuchen sie des Nachts mit mehr oder weniger gutem Sex und mit Drogen auszugleichen. Und obwohl sie bei alledem chronisch übermüdet zu sein scheinen, hält sie die Angst, in dem von ihnen erwählten Leben etwas verpassen zu können, aufrecht. Passionen und Enttäuschungen geben sich bei den nächtlichen Streifzügen die Klinke in die Hand, und die Lebensverrückten wirken in diesem Prozess seltsam verloren, sie scheinen sich gar im Nichts geborgen zu fühlen. Sacha selbst nimmt bei alledem die Rolle des Coolen ein, ist aber eigentlich gar nicht cool, sondern eher hilflos, fast unschuldig, dies vor allem, wenn es um seinen Kumpel Augustin geht. Bei den beiden wechseln sich Anziehung und Abstoßung derart munter ab, dass einem beim Lesen zeitweilig schwindelig wird. So werden die beiden gar zu Sexpartnern, trotzdem kippt das Buch an keiner Stelle zu einer dieser Honeymoon-Schmonzetten mit Coming-Out-Garnitur um. Im Gegenteil: "Ich dich auch nicht" romantisiert die Liebe nicht, sondern kommt überraschend abgeklärt daher.
Ein Roman wie einst J. D. Salingers "Der Fänger im Roggen". Nur anders, vor allem besser!
Sacha Sperlings Sprache ist handwerklich einwandfrei, dabei grandios unkonventionell, mal weich, dann wieder schroff und meist ungeheuer provokant. Sperling hat einen durch und durch gelungenen Stakkato-Rhytmus gewählt, gelungen deshalb, weil die Sprache sinnbildlich ist für das schnelle Leben, das diese Jugendlichen zelebrieren. Streckenweise kommt das Buch auch monoton daher, was aber kein Hänger ist, den sich Sperling beim Verfassen geleistet hat, sondern der "Leck-Mich!"-Einstellung der handelnden Personen entspricht, vor allem der von Sacha selbst, der an einer Stelle meint, es habe sich "eine Glasscheibe zwischen mich und die Welt geschoben." Solche inneren Dialoge gehören insgesamt zum Besten dieses Buchs.
Sacha Sperling schafft es bei alledem, auch die erwachsenen Leser in die Zeit des einst selbst erlebten (und vor allem erlittenen) Taumels der Jugend zurückzuversetzen, und Kritikerkollegen meinen, Reminiszenzen an Salingers "Der Fänger im Roggen" entdeckt zu haben. Für den Verfasser dieser Rezension gilt das in allererster Linie insofern, dass "Ich dich auch nicht" anders, aber vor allem besser ist als Salinger! Auch deshalb, weil man das Buch am Ende zuklappt, dies aufgewühlt durch eine vielleicht diffuse Angst, irgendeine Intention Sperlings nicht verstanden zu haben, was dann gleichwohl ein gutes Argument ist, es irgendwann noch einmal zu lesen.
