Safeta Obhodjas: aus ihrem Ärger wurde Literatur

Lesung mit Safeta Obhodjas - M. Conlan
Lesung mit Safeta Obhodjas - M. Conlan
Safeta Obhodjas ist in Bosnien geboren, nach Deutschland emigriert, Muslima und Frauenrechtlerin, aber vor allem Schriftstellerin.

Safeta Obhodjas, Jahrgang 1951, war wütend über das kommunistische Regime in Bosnien: es wurde plakative Politik gemacht, vieles schön geredet, überdeckt, Gleichberechtigung bestand nur zum Schein. Ihr Ärger wurde zum geschriebenen Wort und seitdem erhebt sie immer wieder ihre Stimme als Schriftstellerin.

Obhodjas lässt sich von keiner Gruppe instrumentalisieren

Sie schreibt so, wie sie es möchte und lässt sich von keiner kulturellen Elite, von keinen Lektoren, Verlagen oder ideologischen Gruppe etwas aufzwingen. Sie lässt sich nicht instrumentalisieren. Sie schrieb auch gegen die Erwartungen ihres Großvaters, der sie bei ihrer schriftstellerischen Laufbahn förderte. Er wollte, dass sie den Islam positiver darstellt, doch sie stellt ihn so dar, wie sie ihn empfindet. Ein Serbe brachte ihr das schriftstellerische Handwerk bei, ihrem Mentor ist sie heute noch sehr dankbar. Ehrlichkeit ist ihr ein großes Anliegen. Sie schreibt gegen Unterdrückung und Gewalt. Sie schreibt über selbst Erlebtes und Personen, die ihr begegnen - mit Humor und Ironie gewürzt.

Legenden und Staub - islamisch-christliche Pfade

Vor dreißig Jahren begann sie in Bosnien, auf bosnisch zu schreiben. Im Rahmen der "ethnischen Säuberung" im Balkankrieg kam sie 1992 nach Deutschland ins Exil und fand in Wuppertal eine neue Heimat. Obhodjas erhielt ein Stipendium für das Künstlerdorf in Schöppingen, im Münsterland. Hier entstand vor nun elf Jahren das Buch "Legenden und Staub. Auf islamisch-christlichen Pfaden des Herzens", damals noch auf bosnisch geschrieben, liegt es auch in deutscher Übersetzung im LIT Verlag Münster vor. Im Künstlerdorf hatte sie endlich mal Zeit ohne jeden materiellen Druck sich ganz dem Schreiben zu widmen. Hier begegnete sie als islamisch-bosnische Emigrantin dem assyrischen Christen Sargon Boulos. Gespräche und Erzählungen beider auf ihrer Suche nach den eigenen traditionellen Wurzeln stellt sie im Buch nebeneinander.

Obhodjas schreibt über das, was sie bewegt

1998 erschien auf deutsch "Scheherezade im Winterland". Darüber sagt die Autorin: "Ich entführe sie in meine Welt, wo es nicht immer bequem ist": Obhodjas beschreibt das Leben einer geschiedenen Schriftstellerin in der Männergesellschaft Bosniens. Bosnische Gegenwartsliteratur, offen und ehrlich, kritisch beobachtend, das ist Obhodjas Anliegen. "Das, was mich bewegt, was in meinem Kopf steckt, kann anderen helfen". Die Autorin hat schon vor Jahren über kulturelle Konflikte geschrieben, die heute eine neue Aktualität erfahren. So ist sie inzwischen für Lesungen und Veranstaltungen mehr gefragt als eh und je. "Jetzt teile ich meinen Kopf", damit meint Obhodjas, dass sie bosnische Probleme in ihrer Muttersprache beschreibt und deutsche Themen in deutscher Sprache zu Papier bringt.

Helene Stöcker und Safeta Obhodjas

2009 erschien von ihr ein Hörstück über Helene Stöcker, geboren in Wuppertal im 19. Jh, gestorben 1943 im Exil, von den Nazis nach New York geflohen. Stöcker war die erste deutsche Philosophin. Und hier finden sich viele Parallelen zur Biografie Obhodjas: auch Emigrantin, ebenso Frauenrechtlerin und Freiheitskämpferin, zudem vom Krieg geprägt. Dieses veranlasste Obhodjas zu einem fiktionalen Gespräch und einer besonderen literarischen Annäherung an die Stadt Wuppertal im Vergleich damals und heute.

Gegen häusliche Gewalt

Obhodjas bewegt das große Problem familiärer, häuslicher Gewalt gegen Frauen im heutigen Bosnien, unabhängig von der Berufsbildung oder Religionszugehörigkeit, begründet in der Tradition ihres Volkes. Ohne Solidarität der Frauen und Aufklärung der jüngeren Generation, was es bedeutet, gleichberechtigt zu leben, kann diese Gewalt nicht beendet werden. Sie wird weiterhin dagegen mit ihrem literarischen Werk rebellieren.

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