Sagen und Legenden - Kunde von Ereignissen vergangener Tage

Sagen: der Kyffhäuser - Rainer Brückner/pixelio.de
Sagen: der Kyffhäuser - Rainer Brückner/pixelio.de
Im Gegensatz zu Märchen haben Sagen und Legenden zumeist literarische Quellen. Unglaubliche Begebenheiten machen den Leser staunen über eine wundersame Welt

"Im Jahre 1009 wurde Willegis, ein frommer und gelehrter Mann, zum Bischof von Mainz gewählt. Er war aber von geringer Herkunft und sein Vater ein armer Wagnersmann gewesen. Des hassten ihn die adligen Turmherren und Stiftsgenossen, nahmen Kreide und maleten ihm verdrießweise Räder an die Wände und Türen seines Hauses; gedachten ihm damit eine Schmach zu tun. Als der fromme Bischof ihren Spott vernahm, da hieß er einen Maler rufen; dem befahl er, mit guter Farbe in alle seine Gemächer weiße Räder in rote Felder zu malen, und ließ dazusetzen einen Reim, der sagte: 'Willegis, Willegis, denk, woher du kommen sis.' Daher rührt, dass seit der Zeit alle Bischöfe zu Mainz weiße Räder im roten Schild führen und die Stadt selbige bis auf den heutigen Tag in ihrem Wappen trägt.“

Die Sage vom Rad im Mainzer Wappen zeigt sehr schön den Unterschied zum Märchen, dessen Handlung im Gegensatz zu Sagen und Legenden frei erfunden und weder zeitlich noch örtlich festgelegt ist.

Sagen und Legenden von der Rückkehr Scheintoter

Sagen und Legenden – wesentlicher Unterschied zwischen beiden ist, dass die Legende eine enge Beziehung zur literarischen Tradition hat und es sich hauptsächlich um Heilige aus der christlichen Glaubensgeschichte handelt – weisen zum Teil ein hohes Alter auf. Oft sind sie auch überregional bekannt. Vor allem aber sind sie mit einem bestimmten Ort verknüpft. Etwa die seit dem 15. Jh. bekannte Sage von der Rückkehr einer als scheintot beerdigten Frau, die mit der historisch nicht nachweisbaren Richmodis von Aducht verbunden und in Köln verortet ist. Endes des 17. Jh. erfuhr die Kölner Sage noch eine Erweiterung durch die Begründung, weshalb zwei Pferdeköpfe aus dem Bodenfenster des Hauses herausschauten. Seit dem hohen Mittelalter existiert eine ganze Fülle erbaulicher Geschichten. Mönchen wird die Fähigkeit des Bannens von Geistern zugeschrieben. In anderen mirakulösen Berichten geht es um überraschende Rettung aus tiefer Not, die Bekehrung Ungläubiger und die Abwehr böser Mächte, die gemeinhin im Teufel personifiziert ist.

Sagen von überraschenden Schatzfunden und anderen Wundersamen

In späterer Zeit, mit der Industrialisierung, kamen neue Themen zum Sagen- und Legendenschatz. Die vielen Bergwerks-Sagen bildeten sich. Der Mensch verlangte nach Begründungen für überraschende Silber- und Schatzfunde. Im Saargebiet etwa, oder im Bergischen Land, im Ruhrgebiet oder dem Harz. Fremde Schatzgräber und Silberschürfer werden als geheimnisumwittert geschildert, die mit dem Teufel verbündet sein sollen. Spukgeschichten aller Art künden von unheimlichen Vorfällen aus der Vergangenheit. Schlösser und Burgen werden numinose Orte. Die so genannte weiße Frau sorgt dort als Wiedergängerin für Unruhe. Alle denkbaren dämonologischen Sagenmotive kommen zum Einsatz. Die Wechselbalg-Sagen, (Vertauschung eines Kindes) die seit dem 16. Jh. eine reiche Überlieferung entfalten, kommen auch in späteren Jahrhunderten noch gut an. Die erzählerische Fantasie sorgte oftmals für eine Vermischung historischer Fakten mit geschichtlich nicht nachweisbaren Begegebenheiten.

Von Zwergen und Heinzelmännchen

Neben Riesen, die auf Bergen wohnen und dank ihrer ungeheuren Kräfte das Siebengebirge erschaffen haben sollen, gibt es auch die kleinen Wesen. Erdgeister, die im Innern von Bergen oder in unterirdischen Höhlen wohnen und vor allem am Niederrhein und am Rande des Harzes angesiedelt sind. Die Zwerge leben in familienähnlch gedachten Völkern und sind, wie alle jenseitigen Wesen, ambivalent. Sie benötigen Menschen und belohnen sie mit reichen Schätzen, bestrafen aber andererseits Raffgier und Neugierde. Heinzelmännchen, ähnliche Wesen wie die Zwerge, sind eine Art Schutzgeister, die Glück und Segen bringen und heimlich Hausarbeiten verrichten. Der Dichter August Kopisch (1799-1853) stellte die Heinzelmännchen 1836 erstmals in einem Gedicht vor: "In der Nacht bauten sie für den Zimmermann die Häuser, backten für den Bäcker das Brot, nähten für den Schneider die Kleider ..., bis die neugierige Schneidersfrau auf der Treppe Erbsen verstreute, um die emsigen Helfer zu überlisten. Da verschwanden sie für immer. Und nun muss wieder ein jeder fein selbst fleißig sein. Ach, dass es noch wie damals wär! Doch kommt die schöne Zeit nicht wieder her.“

Sagen mit Kristallisationsgestalten

Unter den Sagen existiert eine Vielzahl, die mit geistlichen und weltlichen Kristallisationsgestalten wie etwa Albertus Magnus, Karl dem Großen, dem berühmten Dichter Archipoeta, dem Bischof Benno von Meißen oder dem Abt von Trittenheim und vermeintlichen Zauberer verbunden sind. Dazu gehört auch die Sage Der Rosenstrauch zu Hildesheim um Kaiser Ludwig den Frommen. Der Kaiser verlor in der Nähe von Hildesheim zur Winterzeit im Schnee sein Kreuz, das er immer bei sich trug. Sein Diener fand es schließlich mitten im Wald auf einen grünenden Rosenstrauch. Ludwig befahl alsbald, am Fundort eine Kapelle errichten zu lassen und den Altar dort hinzusetzen, wo der Rosenstrauch stand.

Bei den Sagen mit Kristallisationsgestalten darf auch das Motiv des schlafenden Kaisers im Berg nicht fehlen, das gerade im 19. Jh. in vielen Sagen mit Herrschergestalten in Verbindung gebracht worden ist: Friedrich I. Barbarossa (um 1125-90), dem mächtigen Kaiser, der mit seinem Heer im Kyffhäuser auf den Tag warte, bis die Raben nicht mehr um den Berg flögen. Bis zum Jüngsten Tag sei er im Kyffhäuser, doch wenn er dann hervorkomme, heißt es wörtlich: "wird er seinen Schild hängen an einen dürren Baum, davon wird der Baum grünen und eine bessere Zeit werden.“ Bis diese Zeit kommt, kann der Kaiser am Kyffhäuser-Denkmal, hoch oben am Berg, besucht und bestaunt werden.

Quellennachweis: Deutscher Sagen Schatz, Diederichs

Bildnachweis: © Rainer Brückner / pixelio.de

Annelore Poljasevic, Annelore Poljasevic

Annelore Poljasevic - Ich bin 1952 im mittelalterlichen Rothenburg ob der Tauber geboren und habe (weil es sich so ergeben hat) den nüchternen Beruf der ...

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