Von wegen, der Kalte Krieg sei längst vorbei. Eine russische Verschwörung riesigen Ausmaßes droht in einem verheerenden Atomkrieg zu münden. Nur die beste Stute im CIA-Stall, Evelyn Salt, kann die Katastrophe noch verhindern. Oder steckt sie am Ende nicht gar mit den Verschwörern unter einer Decke?
„Salt“: Action mit Angelina Jolie
Mit „Salt“ feiert Angelina Jolie ihr furioses Comeback im Actiongenre. Zwei Jahre nach dem lauen „Wanted“ kehrt sie in die Fußstapfen von „Tomb Raider“ zurück und präsentiert sich als die schärfste Waffe des cineastischen Feminismus: Männer legt sie nicht mit Augenauf-, sondern Handkantenschlag aufs Kreuz, in jeder noch so brenzligen Situation bewahrt sie die Ruhe und selbst nordkoreanische Folterknechte entlocken ihr keinen Geheimnisverrat. Actionspezialist Phillip Noyce („Die Stunde der Patrioten“, „Das Kartell“) bedient sich in „Salt“ hemmungslos bekannter Klischees und gängigen Konventionen des Genres. Gestützt wird sein wackelig inszenierter Thriller von einer entfesselt aufspielenden Angelina Jolie.
Salt versalzt der CIA die Suppe
Evelyn Salt (Angelina Jolie) ist ihres Zeichens CIA-Agentin und die Beste ihres Fachs. Ihre unglaubliche Zähheit stellt sie in einem nordkoreanischen Lager unter Beweis, wo sie sämtlicher Folterkunst trotzt, bis sie endlich von der CIA gegen einen feindlichen Agenten ausgetauscht wird und zurück in die Heimat darf. Zu Hause angekommen erfreut sie sich an der Liebe zu ihrem Ehemann, dem deutschen Arachnologen Mike (August Diehl).
Doch ihre Pläne für eine entspannte Hochzeitstagsfeier werden vom Auftauchen des mysteriösen russischen Überläufers Vassily Orlov (Daniel Olbrychski) durchkreuzt. Dieser behauptet, er sei Teil einer ungeheuren Verschwörung gewesen, in deren Zuge dutzende russische Schläfer in die USA eingeschleust worden seien. Eine dieser Schläferinnen würde planen, den in New York einer Beerdigung beiwohnenden russischen Präsidenten Matveyev (Olek Krupa) zu ermorden. Und mehr noch: Bei dieser Attentäterin handle es sich ausgerechnet um Evelyn Salt!
Obwohl sie in einem CIA-Gebäude festgehalten wird, gelingt der äußerst gewieften Salt die Flucht, was sie natürlich noch verdächtiger macht. Toppagent Peabody (Chiwetel Ejiofor) und Salts bester Freund Ted Winter (Liev Schreiber) heften sich an ihre Fersen, scheitern aber bei ihren Versuchen, sie dingfest zu machen. Im Gegenteil gelingt Salt die Flucht nach New York, wo sie den russischen Präsidenten ins Visier nimmt …
Angelina Jolie: Als „Salt“ Pfeffer im Hintern
Selbst in seinen besten Kinozeiten stand auch ein Arnold Schwarzenegger nie dermaßen im Mittelpunkt eines Films, wie Angelina Jolie. „Salt“ erweckt den Eindruck, rund um die bemerkenswerten Kurven der Hauptdarstellerin herum produziert worden zu sein. Kaum eine Szene findet ohne Brad Pitts besser verdienende Hälfte statt und viele Einstellungen der „Tomb Raider“-Heroine ähneln Model-Shootings.
Freilich handelt es sich dabei um jene Szenen, in denen Angelina Jolie perfekt ausgeleuchtet und geschminkt im Mittelpunkt steht und nicht agiert, als hätte sie Pfeffer im Hintern. Trotz ihrer überaus fragilen Figur vermöbelt sie weitaus kräftiger gebaute Agenten und Schurken, ohne sonderlich außer Puste zu geraten. Apropos „Tomb Raider“: Wenn sich Salt in einem Aufzugschacht von Stockwerk zu Stockwerk schwingt oder mit einem Sprung vom Dach eines auf dem Highway dahinpreschenden Sattelschlepper aufs Dach eines vorbeifahrenden Milchtankers wechselt, wähnt sich der eine oder andere Zuschauer vermutlich beim Zocken eines Computerspiels. Trotzdem wirkt Jolie in jedem ihrer Stunts – ob tatsächlich von ihr, wie verlautbart wurde, oder doch von einem Double ausgeübt sei dahingestellt – glaubwürdig, was beileibe keine Selbstverständlichkeit ist. Der Versuchung, den größten Teil des Films bequem per CGI zu generieren, widerstand der routinierte australische Regisseur Phillip Noyce bravourös.
Die weibliche Antwort auf James Bond
Wenn James Bond eine Frau wäre, müsste die Rollenwahl unweigerlich auf Angelina Jolie fallen. Zugegeben: Seit Sigourney Weaver als unerschrockene Ellen Ripley in der „Alien“-Saga die letzte Männerbastion „Actionfilm“ erfolgreich stürmte, hat sich das einst schwächere Geschlecht einen fixen Stammplatz im Genre erkämpft. Doch trotz hochkarätiger Konkurrenz wie etwa Uma Thurman oder „Resident Evil“-Star Milla Jovovich agiert Angelina Jolie in einer ganz eigenen Kategorie und sticht unter den Heroinen eindeutig hervor.
Wie sie die spröde Schönheit verkörpert, die selbst nach tagelanger Folterung ungebrochen und vital wirkt, das hat Klasse und Stil. Ganz zu schweigen davon, dass keine andere Schauspielerin über dermaßen beeindruckende Schlauchbootlippen verfügt, die beim Schmollen zu platzen drohen.
Aufs Tempo gedrückt
„Salt“ drückt 100 Minuten lang permanent aufs Tempo, was auch bitter notwendig scheint, um den Zuschauer von der hanebüchenen Handlung abzulenken. Denn der reichlich krude Plot aus Kaltem Krieg, Verschwörung und Agenten unter bösem Verdacht alleine lockt wohl niemanden unterm Ofen hervor. Klugerweise scheint dies Philip Noyce klar gewesen zu sein, weshalb er bereits nach wenigen Minuten sein Actionfeuerwerk abbrennt.
Innerhalb weniger Minuten wird Evelyn Salt von Nordkoreanern gefoltert, darf danach noch kurz ihren deutschen Ehemann Mike Krause (die verdächtige Namensähnlichkeit zu Mickie Krause ist hoffentlich nur Zufall) anschmachten, wird wenige Minuten darauf als Doppelagentin verdächtigt, muss sich mittels Reinigungsmitteln den Weg aus dem CIA-Quartier freisprengen und befindet sich fortan unentwegt auf der Flucht.
Wer ist Tom Cruise?
Die ursprüngliche Besetzung der Hauptrolle war mit Tom Cruise geplant. Aber der einstige Boxoffice-King drehte stattdessen „Knight and Day“ und entging nur haarscharf einem Flop. Was für Tom Cruise bedauerlich ist, erweist sich für den Zuschauer als Glücksfall. Angelina Jolie spielt in „Salt“ völlig entfesselt auf und empfiehlt sich für weitere Actionfilme, die nicht lange auf sich warten lassen sollten.
Dass der Streifen selbst wenig mehr als eine explosive Fingerübung zwischendurch ist, dessen vermeintlich überraschende Plotwendungen selbst unbedarfte Rezipienten mühelos vorhersehen können, spielt dabei keine Rolle. Manchmal stillt auch ein herzhafter Snack den Hunger, wie es hierbei der Fall ist. „Salt“ ist weit davon entfernt, mehr als nur gutes Mittelmaß darzustellen. Doch dank Angelina Jolie entpuppt sich der im Grunde biedere Actionstreifen als unterhaltsames Spektakel ohne jeglichen Tiefgang.
Übrigens verkörperte zuvor erwähnte Sigourney Weaver die „Alien“-Jägerin Ellen Ripley nur deshalb, weil Paul Newman abgesagt hatte. Der Rest ist nicht einfach nur Filmgeschichte, sondern auch die Erkenntnis, dass die zweite Wahl oft sogar die bessere ist. Davon weiß jetzt auch Tom Cruise ein Lied zu singen …
