
- Samnauner Bergwelt - Melanie Bürkle
Im schweizerischen Bergdorf Samnaun sagen sich noch Fuchs und Hase gute Nacht. Die Skipisten teilt sich der beschauliche Flecken allerdings mit dem weltbekannten und äußerst beliebten österreichischen Ski- und Partyort Ischgl. Fluch oder Segen?
Über zwei enge, wendige Passstraßen gelangt man in ein langgezogenes Tal umgeben von schneebedeckten Zwei- und Dreitausendern. Gerade einmal 800 Einwohner zählt das kleine Dorf am Ostrand des schweizerischen Kantons Graubünden. Aber hier in Samnaun liegt er, der perfekte Ausgangspunkt, auf rund 1800 Metern, für einen erholsamen Skiurlaub. Denn hier gibt es keine langen Schlangen vor der Gondelbahn. Vom Massentourismus ist man weit weg. Denn nur verhältnismäßig wenige Touristen verirren sich in das zollfreie Urlauberparadies.
Skiparadies für Individualisten
Bis vor über 40 Jahren säumten gerade einmal zwei kleine Skilifte die Gemeinde Samnaun. Damals galt das schneesichere Gebiet noch als reines Skitouren-Eldorado. „Nur wahre Individualisten kannten den Geheimtipp“, erinnert sich Hans-Peter Engelhart, Niederlassungsleiter des Tourismusverbandes Engadin-Samnaun. Doch die Zeiten änderten sich. Genau auf der gegenüberliegenden Seite des Sivretta-Gebirges entwickelte sich der österreichische Ort Ischgl mehr und mehr zum begehrten Feriendomizil. Hier verfügte man zu jener Zeit bereits über zwei Seilbahnen hinauf auf die Idalp. Und weitere Skilifte folgten bald. Erst 1978 machte man sich an die Erschließung von schweizerischem Boden aus. Das Örtchen Samnaun wollte sich seinen beschaulichen Reiz beibehalten.
Alpen - Romantik statt Hüttengaudi
Während Ischgl fortan auf die Masse an Touristen Wert legte, immerzu Hotels und Skilifte baute, blieb sich das eidgenössische Zollausschlussgebiet treu. „Bis heute lautet unser Motto: Klein, aber fein“, erklärt Engelhart. Zwar errichteten die Samnauner 1995, um seine Besucher noch schneller in das wachsende Skigebiet zu chauffieren, die erste Doppelstockbahn der Welt, trotzdem änderte sich nichts an dieser Devise. Bis heute verfügt Samnaun lediglich über 2600 Gästebetten und begrüßte in der letzten Skisaison rund 250 000 Wintersportler. Im Vergleich zu Ischgl sind diese Zahlen natürlich „Peanuts“. Mit knapp 15000 Gästebetten ist der Ort in Tirol einfach „das Epizentrum der Alpen." Aber Engelhart kann darüber nur lächeln: „In Ischgl macht´s die Masse, bei uns die Romantik.“ Denn wer auf der Schweizer Seite heiße Aprés-Skipartys erwartet, liegt falsch. „Halli-Galli“ ist im eidgenössischen Bergdorf eher eine unbeträchtliche Nebensache. „Samnaun-Urlauber möchten nach einem anstrengenden Skitag hauptsächlich relaxen“, erzählt der Betriebswirt. Daher verfügen nahezu alle Unterkünfte über großzügige Wellness-Angebote, anstatt einer Disco. Wem dennoch nach Feiern ist, der kommt auf der Fetenhütte „Schmuggleralm“ nicht zu kurz.
Im schweizer Samnaun in Ruhe zollfrei einkaufen
Aufgrund des schwachen Euro fällt es derzeit natürlich schwer mit dem Preisniveau des Tiroler Skisportortes Ischgl mitzuhalten. Das weiß selbst Engelhart: „Der schwächelnde Euro macht sich bei den Unterkunftspreisen bemerkbar und das Vier-Sterne-Hotel schlägt hier leider mehr zu Buche.“ Lift- sowie Verköstigungspreise sind jedoch im gesamten Skigebiet ausgeglichen. Und sollte der Euro wieder steigen, ist der Schweizer Skipass sogar billiger, erwähnt Engelhart. Ebenfalls günstiger kommen die Urlauber beim Shoppen in Samnaun weg. „Preisgünstig Uhren, Parfum, Alkohol oder Tabak, sogar billigen Sprit gibt es bei uns“, informiert der Leiter.
Den zollfrei-Status, den Samnaun aufgrund der schweren Zugänglichkeit 1892 zugesprochen bekam, konnte sich der Ort glücklicherweise bis heute bewahren und ist die Triebfeder der hiesigen Wirtschaft geworden. „Auch die Touristen, die nur zum Shoppen kommen, sind sehr wichtig für uns“, gibt Engelhart zu. Trotzdem ist es nicht das Ziel des schweizerischen Ortes am Fuße des Silvretta-Gebirges auf die noch immer wachsende Ischgl-Maschinerie aufzuspringen. Denn der „Ballermann der Alpen“ will weiter ausbauen: noch mehr Feriengäste auf die Berge karren, noch mehr Eventtourismus betreiben. Sogar eine Beschneiung des kompletten Skigebietes ist geplant. Engelhart sieht dem abermals schmunzelnd entgegen: „Sollen Sie machen, schließlich profitieren unsere Gäste von den Vorzügen im Skigebiet am Ende auch.“ Angst, Urlauber an die Konkurrenz im Ort auf der anderen Seite der Berge zu verlieren hat der Niederlassungsleiter nicht. „Wir leben hauptsächlich von Stammgästen. Gleichwohl wünschen wir uns natürlich viele neue Gäste begrüßen zu können, die die hiesigen Vorzüge zu schätzen wissen“, sagt er zuversichtlich. Engelhart hält die Lage des ruhigen, charmanten Bergdorfs letzten Endes eher für einen Segen. Denn nirgendwo sonst in den Ostalpen lassen sich so viele Pistenkilometer – rund 240 - mit modernsten Liftanlagen noch beschaulich genießen.
Nähere Infos über Samnaun unter: www.samnaun.ch
Test zum Skigebiet: www.alpensicht.com/Schweiz_Bewertung/schweiz_samnaunl_bewertung.htm
