
- Zentrum São Paulo - Angelika Gerber - Pinto Lobo
Die Entstehungsgeschichte der 11 Millionen Einwohnerstadt São Paulo erstreckt sich über Jahrhunderte. So interessant die Gründung und Entwicklung der Millionenmetropole auch ist, so ist sie doch auch ziemlich traurig. Die Ureinwohner Brasiliens wurden nicht nur aus ihren Heimatdörfern vertrieben, sondern sie wurden während des Kolonialisierungsprozesses auch ihrer Kultur und Sprache beraubt, beim Versuch von Jesuiten sie zu gläubigen Christen zu konvertieren. Die Entstehung der Stadt São Paulo basiert auf solchen– in Augen der Europäer – „guten“ Absichten und Maßnahmen diese "Haiden" zu bekehren.
Die Ureinwohner Brasiliens: ein unbeschriebenes Blatt für die Europäer
Der portugiesische Herrscher Manuel I versprach dem Papst die „Haiden“ in den neu-eroberten Gebieten zu bekehren und stellte dem damaligen Gouverneur eine jesuitische Mission zur Seite. Anfangs waren die Jesuiten noch voller Begeisterung darüber, mit diesen Menschen ein unbeschriebenes Blatt vorzufinden und diese nach ihren Vorstellungen zu formen. Dabei ging der katholische Orden davon aus, dass sich die indigenen Völker Brasiliens problemlos bekehren lassen würden. Als die Jesuiten aber auf Widerstand trafen, wurde ihnen schließlich klar, dass es viel schwieriger war die brasilianischen Ureinwohner zu konvertieren, als zunächst angenommen. Da es zudem zahlreiche Stämme gab, die nicht nur sehr verstreut waren, sondern auch vor der Sklaverei und den Einflüssen anderer Kolonisatoren bewahrt werden mussten, gründeten sie um ihre Kirchen herum Dörfer – sogenannte „Aldeias“. Eines der berühmtesten Aldeias war São Paulo dos Campos de Piratininga.
São Paulo dos Campos de Piratininga
Aldeias wurden errichtet um die Ethnien verschiedener Stämme gemeinsam anzusiedeln und so die Vermischung und dadurch auch die Entfremdung von der jeweils eigenen Kultur zu beschleunigen. Neben der Vermischung von verschiedenen Ethnien war auch die Konvertierung der Ureinwohner Ziel der Mission. Eine solche Missionsstation entstand 1554 auch am Ufer des Flusses Tietê und nannte sich São Paulo dos Campos de Piratininga. Die Gründung von São Paulo dos Campos de Piratininga markierte nicht nur die Entstehung der heutigen Stadt São Paulo, sie war auch der Anfang vom Ende; zumindest für tausende von Stammesangehörige der Tupi-Guarani Ureinwohner.
São Paulo im 21. Jahrhundert
Heute lebt nur noch eine geringe Anzahl an Angehörigen des Stammes Guarani, ausgegrenzt vom Rest der Bevölkerung, am Rande São Paulos. Sie machen das kleinste, von Indianern besiedelte Gebiet in Brasilien aus. Nach wie vor Opfer von Diskriminierung und gerichtlichen Verfolgungen, sind die Gebiete der indigenen Völker auch heute noch von großem wirtschaftlichen Interesse. Diese Besitzgier mit der die Kolonialisierung des Landes begann, spiegelt sich im São Paulo der Gegenwart wieder, wo man in dem einst so grünen, vom atlantischen Wald bedeckten Gebiet vor lauter Betonbauten und Straßen kaum mehr erahnen kann wie es dort vor langer Zeit einmal ausgesehen hat.
Wirtschaftlicher Wachstum versus Armut und Ausgrenzung
Während die übrig-gebliebenen indigenen Völker damit beschäftigt sind ihre Sprache und Kultur zurück zu gewinnen, wächst eine andere Bevölkerungsschicht heran, die aufgrund ihrer Armut ebenfalls abgegrenzt vom Rest der Bevölkerung lebt. Da viele Einwohner von anderen Teilen Brasiliens auch am wirtschaftlichen Wachstum und Erfolg der Stadt São Paulo teilhaben wollten, zog es vor allem Nordbrasilianer in den Südosten des Landes. Sie erhofften sich dort Arbeit und Wohlstand zu erlangen, landeten aber zum großen Teil auf der Straße oder in Slums, als der erhoffte Erfolg ausblieb. Während in den letzten Jahren die Einwohnerzahl rasant gestiegen ist, so stieg auch die Armut in der wirtschaftlichen Metropole Brasiliens. So wie die brasilianischen Ureinwohner Jahrhunderte lang ausgegrenzt vom Rest der Bevölkerung, teilweise in Missionarscamps untergebracht, ihr Leben fristeten, so leben heute sozial Schwache am Rande der Stadt in Slums.
Quellen:
Arte Dokumentation - Brasilien
Harry Adès. The Rough Guide to South America. Rough Guides. 2004
