Es ist noch nicht lange her, da drohte die Welt des Weißweins in Langeweile zu ersticken. Regional gab es natürlich eine Vielfalt von Sorten, international schien es aber nur noch eine Edelrebe zu geben: Chardonnay.
Barrique und Vanille überall
Ein Grund war sicher die Zugänglichkeit dieser Traube. Man musste kein großer Kenner sein, um diesen angenehmen Wein zu mögen. So hatte es der unkomplizierte Chardonnay leicht ab den 1970er-Jahren auch neue Käuferschichten anzusprechen.
Ein zweiter Grund lag im Siegeszug des Barriques. Chardonnay verträgt sich gut mit Eiche und war somit von vornherein für jeden ein Kandidat, der mit Holzfässern experimentierte. Wer als Weinproduzent etwas auf sich hielt, musste auf dem Höhepunkt der Barrique-Welle etwas anzubieten haben, was in französischer Eiche geruht hatte.
Selbst eingefleischte Biertrinker hoben mit Kennermiene die Augenbrauen und riefen aus: „Ah, ein Barrique-Wein“. Verschenkte man eine Flasche mit entsprechendem Aufdruck, galt man als Experte.
Dies betraf natürlich nicht nur Chardonnay. Nahezu alles, was der alkoholischen Gärung zugänglich war, rot oder weiß, wurde mit Holz gepaart. Reben, die traditionell Schoppenweine lieferten, wie etwa der badische Gutedel, wurden so veredelt und gleich ein bisschen teurer verkauft. So duftete der internationale Weinsee geraume Zeit deutlich nach Vanille.
Neuseeland als Kulturschock
Die Winzer des fünften Kontinents sind Leute mit Pioniergeist. Sowohl in Australien wie in Neuseeland braucht man sich wenig um gewachsene Traditionen zu scheren, weil es keine gibt. Man probiert Dinge aus, und wenn sie sich bewähren, hat man damit eine eigene neue Tradition geschaffen.
Was aus der „neuen“ Weinwelt kam, hat Europas Weinmacher häufig schockiert und sie gezwungen, alte Gewohnheiten zu überdenken.
Als unversehens die ersten Flaschen mit Sauvignon Blanc aus Neuseeland exportiert wurden, schien dies die Geburt einer neuen Rebsorte zu sein. Natürlich wuchs die Traube zuhauf auch in Europa, aber solche Fruchtaromen wie die Neuseeländer brachte sie nicht hervor.
Sancerre und Pouilly-Fumé
Besonders die französischen Winzer wurden überrascht. Sie waren schon immer der Meinung gewesen, der Wein sei eine französische Erfindung und sie spielten alleine in der höchsten Spielklasse.
Nun kamen diese Nobodies vom anderen Ende der Welt und die Weintrinker jubelten über eine kraftstrotzende Alternative zum gefälligen Chardonnay. Zwar hatte auch Frankreich gute Sauvignons in den Appellationen Sancerre und Pouilly-Fumé zu bieten. Doch sie waren eher mineralisch als fruchtig und die Erzeuger kümmerten sich mehr um das "Terroir“ ihrer Weine als um den typischen Sortencharakter.
Was hektoliterweise sonst in Frankreich an Sauvignon Blanc produziert wurde, taugte in der Regel wenig.
Ein Wein aus dem Nichts
Die Geschichte des Weinbaus in Neuseeland ist in mancher Hinsicht kurios. Zwar gab es erste Reben dort schon Anfang des 19. Jahrhunderts, aber britisch-stämmige Temperenzler verhinderten, dass die exzellenten Voraussetzungen für eine florierende Weinwirtschaft genutzt wurden.
So wurde die erste Sauvignon Blanc-Rebe 1973 in der Region Marlborough auf der Südinsel Neuseelands gepflanzt. Innerhalb weniger Jahre bekamen die Winzer die Rebe in den Griff und produzierten aufregende Weine.
Weingut Cloudy Bay
Besonders das Weingut Cloudy Bay an der gleichnamigen Bucht in Marlborough machte schnell international Furore, seit es 1985 mit der Vermarktung seines Weins begann. Eine so explosive Entfaltung von Aromen war man von einem Sauvignon Blanc bisher nicht gewohnt.
Manche Traditionalisten fanden diesen expressiven Charakter zu aufdringlich, doch die Weißweinrevolution aus Neuseeland hinterließ ihre Spuren. Der neue, fruchtige Sauvignon wurde auch für Winzer in anderen Weinbaugebieten der Welt zum Vorbild, die Weinkonsumenten nahmen das Angebot gerne an und sogar in Frankreich kam man nicht darum herum, die Konkurrenz ernst zu nehmen. Der Konzern LVMH, Eigentümer so renommierter Champagner-Marken wie Dom Perignon oder Veuve Cliquot und des noblen Château d’Yquem in Sauternes ist heute Teilhaber von Cloudy Bay.
Wie schmeckt Sauvignon Blanc aus Neuseeland?
Nur wenige können Cloudy Bay zu ihrem Alltagswein machen. Aber auch in den Preisklassen unterhalb dieses Vorzeigeweins finden sich Vertreter, die den typisch neuseeländischen Typus eines Sauvignon hervorragend repräsentieren.
Gemeinsam ist all diesen Weinen eine deutliche Säure mit umwerfenden Aromen von Stachelbeere und grüner Paprika. Dazu können Anklänge von Kiwi, Passionsfrucht oder Schwarzer Johannisbeere kommen.
Der Charme des Weins liegt in seiner Frische, weshalb er im Allgemeinen nicht für lange Lagerung gedacht ist. Im Jahr nach der Lese ist er trinkfertig, Spitzenweine gewinnen noch etwas, wenn man sie ein paar Jahre liegen lässt.
Sauvignon zum Essen
Zu Fisch und Meeresfrüchten passt ein frischer, fruchtiger Weißwein immer. Neuseeländischer Sauvignon ist aber so kraftstrotzend, dass er auch einen Gegenpart auf dem Teller gut verträgt. Italienischen Tomatengerichten hält er ebenso stand wie scharf gewürzter asiatischer Küche.
Einige Empfehlungen: Sauvignon Blanc, besonders der aus Neuseeland, ist nicht jedermanns Geschmack. Wer einen unkomplizierten weichen Weißwein sucht, wird ihn vielleicht nicht mögen. Wer aber Riesling für die beste deutsche Rebsorte hält, sollte diese Erfahrung nicht versäumen.
Neben Cloudy Bay seien stellvertretend für andere gute Erzeuger genannt: Grove Hill, Giessen, Hunter’s, Nautilus, Palliser, Seresin.
