
- SchachtZeichen: Winziger Landschaftstupfer - Vera Kriebel
Aktuell: Das RUHR.2010-Großprojekt SchachtZeichen ist am 29. Mai 2010 zum krönenden Abschluss der Aktion von Deutscher Bank und der Standortinitiative "Deutschland - Land der Ideen" im Rahmen des Wettbewerbs "365 Orte im Land der Ideen" ausgezeichnet worden: als Innovationen aus Deutschland.
Innovationspreis bei "Deutschland - Land der Ideen"
Sven Olderdissen, Deutsche Bank AG, begründete den Preis damit, dass über SchachtZeichen Netzwerke entstanden sind "von Menschen, die sich mit der Geschichte ihrer Region auseinandersetzen, die den Bergbau als Teil ihrer Vergangenheit betrachten, als Bestandteil ihrer Gegenwart - aber auch als Perspektive ihrer Zukunft." SchachtZeichen macht die Veränderungen im Ruhrgebiet vom Kohlebergbau bis hin zur Kulturhauptstadt sichtbar, "regt zum Dialog an und verweist auf die Orte, an denen alles begann."
Eine kritische Nachbetrachtung zum Ballonleuchten
SchachtZeichen wollte Zeichen der Erinnerung setzen über den - bis auf ein, zwei Ausnahmen - ehemaligen Zechen und ihren Schächten. Zugleich sollte SchachtZeichen den Blick auf das Heute, den "Strukturwandel" und auf die Zukunft richten. Keine isolierte kulturelle Veranstaltung für das Bildungsbürgertum und auch nicht einfach ein Event - die Beteiligung tausender Unterstützer zusammen mit der Mobilisierung der Bevölkerung, die durch die gesamte Region zu den ehemaligen Schächten tourt, sollte SchachtZeichen zu einer großen Gemeinschaftsaktion machen, ein Zeichen auch für die gemeinschaftliche Kultur dieser Region. SchachtZeichen war zudem konzipiert als gigantisches Landschaftsbild und als mit 4.000 Quadratkilometern "flächenmäßig größtes Kunstwerk der Welt".
War das Projekt in diesem Sinne erfolgreich?
SchachtZeichen als Aufbruch
Über den künstlerischen Wert der SchachtZeichen-Konzeption lässt sich sicherlich trefflich streiten. Gelbe Ballons, die tagsüber als Landschaftsbild wirken und in der Nacht mit dem Vollmond um die Wette strahlen - so wurden die SchachtZeichen in den Medien vermittelt. Dieses Selbstbild des Projekts stimmte aber nicht mit der Wahrnehmung der Bewohner und Besucher überein und hat leider viel zur eher nörgligen Stimmung gegenüber dem Projekt beigetragen. Das Ruhrgebiet ist zu groß für ein solches Landschaftsbild und mit 311 über die Region verstreuten Ballons kann nicht der Eindruck erweckt werden, der in den hübschen Fotomontagen im Vorfeld aufkam. Ironischerweise wurden die Fotomontagen selbst während der SchachtZeichen in der Berichterstattung benutzt, da sie besser als die Wirklichkeit ausschauten (Beispiel dafür unten bei den Fotos). Auch waren die Ballons mitnichten Monde, sondern kleine, mit zwei LEDs beleuchtete Kugeln, die schön, melancholisch und gelb glühten, aber dem Mond in keiner Weise Konkurrenz machten.
Was SchachtZeichen aber - wie im übrigen die Kulturhauptstadt insgesamt - geschafft hat, ist ein - wenn auch nicht allgemeiner - so doch verbreiteter Aufbruch durch die Region. Eine Menge Menschen bewegte sich per Fahrrad oder Auto durch das Ruhrgebiet, um die Standorte abzuklappern oder sich auf Türmen und Halden (vergeblich) einen Überblick zu verschaffen - ein Projekt, das viele Menschen bewegt, das ist ein großer Erfolg!
SchachtZeichen als Erinnerungsprojekt
Der WDR beschrieb SchachtZeichen "als Verbeugung vor der Vergangenheit und Symbol für lebendigen Strukturwandel" - die Frage ist nur, ob man Zechen im Revier vor dem Vergessen bewahren muss. Zum einen ist da der immer noch weit verbreitete Mythos vom Malocher-Revier und die bei vielen Ruhrpöttlern eigensinnig gepflegte rückwärtsgewandte Lebenseinstellung, die sich von Entwicklungen und anderen Weltgegenden abschottet. Zum anderen sind da die "Ewigkeitslasten" des Bergbaus, die alle schon viel Schweiß und Geld gekostet haben und auf "ewig" kosten werden. So wie jetzt bereits der durch die Bergsenkungen gestiegene Grundwasserspiegel vielerorts zu überfluteten Kellern führt, so würde zum Beispiel das Ruhrgebiet "absaufen", wenn die Bergwerkspumpen abgestellt würden, die bis in alle Ewigkeit das Wasser aus den Schächten pumpen müssen.
Ein Teil der Wanderer über die SchachtZeichen-Landkarte war von - manchmal trotzigem - Wehmut erfüllt. Ein anderer, jüngerer Anteil der Besucher sah die alten Schächte eher als exotisches Überbleibsel vergangener Zeiten. In diesem Spannungsfeld befindet sich auch der Strukturwandel im Revier. Dessen Problematik wurde bei SchachtZeichen in Gesprächen oder anhand der von gelben Ballons gekrönten abgezäunten Brachen mit Absauganlagen für Grubengas greifbar.
Der Dortmunder Westen setzte SchachtZeichen
Im Dortmunder Westen waren die Ballons auf der schönen Zeche Zollern II/IV in Bövinghausen, Kley, Oespel, in Huckarde und insbesondere in Kirchlinde echte Highlights. Die Kirchlinder hatten mit dem leicht ansteigenden Gelände des heutigen Sportplatzes einen attraktiven, weit sichtbaren Standort und zudem das Glück, SchachtZeichen mit der traditionellen "Kirchlinder Woche" koppeln zu können, so dass in Kirchlinde wirklich die gesamte Woche über etwas los war. Der Dorstfelder Standort "Am Brümmer" lag zwar insbesondere am Abend und am Wochenende fern jeglicher Menschenströme, war aber dafür ein Hingucker von der S-Bahn (S4) aus.
In Marten war mit der Zeche Germania bis in die siebziger Jahre hinein die größte Zeche Europas beheimatet - das damals höchste Fördergerüst steht jetzt im Bergbaumuseum in Bochum. Da verwundert es schon, dass gerade dieser Standort stiefmütterlich behandelt wurde. Auf dem allgemein bekannten Hauptgelände der Zeche ist inzwischen ein massiv öffentlich gefördertes Groß-Projekt des Christlichen Jugenddorfes (CJD) mit Recycling-Projekt, Gastronomie, Holzwerkstatt und so weiter beheimatet. Dass hier bis auf wenige Stunden am Samstag keine Aktionen stattfanden, sorgte bei vielen Besuchern für Verwunderung und Verärgerung. Der Ballon am Ausgangsschacht I der Zeche Germania an der Steinhammer Straße war zwar sehr gut von Bahn und B1/A 40 sichtbar und auch Standort des Lütgendortmunder Stadtteilfestes, aber abgesehen vom Eröffnungstag abseits jeglicher anderer Aktivitäten gelegen.
30. Mai 2010: Schicht am Schacht
SchachtZeichen war also ein gigantischen Gemeinschaftsprojekt. SchachtZeichen hat den Strukturwandel angedeutet, diente aber vor allem der Erinnerung an alte Zeiten. SchachtZeichen war die erfolgreiche Aufforderung, sich durch die Region zu bewegen und das Ruhrgebiet als eine Vielgestalt - allerdings eher in einer Vielzahl von Schächten - wahrzunehmen. SchachtZeichen ist vorbei. Schade - die gestreuten gelben Landschaftstupfer am blauen Revierhimmel werden bei der Fahrt über B1 oder Emscherschnellweg (A40, A42) fehlen.
Auch wenn weiterhin reale oder virtuelle Schacht-Touren möglich sind. Denn - so meinte ein etwas enttäuschter SchachtZeichen-Besucher - Zechentouren kann man ja auch so - ohne Ballons - unternehmen. Hilfreich dafür ist ein Tool (Schachtzeichen.kmz), das beim Einlesen in GoogleEarth ein Overlay mit allen Ballons und den jeweiligen Standortnamen anzeigt.
Eine Nachbetrachtung zu technischen und organisatorischen Fragen findet sich bei: SchachtZeichen: Technik und Organisation gemeistert. Mehr Infos und Meinungen: Halbzeitbilanz mit Haldentour oder Schlachtzeichen.
