
- Nordsternpark: SchachtZeichen über den Wipfeln - Vera Kriebel
Am letzten SchachtZeichen-Tag wieder eine Witterung, die den zarten gelben Ballons abkömmlich ist. Um 7:30 Uhr am 30. Mai 2010 daher die SMS an alle Helfer: Die Ballons bleiben unten. SchachtZeichen ist zu Ende.
Auch wenn bereits das Gemecker in Foren und an Stammtischen anfängt zu brodeln: Es hat geklappt! Mit Problemen, aber das ist bei einem so großen Projekt eigentlich auch kaum anders zu erwarten. Eine Nachbetrachtung und Würdigung.
Technik nicht ausgereift - Regress?
Die weitaus meisten eingesetzten Ballons schwebten als leuchtend gelbe Kugeln wie geplant am Himmel. Einige Dinge waren aber technisch nicht ausgereift, so war offenbar den Gurten des Sponsors Dolezych nicht genügend Beachtung geschenkt worden, und die Ballonsysteme, insbesondere auch die Ballonhaut, waren längst nicht so robust, wie man sich das vorgestellt hatte. Bei den Schulungen der Helfer wurde ausdrücklich vermittelt, dass es schon Nordsee-Stürme benötige, um die Ballons zu beeichträchtigen. In der harten Realität rissen Gurte oder lockerten sich unter dem Zug, bekamen Ballons schon durch die Anhängerkanten und von ein wenig ruhrgebietstypischem Wind gleich das große Schütteln und Risse - schon bei kleineren Böen und etwas Regen mussten sie am Boden bleiben. An vier von neun Tagen mussten die Ballons "unten" bleiben - das ist fast die Hälfte der Zeit. Es herrschte ruhrgebietstypisches, eher sogar besseres Wetter, als man es sonst im Revier gewöhnt ist. RUHR.2010 sollte hier durchaus einmal an Regress gegenüber den Auftragnehmern, wie zum Beispiel der GEFA-Flug, denken - immerhin geht es hier um eine Menge Steuergelder.
SchachtZeichen-Projekt: Organisation
Die (neudeutsch:) Cross-over-Kommunikation mit der Einbindung des Internet hätte aktueller sein können. Zum Beispiel gab es auf der SchachtZeichen-Website am 27. Mai um 9 Uhr morgens noch die Meldung, dass "Heute die Ballons unten bleiben" - diese bezog sich aber auf den 26. Mai. Die Terminierung der NachtSchachtZeichen hätte berücksichtigen müssen, dass auswärtige Besucher am Pfingstwochenende bereits am Montag - der ersten Nacht mit beleuchteten Ballons - abreisen.
Den Ruhrpöttler zeichnet zwar größtes Engagement bei gemeinschaftlichen Veranstaltungen aus, bei solchen Festen erweist sich aber auch als wenig hilfreich, dass er schon immer der beste Stürmer und Kommentator gewesen ist. Bei der Organisation waren es deswegen einige Lokalmatadoren, die durch ihre Eigenwilligkeit negative Schlagzeilen machten. Mal flogen da die Ballons, mal nicht. Der Standort Zeche Germania Schacht 2/3/5 in Dortmund-Marten war hierfür ein Beispiel. Einige Standort-Teams legten die Aufgaben eigensinnig aus, so dass die hochgelassenen Ballons nicht - wie eigentlich durch RUHR.2010 vorgesehen - durchgehend betreut wurden, was wiederum zu Schäden und Verlusten führte. Andere fühlten sich durch die häufigen SMS des zentralen Orga-Teams überfordert, die damit versuchten, auf die sich ändernden Witterungsbedingungen zeitnah einzugehen. Während der ersten Tage dienten diese "Anweisungen" an einigen Standorten als gottgegebene Befehle, so dass eigenständiges Denken und Eigenverantwortlichkeit ausgeschaltet wurden und der Ballon in der Luft blieb, bis er beschädigt war. In den letzten Tagen wurden die Organisations-SMS ausdrücklich mit dem Hinweis auf die Eigenverantwortlichkeit der Helfer-Teams vor Ort versehen.
Asoziale Zerstörungswut
Das heutige Ruhrgebiet wird ebenso durch asoziales Verhalten gekennzeichnet, häufig Vandalismus, der der Kulturhauptstadt bei allen öffentlichen Projekten größte Sorgen bereitet. So wenig aktiv diese meist jugendlichen Gruppen auch im Allgemeinen sind, so viel Energie beweisen sie, wenn es um Zerstörung geht - ohne zu begreifen, dass diese Zerstörung im öffentlichen Raum weniger befreiend als autodestruktiv wirkt, da sie sich gegen schöne oder außergewöhnliche Dinge der eigenen Umgebung richtet. Dies hat die SchachtZeichen zerschnittene oder gekappte Ballons und viel Geld gekostet, da man eine 24 Stunden-Bewachung organisieren musste.
Schachtzeichen-Fazit: "Wo das geht, geht alles."
"Wo das geht, geht alles." war Motto der SchachtZeichen. Stimmt! Ein solches Projekt gab es noch nirgendwo. Man konnte also nicht auf Erfahrungen anderer zurückgreifen. Erst im Februar 2010 war mit Air Liquide der dringend benötigte Hauptsponsor gefunden und damit überhaupt das Projekt finanziell gesichert und durchführbar. Erst da konnten konkrete Planungen beginnen. Sämtliche Vorbereitungen zu einem Mammutprojekt in der kurzen Zeitspanne von zwei Monaten: Tausende Helfer finden, schulen und organisieren. Mehr als 350 Ballon-Systeme mit Anhänger zusammenstellen und ausliefern. 311 Standorte 9 x 24 Stunden betreuen.
Klaus Lohmann, Dortmunder Freiwilliger bei SchachtZeichen: "Das muss uns erst einmal jemand nachmachen!" An dieser Stelle deswegen ein großes Lob an alle Koordinatoren, Beauftragten und die - häufig so geschmähte - Essener Zentrale, die alle einen fantastischen Job gemacht haben!
Eine kritische Nachbetrachtung zum SchachtZeichen-Projekt allgemein findet sich im suite101-Beitrag: SchachtZeichen beendet - Auszeichnung beim Land der Ideen.
