
- Teilbilder mit unterschiedlichem Fokus - Klaus Franken
Der Begriff der Schärfe ist längst nicht einheitlich definiert. Er lässt sich auf die Aufnahmetechnik anwenden, beinhaltet Kriterien für die objektive als auch subjektive Beurteilung eines Bildes. Zur Vielfalt der Versuche, Schärfe objektiv zu definieren, kommt der subjektive Schärfeeindruck als individuelles Urteil des Betrachters.
Schärfe bietet Bildinformationen
Eine der klassischen Definitionen für Schärfe ist mit der Fülle der Informationen im Bild gleichzusetzen. Je mehr Details, desto schärfer. Information stecken in der Helligkeit, den Farbtönen und in der Intensität der vorhandenen Farben. Ein Bild in Pastellfarben kann mehr Informationen als ein Bild in kräftigen Farben bieten. Trotzdem mag es unschärfer als das grellere Bild erscheinen. Das subjektive Empfinden bewertet Schärfe eben nicht nur aufgrund des gebotenen Detailreichtums. Eine räumliche Dimension erhält die Schärfe beim Fokussieren – dem physischen Scharfstellen kurz vor der Aufnahme. Ein scharf gestelltes Motiv bietet Bildinformationen in drei Dimensionen. Außerhalb der vom Fotografen gewählten Schärfeebene in bestimmter Distanz zu Kamera wird das Bild unscharf. Es kommt zur räumlichen Wiedergabe des Motivs. Die unscharfe Umgebung des Motivs trägt zur Gesamtinformation des Themas bei. Fotografen beschreiben einen ästhetisch ansprechenden Schärfeverlauf als Bokeh – ein Stilmittel anspruchsvoller Fotografie.
Der Schärfeeindruck ist entscheidend
Das Spiel mit der Schärfentiefe, den unscharfen Zonen im Bild, beweist: Schärfe ist nur schwierig messbar, hingegen subjektiv gut beschreibbar. Kontrast und Schärfe verhalten sich gegenläufig. Mehr Kontrast ist nach theoretischen und technischen Kriterien stets mit einem Schärfeverlust verbunden. Ein kontrastreiches Bild empfindet ein Betrachter jedoch als schärfer als ein weniger kontrastreiches gleicher oder sogar geringerer Schärfe. Der Grund liegt in der Physiologie und den Gewohnheiten des menschlichen Sehens. Die gerne zur Bildoptimierung eingesetzten Bildbearbeitungsprogramme setzen auf diese Tatsache. Sie passen die Originalbilder vor allem den Bildparametern an, die für den Betrachter subjektiv entscheidend sind.
Entwicklung und Bildbearbeitung für den richtigen Schärfeeindruck
Es geht primär darum den Schärfeeindruck zu optimieren. Dafür stehen gestandenen Grafikprogrammen einige Werkzeuge zur Verfügung. Fast alle laufen auf eine Verringerung der Bildinformation hinaus. Das übliche Schärfewerkzeug fast ähnliche Farben zusammen. Es verrät sich leicht durch Haloeffekte. Das in der Filmwelt bekannte Unscharfmaskieren hat auch seine Entsprechung in Grafikprogrammen. Dabei wird der Kontrast an den Kanten leicht erhöht. Ganz ähnlich der selektive gaußsche Weichzeichner. Damit verringert der Digitalkünstler die Zeichnung außer an den Kanten. Beide Methoden erreichen einen Schärfeindruck allein durch Betonung der Konturen ohne die Schärfe in den Flächen zu erhöhen.
Kantenschärfe ist objektiv messbar
Je abrupter die Übergänge von Dunkel zu Hell, desto schärfer das Bild. So die Definition der Kantenschärfe. Die klassische Lochkamera ist danach in der Lage ein extrem scharfes Bild zu erzeugen. Ihre Blendenöffnung muss nur klein genug sein. Das dürfte jedoch sehr unpraktikabel sein. Entweder wären die so erzeugten knackscharfen Bilder hoffnungslos unterbelichtet oder benötigten sehr lange Belichtungszeiten. Die Definition der Kantenschärfe schließt übrigens einen direkten Zusammenhang mit der Auflösung eines Sensors oder Films aus. Eine Korrelation zwischen Auflösung und Kontrast macht hingegen Sinn und wird mitunter für den Test von abbildenden Linsensystemen genutzt.
Differentielles Sehen und Schärfeeindruck
Der menschliche Betrachter bewertet Bilder nicht aufgrund von Referenzbildern, Messkurven oder -werten. Sein Urteil stützt sich auf das das differentielle Sehen und ästhetische Werte. Unser Sehen und die Interpretation dessen, was wir sehen, wird vielmehr durch die Funktion des visuellen Kortex – quasi die interne Fehlerkorrektur des menschlichen Hirns – beeinflusst. Aus diesem Grund können Bilder digital extrem komprimiert werden und sind trotzdem noch einwandfrei als Bilder zu erkennen. Aus dem gleichen Grund können digitale Wasserzeichen im Bild integriert werden und sind dennoch nicht mit dem Auge zu erkennen. Das Auge gaukelt uns Schärfe vor, wo im Grunde nur der Kontrast hoch ist. Wir empfinden die Bilder als schärfer, wenn der Hintergrund hochweiß oder sogar erleuchtet ist. Schärfe ist damit zumindest ein relativer Begriff.
