
- Vor Scham hinter einer Maske? - Ruth Rudolph / pixelio.de
Die Scham ist ein Gefühl, auf das man gerne verzichten würde. Leider lässt sie sich nicht vermeiden. „Scham ist überall“, behauptet der Psychologe Michael Lewis. Sie sei ein zentrales Gefühl und bestimme „unsere seelische Gestimmtheit mehr als Sex oder Aggression“ (S. 11).
Eigener Körper als Verräter
Die Scham entzieht dem Menschen die Kontrolle über das Geschehen. Gleichzeitig richtet sie die ganze Aufmerksamkeit des Betroffenen auf sich selbst: ein quälendes Gefühl, weil man sich in diesem Augenblick lächerlich, gekränkt, machtlos und wertlos vorkommt. Dazu gesellen sich die verräterischen äußerlichen Anzeichen hinzu. Die Wangen, Ohren und Hals brennen rot, der Schweiß fließt beinahe in Strömen, die Gesichtszüge entgleiten und der Körper sackt zusammen. Die Augen flüchten vor einem Blickkontakt und der Puls spielt verrückt. Wer kennt diese Quälerin nicht?
Die Abwehrtechniken – wie kann man vor Scham flüchten?
Eine echte Flucht – sich einfach aus einer beschämenden Situation zu entfernen - gelingt nicht immer. Der Mensch versucht also, mit einer inneren Flucht. Er kann sich hinter einem unbeweglichen Gesicht wie hinter einer Maske verstecken, mit verschiedenen Gesten – wie am Kopf kratzen, am Kinn streicheln – von sich abzulenken. Manche schwören auf die altbewährte Methode – die Attacke - und greifen an: Sie attackieren mit Worten und Blicken, sie beschämen und erniedrigen, um auf diese Weise eigene Scham zu bekämpfen. Andere behelfen sich auf eine zynische Art und stellen mit beißender Ironie alles in Frage.
Unendlicher Katalog der Auslöser von Scham
Wofür können sich Menschen schämen? Eigentlich für alles. Sie reagieren dabei sehr individuell. Was einen vor Scham fast sterben lässt, perlt es an dem anderen ab. Der Katalog der Auslöser ist unendlich: das eigene Aussehen; die Armut; ein dicker Bauch; die Brille, die man tragen muss; kleiner Busen; großer Busen; wenn man von der Chemie keine Ahnung hat; wenn man eigene Doktorarbeit nicht selbst geschrieben hat… Und ganz nebenbei schämt man sich, dass man sich schämt. Von A bis Z kann in dieser Aufzählung alles vorkommen. Die Auslöser lassen sich grob folglich kategorisieren:
- Um Anpassungsscham handelt es sich, wenn man glaubt, in irgendeiner Weise von den geltenden Normen und Gewohnheiten abzuweichen.
- Gruppen-Scham bedeutet, dass sich der Betroffene für einen anderen schämt (beispielsweise für einen psychisch kranken Bruder oder die eigene Nation).
- Emphatische Scham äußert sich als Mitfühlen in einer beschämenden Situation.
- Intimitätsscham lässt nicht zu, das Private zu offenbaren.
- Traumatische Scham begleitet ein Trauma.
- Gewissensscham plagt jemanden, der sich schuldig fühlt.
Traumatische Scham – ein Gefühl, falsch zu sein
Die traumatische Scham ist in ihrem Ausmaß besonders hervorstechend. Ein Trauma zerstört eine nötige und schützende Grenze zwischen dem Individuum und seiner Umgebung. In die missbrauchte, vergewaltigte oder gefolterte Person dringt ohne ihren Willen das Fremde ein. Dadurch fühlt sie sich selbst als entfremdet und nirgends zu Hause, „auch nicht in ihrem eigenen Körper“ (S. 31). Sie hat demgemäß keine Zuflucht mehr, wo sie zur Ruhe kommen könnte. Die Identität, begriffen als ein ganzheitlicher Ausdruck eines Menschen, ist zerbrochen. Bildlich kann man sie als ein Haufen Scherben darstellen. Ein traumatisierter Mensch glaubt daher „falsch zu sein“ und wird von andauernder Scham geplagt.
Zitate und Quelle: Stephan Marks, Scham – die tabuisierte Emotion. Patmos Verlag. Düsseldorf 2007. 228 Seiten.
Bildnachweis: Ruth Rudolph / pixelio.de
