
- Naturverbundenheit - Dörthe Huth
In Europa fast schon ausgestorben, erfährt der Schamanismus seit den 80er Jahren eine Renaissance. Verwunderlich ist es nicht, stehen wir doch an einem Punkt, der dringend einer Neuorientierung der Beziehung zu unserer Umwelt bedarf. Der moderne Schamanismus greift dabei auf das alte Wissen der Naturvölker zurück und bezieht die Erkenntnisse der modernen Wissenschaft ein. Mittlerweile hat sogar die WHO den Schamanismus als offizielle, der Psychotherapie gleichgestellte, Therapiemethode anerkannt.
Bei den Naturvölkern begleiten Schamanen die Heilarbeit
Den Schamanismus selbst gibt es schon etwa seit 40.000 Jahren. In jeder Kultur dieser Erde waren Schamanen die ersten Ärzte, Priester, Heiler und Therapeuten in einer Person. Schamanen begleiten durch ihre Heilarbeit Kranke, gestalten Rituale und Zeremonien und erhalten Hilfe aus der geistigen Welt. Das Wort "Schamane" stammt wahrscheinlich aus dem sibirischen Raum und bedeutet so viel wie der „Wissende“ oder„Sehende“. Ein Schamane ist ein Reisender zwischen den Welten und dadurch auch ein Vermittler. Auf seinen Reisen wird er von Trommeln, Rasseln, Rhythmen oder psychoaktiven Substanzen in die Trance begleitet. In diesen anderen Bewusstseinsebenen lässt er sich von seinen spirituellen Helfern leiten, um andere Aspekte der Realität zu sehen, die sich dem Zugang über die reale Welt entziehen. Die moderne Gesellschaft hat das schamanische Wissen verdrängt und durch wissenschaftliche Methoden ersetzt. Für den Schamanen gibt es keine echte Entsprechung und authentisch schamanisches Wissen findet sich heute nur noch bei einigen wenigen Naturvölkern.
Europäische Wurzeln - Heilerinnen, Hebammen und Kräuterkundige
Mit dem Begriff "Schamanismus" verbindet man meist indianische oder afrikanische Medizinmänner. Aber auch Europa hatte eine schamanische Tradition. Kräuterkundige, Heilerinnen und Hebammen lebten dem Schamanismus vergleichbare Vorstellungen. Mit der Christianisierung und der späteren Inquisition gingen diese Wurzeln verloren. So ist aus dem europäischen Raum kaum etwas aus der Zeit vor der Christianisierung überliefert. Sollen unsere Wurzeln wieder als Teil unserer Tradition eingebunden werden, gilt es erst einmal von anderen Kulturen zu lernen, denn die Grundstrukturen des Schamanismus ähneln sich. Der Schamanismus will den Menschen wieder in Kontakt mit dem großen Ganzen bringen, ihn mit der heiligen Natur verbinden, so dass er sich als Bestandteil von etwas Größerem erlebt. Im Schamanismus ist die Heilung des Selbst und die Heilung von Mutter Erde eins. Heilen wir uns selbst ein Stück weit, heilen wir damit auch unseren Planeten. Wer selbst heil ist, wird darauf achten, die Erde nicht zu zerstören.
Die Einheit erleben
Während die westliche Welt Mensch und Natur einander gegenüberstellt, ist der Mensch aus Sicht des Schamanen eins mit der Welt. Der Mensch selbst ist die Natur, die Erde ein lebendiger Organismus. Vom Stein über die Pflanze zum Tier oder Menschen, alles ist beseelt. Nicht selten verhalten sich Menschen, als seien sie von der Natur und damit vom Empfinden des Einsseins abgespalten. Gefühle von Lebensangst, innerer Leere oder einer tiefen, ungestillten Sehnsucht sind im schamanischen Sinne ein Hinweis auf den Verlust eines „Seelenanteils“. Aus psychologischer Sicht bedeutet das nichts anderes als dass man sich "abgeschnitten" von bestimmten Gefühlen erlebt. Auch moderne schamanisch Tätige sehen ihre Aufgabe darin, diese verlorenen Seelenanteile wieder zu verbinden.
Die verschiedenen Wirklichkeiten für Lösungsprozesse nutzen
Die Welt wird im schamanischen Verständnis häufig durch einen Baum dargestellt, der verschiedene Welten in sich trägt. Gleichzeitig steht der Weltenbaum aber auch als Symbol für den Menschen, der das Oben des Himmels mit dem Unten der Erde verbindet. So wird die schamanische Welt auch in die obere, die mittlere und die untere Welt eingeteilt. Die mittlere Welt ist die reale Welt, die beiden anderen eher geistige Welten. Diese verschiedenen Wirklichkeiten existieren in der schamanischen Vorstellung gleichrangig nebeneinander.
Zum Klang der Trommel reisen schamanisch Tätige in diese nicht alltäglichen Wirklichkeiten, um Lösungen für ihre Klienten zu finden. Meist werden sie von spirituellen Helfer begleitet, einem Krafttier oder einem Geistführer. Zu den Fragen der geistigen Ebene geht die Reise eher in die obere Welt, indem meist mit Hilfe des Krafttieres die Wolkenschichten durchdrungen werden. Physische oder materielle Fragen sind eher auf der unteren Ebene zu klären. In diese Welt gelangt man durch eine Öffnung im Boden, ein Erdloch beispielsweise, einen Teich oder eine Höhle und gräbt sich durch die Gänge bis man eine Landschaft erreicht. Auch diese Parallelwelten sind Wirklichkeiten, die für jeden Menschen praktisch erfahrbar sind. Wer geübt ist, kann problemlos zwischen den Welten hin und herpendeln. Die Trennung der Welten gibt es im schamanischen Sinne gar nicht.
Archaische Praktiken für die moderne Beratung und Psychotherapie
Der Schamanismus bietet vielfältige Möglichkeiten, zum Beispiel die Reinigung der Aura, die schamanische Reise, die Begleitung durch ein Krafttier, die Einbindung von Ritualen, die Seelenrückholung oder die Ahnenarbeit. Der Klient kann mitarbeiten – er kann aber auch einfach geschehen lassen. Die Beschäftigung mit dem Schamanismus ist gleichzeitig eine Reise in die eigene innere Welt. Man kehrt zu heilsamer Ruhe zurück und wird empfänglicher für die natürlichen Aspekte des Lebens. Öffnet sich das Herz erst einmal wieder für die natürlichen Aspekte des Lebens, sind die grundlegenden Herzensgaben wieder fühlbar und spürbar, die Energie kann ohne Blockaden fließen und das Vertrauen in die Welt ist wieder hergestellt.
Quellen und weiterführende Literatur:
Alberto Villoldo: Das geheime Wissen der Schamanen: Wie wir uns selbst und andere mit Energiemedizin heilen können. Goldmann 2001.
Alberto Villoldo: Die Macht der vier Winde: Eine Reise ins Reich der Schamanen. Goldmann 2009.
Michael Harner: Der Weg des Schamanen. Das praktische Grundlagenbuch zum Schamanismus. Ariston 2007.
