Schaubühne Berlin: David Marton - Das wohltemperierte Klavier

Stötzner, Björnsson, Böwe, Bormann, Stucky,Goyette - Thomas Aurin
Stötzner, Björnsson, Böwe, Bormann, Stucky,Goyette - Thomas Aurin
David Marton verknüpft Johann Sebastian Bachs „wohltemperiertes Klavier" mit László Krasznahorkais Roman "Melancholie des Widerstands". Ein Musiktheater.

Normalerweise ist bei der Akustik nur das von Belang, was das Ohr wirklich hört. Die Tatsache, dass es unhörbare Frequenzen gibt, vermag wohl niemanden aus der psychischen Balance zu werfen. Warum sich also über unreine Intervalle aufregen, wenn man sie gar nicht wahrnimmt? Das ist, als würde man sich über ein theoretisches Chaos aufregen, obwohl sich alles in bester Harmonie präsentiert. Andreas Werckmeister erfand die wohltemperierte Stimmung, bei der eine Gleichwertigkeit aller Tonlagen hergestellt ist. Das schön klingende, aber theoretisch falsche Klavierspiel versetzt den Musiklehrer Eszter allerdings in tiefe Depressionen. Als sich sein Klavierstimmer Valushka ans Werk macht, fühlt sich Herr Eszter dermaßen niedergeschlagen, dass er beschließt, die Strecke bis zum Grab in liegender Lebensweise zu verbringen.

Auf den Spuren von Marthaler

Dass der ungarische Regisseur Marton unter anderem bei Christoph Marthaler in die Lehre gegangen ist, wird im Verlauf der Inszenierung recht schnell deutlich. Um die nicht nur latente Marthaler-Atmosphäre noch deutlicher zum Klingen zu bringen, hat er sich die kräftig proportionierte Bettina Stucky hinzugenommen, die mit ihrer Stimme dem Chorgesang den nötigen Schwung verleiht. Wie es sich für ein Musiktheater gehört, wird zunächst musiziert. Sollte jemand Thomas Bading vermissen, so ist das nicht weiter schlimm, denn der Trompeter Paul Brody ist, zumindest was die Struktur der Haare anbelangt, ein optimales optisches Surrogat. Ganz nebenbei bläst er noch hervorragend und wird unterstützt von der Geigerin Nurit Stark, deren Klänge eher etwas für speziellere Liebhaber sind. Komplettiert wird die musikalische Abteilung durch den Pianisten Jan Czajkowski und die jazzige Soulsängerin Jelena Kuljic, die ihre teilweise rauen Töne mit enthüllter, saftiger Rückenpartie in den Raum gleiten lässt. Ein Musiktheater ist als gelungen zu bewerten, wenn die Klangwelt und die eingesetzten Theatermittel einigermaßen harmonieren und sich nicht gegenseitig lähmen. Allerdings hat sich der Regisseur einen Roman ausgesucht, der eine Katastrophenstimmung heraufbeschwört.

Chaos und umherspringende Ratten

Die Handlung beginnt mit dem verspäteten Eintreffen eines Zugs. In László Krasznahorkais Roman handelt es sich insofern um einen besonderen Zug, als er eine etwas bizarre Zirkustruppe transportiert, die mit einem ausgestopften Wal heranrückt und eine kleine Stadt in einen apokalyptischen Taumel versetzt. Das Publikum bekommt lediglich Romanfragmente vorgesetzt, die, lose aneinandergeheftet, hauptsächlich Stimmungserzeuger sind. So wird beispielsweise von Ratten berichtet, die in einem Raum herumkriechen, auch unter einem Hocker. Auf der rechten Bühnenseite liegt Jule Böwe als Frau Eszter, deren „feistes“ Beinfleisch wie für die Liebe geöffnet ist. Nun sollte man eigentlich annehmen, dass die Ratten irgendetwas anstellen, sich vielleicht ein Schlupfloch zur Flucht suchen oder auf dem Körper herumtanzen – aber nichts passiert. Daneben sitzt der verletzte Niels Bormann, der sich nach seiner Anfangszeit in den Sophiensaelen und im Ballhaus Ost mimisch etwas professionalisiert hat, im Rollstuhl und berichtet über die Ereignisse. Er ist es auch, der die Zuschauer darüber in Kenntnis setzt, dass sich Herr Eszter (Ernst Stötzner) wegen der besagten musikalischen Verzweiflung ins Bett begibt. So sieht er denn auch aus: ein fortwährender Schlafzimmerblick, gepaart mit einem naiven Knabenverhalten, als sei er mit Valium 10 in eine Dauerlethargie hineingepumpt worden. Lange dauert es, bis die Figur ein paar klare Sätze spricht, und das mit überraschend sonorem Tonfall.

Sehnsucht nach Ordnung

Abgesehen von den etwas verschlissenen Läufern hat Alissa Kolbusch ein respektables, beinahe symmetrisches Bühnenbild arrangiert. Auf beiden Seiten stehen Bücherwände, Betten und Spiegelkommoden, während in der Bühnenmitte zwei Klaviere hintereinander aufgestellt sind. Vorne ist noch eine Stuhlgruppe platziert – insgesamt kein herrschaftliches Ambiente, dafür aber ein leichtes Gemütlichkeitspathos, das nichts vom nahenden Untergang verrät. Die Kleider der meisten Akteure sind bieder bis schlimmer, abgesehen vom eleganten Paul Brody und von Jelena Kuljic, die gut zu einer Dinner-Party passen würden. Inmitten der gesellschaftlichen Auflösungserscheinungen schreit es in Frau Eszters Inneren nach geordneten Verhältnissen. Ohne eine Venus im Pelz zu sein, ist sie nun in einen schlichten Pelz gehüllt, um ihren selbstauferlegten Auftrag – eine Art Säuberungsaktion zur Eliminierung der subversiven Elemente – auch äußerlich zu dokumentieren. Die verprollten Straßen, auf denen auch der leicht bemalte Franz Hartwig herumschleicht, werden einem Reinigungsprozess unterzogen. Parallelen zur gegenwärtigen politischen Situation in Ungarn sind möglich, aber nicht unbedingt beabsichtigt. Am Ende verkündet Frau Eszter auch noch den Tod der vitalen Bettina Stucky, die quasi als totale Haushälterin die Hausordnung zur permanenten Tagesordnung erhoben hat. David Marton und seinem Ensemble gelingen einige vorzügliche Passagen, auch gibt es einige sehenswerte Theaterszenen, die jedoch mühsam zusammengeklebt wurden. Deshalb ist die Inszenierung als Ganzes doch etwas ambivalent.

Das wohltemperierte Klavier

Musiktheater nach Johann Sebastian Bach

nach dem Roman "Melancholie des Widerstands" von László Krasznahorkai

Regie: David Marton, Bühne: Alissa Kolbusch, Kostüme: Sarah Schittek, Musikalische Leitung: Jan Czajkowski, Dramaturgie: Florian Borchmeyer, Künstlerische Mitarbeit: Barbara Engelhardt, Licht: Erich Schneider.

Mit: Ernst Stötzner, Jule Böwe, Jelena Kuljic, Thorbjörn Björnsson, Bettina Stucky, Niels Bormann, Paul Brody, Jan Czajkowski, Marie Goyette, Franz Hartwig, Nurit Stark.

Koproduktion mit der MC93 Bobigny

Schaubühne Berlin

Premiere vom 18. Februar 2012

Dauer: 2 Stunden 20 Minuten, keine Pause

Bildnachweis: © Thomas Aurin

Steffen B. Kassel, Steffen B. Kassel

Steffen Kassel - Magister in Germanistik, Geschichte und Philosophie (1994) Relevante Stationen: Auswertung von Fernsehsendungen (Institut für ...

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