
- Das Lebensschiff trägt auch behinderte Kinder - Sigrid Stephenson
Ein behindertes Kind auf die Welt zu bringen, gehört zum Schlimmsten, was Eltern passieren kann. Auch ein bisher gesundes Kind plötzlich mit schweren körperlichen, geistigen oder seelischen Einschränkungen konfrontiert zu sehen, ist unbeschreiblich schmerzhaft.
Mit einem behinderten Kind ein fast normales Leben führen oder Trennung riskieren
Zunächst erscheint es unmöglich, je wieder so etwas wie ein normales Leben führen zu können. Dieser Gedanke stürzt viele Eltern in tiefste Verzweiflung. Wenn Sie Glück im Unglück haben und die Beziehung stabil ist, werden beide Partner aneinander Halt finden. Oft jedoch zerbricht sie an den vielfältigen Problemen und Belastungen. Um das zu vermeiden, brauchen beide Elternteile Verständnis - für sich selbst und füreinander.
Wenn Mütter ihren Weg mit dem behinderten Kind ohne ihren Partner gehen müssen, neigt man leicht dazu, diese Tatsäche auf einen grundsätzlich männlichen Egoismus zurückzuführen. Das aber wäre ebenso ungerecht wie fatal. Stattdessen gilt es, natürliche Unterschiede zwischen Männern und Frauen auch in einer solchen Situation angemessen zu berücksichtigen. Veranlagung und Lebenssituation von Vätern und Müttern bedingen nun einmal unterschiedliche Sichtweisen.
Zukunftspläne und Lebensentwurf an den Pflegebedarf des behinderten Kindes anpassen
Die frisch gebackene Mutter wird sich - ihre persönliche menschliche Reife vorausgesetzt - dem behinderten Kind intensiv zuwenden, um es zu beschützen und zu trösten. Sie wird versuchen, es zu stillen, ihm Zärtlichkeit und Nähe zu geben. Sie immerhin kann Kontakt aufbauen, unmittelbar etwas tun - Urinstinkte unterstützen sie dabei. Durch ihre sozialgesetzlich abgesicherte Situation kann sie sich dem Konflikt zwischen der Sorge um das Kind und dem Leistungsdruck im "normalen Leben" und im Job zunächst entziehen.
Der Vater hingegen muss sich zumeist sehr bald wieder einer Lebenswirklichkeit außerhalb der familiären Krise stellen. In gewisser Weise erhöht das natürlich seine Belastung. Andererseits wird er vermutlich heilfroh sein, endlich wieder etwas Praktisches tun(!) zu können, anstatt auszuhalten und mehr oder weniger hilflos zuzusehen. Das darf er zugeben - vor sich selbst und vor anderen. Es ist zutiefst menschlich. - Beide Eltern brauchen also einen neuen Lebensentwurf. Das ist nicht leicht, aber es ist machbar.
Wut und Enttäuschung bewältigen - Lebensfreude statt Schuldgefühle
Niemandem ist damit geholfen, wenn die Eltern Schuldgefühle entwickeln, depressiv werden und jegliche Freude am Leben verlieren. Ganz im Gegenteil. Sie brauchen ihre Kraft, für sich selbst und für das Kind, ebenso natürlich für gesunde Geschwisterkinder.
Bleiben Sie offen. Versuchen Sie, sich in die besondere Situation Ihres Partners ebenso einzufühlen wie in Ihre eigenen Gefühle von Enttäuschung, Wut, Überforderung und Kummer. So geben Sie Ihrer Partnerschaft, Ihrer Liebe und dem Familienleben eine Chance. Bleiben Sie im Gespräch. Teilen Sie einander immer wieder mit, was Sie empfinden, wo Ihre Ängste, aber auch wo Ihre geheimen Sehnsüchte sind. Wechseln Sie sich ab in der Pflege des Kindes, organsieren Sie Hilfe und suchen Sie ganz bewusst Zerstreuung und positive Erlebnisse und Begegnungen auch außerhalb des häuslichen Umfeldes. Mit Untreue hat das nichts zu tun. Und last but not least - verlernen Sie das Lachen nicht.
Jede Krise birgt eine Chance - finanzielle Hilfen bei Behinderungen in Anspruch nehmen
Reden wir vom Geld. Nicht jede Familie kann auf den Zweitverdiener für längere Zeit verzichten. Darin liegt durchaus eine Chance für beide Seiten. Behinderte Menschen wollen so unabhängig wie möglich sein. Das gilt auch für Kinder. Eltern haben das unbedingte Recht auf ein Leben neben der Sorge um ihr Kind.
Es kann Ihnen helfen, wenn Sie sich von vornherein klar machen, dass es vielfältige Hilfen gibt, die sich für Sie und Ihr behindertes Kind finden lassen. Sowie praktische Dinge (Umbau, Betreuung, Hilfsmittel, evtl. psychologische Hlfe) geregelt sind, werden Eltern und Geschwister sich auch wieder anderen Lebensbereichen zuwenden können.
Das behinderte Kind wird - zumindest zum Teil - allein seinen Weg gehen müssen. Wenn es ernst genommen, gefordert und gefördert wird, wird es das auch wollen.
