
- Big Ben, London - Dorothea Reinhard
Ob Großbritanniens Regierung nun mehr nach links oder rechts tendiert, darüber entscheiden etwa alle fünf Jahre die britischen Wähler. Fest steht aber seit neuestem, dass eines der berühmtesten Wahrzeichen des Landes, der Glockenturm an der Nordwestecke der Houses of Parliament, peu à peu in eine Schieflage geraten ist. Befürchtungen, dem 96 Meter hohen Glockenturm, im Volksmund Big Ben genannt, schlage nun selbst das letzte Stündlein, scheinen sich allerdings vorerst nicht zu bestätigen.
„Der steht doch nicht ganz grade - oder?“
Aufmerksame London-Touristen hatten das schräge Verhalten von Big Ben offensichtlich längst bemerkt. Was mit bloßem Auge gerade so erkennbar ist, wenn man vom Parlamentsplatz aus in Richtung Osten zur Themse hin blickt, wurde nun auch wissenschaftlich untermauert: So ganz aufrecht steht das stolze Wahrzeichen des britischen Empire nicht mehr. Der Turm aus den Zeiten von Queen Victoria, der im Jahr 2009 sein 150jähriges Jubiläum gefeiert hatte, neigt sich laut wissenschaftlichen Erkenntnissen um 0,26 Grad. Die vergoldete Spitze von Big Ben schwebt bereits rund einen halben Meter nordwestlich von der Turm-Mittelachse. Das ist nicht ganz so viel wie der Neigungswinkel von circa 4 Grad, den der Schiefe Turm von Pisa aufweist, gibt aber dennoch zu Besorgnis Anlass.
U-Bahn-Erweiterung brachte Klarheit
Der Ausbau der Londoner Underground war ursächlich für die neuen Erkenntnisse. Im Rahmen der Erweiterung der Jubilee-Line, die auch unter den Parlamentsgebäuden verlaufen soll, wurden die Bodenbeschaffenheiten geprüft. Licht ins Dunkel brachten Statik-Messungen, die durch Professor John Burland vom Imperial College London im Auftrag der Londoner Verkehrsgesellschaft erfolgten. Man stellte fest, dass sich die Neigung des Uhrenturms seit 2003 verstärkt hatte.
Ursachen für die Schräglage von Big Ben unklar
Über die Ursache der zunehmenden Instabilität wird spekuliert. Man nimmt an, dass dem Big Ben regelrecht der Boden unter den Füßen entzogen, vielmehr abgegraben, wurde. Für die Erweiterung der "Tube", der Londoner U-Bahn also, wurden Tunnel bis tief unter Westminster Abbey gebohrt. Die sogenannte Jubilee-Line, die in den 70er Jahren gebaut wurde und ihren Nahmen nach dem silbernen Thronjubliäum von Queen Elizabeth II im Jahre 1977 erhielt, wurde schon Ende der 1990er Jahre erweitert. Eine zusätzliche Ausdehnung ist in geplant. Hinzu kamen Parkhäuser für die Parlamentarier, die den Grund im Bereich des berühmten Glockenturms nach und nach aushöhlten. Die Kanalisation entlang der Themse mag ein Übriges zur Instabilität beigetragen haben. Eine weitere Theorie vermutet, dass der Lehm, auf dem der Glockenturm einstmals errichtet wurde, langsam austrocknet und sich der Grund daher absenkt. Es gibt sogar eine These, nach der das Fundament von Big Ben von vornherein auf schiefem Grund gesetzt wurde und der Turm aus diesem Grund niemals so recht im Lot war.
Big Ben steht erst in mehreren tausend Jahren auf der Kippe
Sollte der Turm gänzlich umfallen, so würde er wohl die Abgeordneten-Büros im Portcullis House auf der anderen Straßenseite zerschmettern. Diese Gefahr besteht aber nach Ansicht der Experten noch lange nicht. Obwohl sich der Glockenturm pro Jahr um 0,9 Millimenter neige, brauche man vorläufig nichts zu unternehmen, so Professor Burland. Erst wenn sich die Anzeichen für eine beschleunigte Neigung mehrten, müsse man für Stabilisierung sorgen. Es könne an die 4.000 Jahre dauern, bis der Turm vollends kippe. Ganz folgenlos ist die Schrägbewegung des stolzen Turms aber schon jetzt nicht geblieben: In den Parlamentsgebäuden der House of Commons zeigen sich erste Risse an Wänden und Decken sowie einigen Korridoren von Ministern und Mitgliedern des Schattenkabinetts.
Die größte von fünf Glocken ist Namensgeber des Turms
Seinen Namen hat das nicht mehr ganz aufrechte Wahrzeichen Londons von der größten seiner fünf Glocken. Dem beliebten Glockenspiel tut die leichte Schiefe des Uhrenturms keinen Abbruch, es tönt nach wie vor klangvoll zur Viertelstunde. Und es wird auch künftig pünktlich um 18 Uhr seine weltweit bekannte Melodie live im BBC Radio erklingen lassen. Londons Touristen werden sich über die leichte Schräge der Sehenswürdigkeit wohl eher amüsieren.
Quellen:
- Clock ticking for leaning Big Ben, BBC News, 10.10.2011
- Big Ben found to be leaning over – and rate of tilt is accelerating, Metro, 10.10.2011
- The Leaning Tower of Londen: Time's up for tilting Big Ben, Daily Mail, 10.10.2011
- Very british – Die große Dicke feiert, Cornelia Fuchs, Stern, 29. Mai 2009
