WIEN. Den Tod eines kleinen Jungen rückt Roland Schimmelpfennig ins Zentrum seines neuen Stücks „Das fliegende Kind“. In einer Zeitung würde die Meldung kaum fünf Zeilen umfassen, Schimmelpfennig legt den Fall unter das Theatermikroskop – und spitzt dramatisch zu: Der eigene Vater überfährt seinen kleinen Sohn.
Es handelt sich um einen Unfall. Es ist Abend geworden in der großen Stadt. November, Martins-Tag. Der kleine Junge ist aufgeregt, er darf in der Kirche im Chor mitsingen. Und er hat großes Glück gehabt. Auf dem Weg zur Kirche hat er ein Modellauto gefunden – ein schwarzes Auto(!), wie das große seines Vaters. Er hält den wertvollen Fund in seiner kleinen Faust in der Tasche, während er singt.
Seine Mutter ist abgelenkt. Sie freut sich, dass ihr Freund, mit dem sie ihren Mann betrügt, auch in die Kirche gekommen ist, geht zu ihm in den hinteren Teil der Kirche, um ihn zu begrüßen.
Totenklage
Der Vater freut sich über seinen neuen Wagen. Er ist tonnenschwer, das Neueste vom Neuen, voll gestopft mit Elektronik, die er noch nicht ganz beherrscht. Als er später den Wagen zurücksetzt, ist er abgelenkt. Seine Frau ruft ihn an, er soll rasch nach Haus kommen, auf die Kinder aufpassen, sie will noch mal weg – natürlich zu einem Schäferstündchen mit dem Freund, ahnt der Zuschauer. Als er Mann das Handy greifen will, fällt es ihm auf den Boden seines Luxusautos. Er fährt blind, während er nach dem Telefon sucht, und überrollt, ohne es zu bemerken, seinen Sohn, der im Dunkel sein Modellauto sucht, das er verloren hat.
Dunkel – das ist eine zentrale Metapher des Stücks. Schimmelpfennig fügt noch weitere Handlungsstränge hinzu: Männer, die einen Schacht vorantreiben – sie erinnern an den U-Bahn-Bau in Köln, der den Sturz des Stadtarchivs verursachte. Ein Mann auf dem Turm einer Kirche trifft den sterbenden Knaben, der auf dem Weg in den Tod Rast macht auf einem Sims – daher der Titel: „Das fliegende Kind“.
Roland Schimmelpfennig rückt die Frage in den Mittelpunkt, ob Zufall oder Notwendigkeit zum Tod des Jungen führten. War der Junge Schuld? Hätte er wissen müssen, dass es im Dunkel viel zu gefährlich ist, nach dem Spielzeug zu suchen? Hätte nicht der Vater stoppen müssen, während er nach seinem heruntergefallenen Handy suchte? Und die Mama? Hätte sie nicht besser auf ihren Jungen acht geben müssen, anstatt an ihren Freund zu denken?
Oder ist alles nur eine Kette von Ursachen, die zufällig zusammenkommen, so dass niemand wirklich am Tod des Kindes Schuld ist? Erwähnungen des sterbenden Regenwald und eines Teilchenbeschleunigers in der Schweiz weisen auf eine andere Analyse. Wie bei Elfriede Jelinek grundiert das leicht dahingetupfte Stück eine Kritik an der Technik, die mit ihrer Luxus- und Perfektionsversessenheit nur unzulänglich verbirgt, dass Gewalt ihr Motor ist, der Wunsch, die Welt zu beherrschen – und dabei kommt nichts weiter heraus als Zerstörung. Vor den Vätern sterben die Söhne. Aus einer banalen Unfallmeldung wird eine radikale Gobalisierungskritik.
Minimal Theater - meisterhaft
Gerade dieses letzte betont Roland Schimmelpfennig in seiner Uraufführungsinszenierung, die am Samstag in Wien am Akademietheater herauskam, im Kammerspiel des renommierten Burgtheaters. Schimmelpfennig verteilt seinen Text auf sechs Schauspieler – sie bilden drei Paare, eines „um die Vierzig“, eines „um die Fünfzig“ und eines „um die Sechzig“ Jahre alt. Die Darsteller schlüpfen nur ganz selten, ausnahmsweise in die Rolle des Vaters, der Mutter usw., sie berichten – „Das fliegende Kind“ ist prononciert episches Theater, oft beschreiben die Darsteller nur, was die Figuren tun – diese Spielweise lässt bewusst viel Spielraum für die zur produktiven Vorstellungskraft zu veredelnde Phantasie der Zuschauer.
Sie gibt durch einen Trick den Schauspielern Raum, ihre Kunst zu zeigen, die damit das Wunderbare ihrer Kunst und des Lebens überhaupt hervorheben: Sie rufen ein Gefühl des Entzückens hervor. Da fast ausschließlich erzählt wird, wird der Moment, in dem die Schauspieler mit einer Rolle verschmelzen, zur Rarität, zur Besonderheit, zum Juwel. Eine Schlüsselszene spielt nach dem Gottesdienst in der Kirche. Die Kinder versammeln sich, um in der Dämmerung mit ihren Laternen durch die Stadt zu ziehen. Die Rabenmutter, die ihren Mann betrügt und ihre Kinder vernachlässigt, hat ihre kleine, zweijährige Tochter auf dem Arm. Das Kind will seine Laterne nicht nehmen, es brüllt. Und jetzt spielen drei Schauspielerinnen mit weithin klingenden Namen: Christiane von Poelnitz, Regina Fritsch und Barbara Petritsch, das heulende Kind. – Es sind wenige Augenblicke, in denen sich drei erwachsene Frauen ein kleines Mädchen verkörpern, und da Verwandlungen in der epischen Umgebung so selten ist, sind es köstliche Momente, die Schauspielkunst funkelt wie ein Juwel. Inszenierung wie Stück reduzieren die Effekte im Stil des Minimal Theatre à la Jürgen Gosch – und da erscheint auf der Grundlage des überwiegend Erzählten das Gespielte als heller Schein. Ein Moment des Entzückens durchblitzt das Akademietheater in Wien. Hier wird das Gefühl für einen Augenblick evoziert, das wir, so will es Roland Schimmelpfennig, empfinden sollten angesichts des Glücks, jetzt und hier am Leben zu sein.
Poetische Mahnung
Das Grundgefühl des Stücks wie der Inszenierung ist tragisch getönt, die Mahnung: Memento mori – Gedenke des Todes. Mitten im Leben sind wir vom Tode umfangen. Unsern eigenen, selbstvergessenen Tendenzen zu Zerstörung und Selbstzerstörung müssen wir ein Ende setzen, sofort!- Mit dieser Mahnung einher geht eine Feier des Lebens. Schimmelpfennig macht, wie schon in früheren Stücken, darauf aufmerksam, wie wunderbar es ist zu leben, was das für ein Privileg darstellt und es durch nichts gerechtfertigt ist, dieses einmalige Leben einfach so als etwas Selbstverständliches hinzunehmen oder es gar leichtfertig zu gefährden. Das Leben ist ein Wunder! Man sollte es in jedem Moment ergreifen – in des Wortes verwegenster Bedeutung.
Aufführungen am 7., 10. u. 13. Feb.; 19. u. 23. März – Spieldauer 2 Std.10 Min.
Kartentelefon: 0043 1 514444145 - Internet:www.burgtheater.at
