
- Der Dreadnought "Sao Paulo" fuhr für Brasilien - JCR / Military Photos.net
Da sie hunderte Menschen und Berge an Munition mit sich führten, riesige Antriebsmaschinen im und tonnenschwere Geschütze auf dem Rumpf trugen und obendrein noch gegen schwere Treffer geschützt sein mussten, waren Schlachtschiffe in der Regel so stabil gebaut, dass sie „nebenbei“ dem schlimmsten Feind der Seefahrt, der See selbst, mühelos trotzen konnten. In den fast siebzig Jahren der Schlachtschiff-Ära ist nur ein Fall von Untergang im Sturm bekannt: Im Herbst 1951 kenterte die „Sao Paulo“, ein brasilianisches Schlachtschiff, auf dem Weg zum Abwracker.
Zwei Dreadnoughts für Brasilien
Im Jahre 1905 schockte ein Kriegsschiff die ganze Welt, ohne auch nur einen Schuss abzufeuern: Die „Dreadnought“ (zu Deutsch „Fürchtenichts“) der britischen Marine war größer, schneller und ausdauernder als alle damals bekannten Panzerschiffe – und sie konnte aus zehn Rohren Granaten von dreißig Zentimetern Durchmesser abfeuern, die jedes andere Kriegsschiff vernichten konnten.
Das Zeitalter der Schlachtschiffe hatte begonnen, auch wenn sich dieser Begriff erst Jahre später durchgesetzt hat. Die Seemächte in aller Welt riefen nach „Dreadnoughts“ - und wenn sie diese teuren Kolosse nicht selbst bauen konnten wie Deutschland, Frankreich oder die USA, dann wurde das Prestige-Objekt oft genug in England bestellt (deshalb sahen viele frühe Schlachtschiffe nahezu gleich aus mit ihrem Dreibeinmast).
Dies taten auch die Staaten in Südamerika. Diese hatten von jeher ständig gegeneinander Krieg geführt (diese Feindschaft tobt oftmals in den Fußballstadien unserer Tage weiter), und speziell die „großen Drei“ Argentinien, Brasilien und Chile beäugten sich misstrauisch. Alle drei Staaten bestellten jeweils zwei Schiffe in England – die für Brasilien kamen von Vickers aus Barrow und wurden nach den damals größten Bundesstaaten benannt: „Minas Gerais“ und „Sao Paulo“.
Gegen innere Feinde: Rebellion und Korrosion
Obwohl die 1910 abgelieferte „Sao Paulo“ fast vierzig Jahre existierte, hat sie nie einen Schuss auf fremde Kriegsschiffe oder andere Kriegsgegner Brasiliens abgegeben. Umso mehr hatte sie mit inneren Feinden zu tun.
Schon bei ihrer Ankunft in Brasilien wurde sie in die „Meuterei des 22. November“ verwickelt und beschoss den Hafen von Bahia. Es war nicht der erste und erst recht nicht der letzte Versuch junger, unzufriedener Offiziere, die Zustände im Land mit Gewalt zu ändern. Zu jener Zeit war Brasilien ein besserer Feudalstaat (der erst 1898 die Sklaverei abgeschafft hatte!), dessen Demokratie nur auf dem Papier existierte. Das Bildungsniveau der breiten Massen war niedrig, Wirtschaft und Strukturen rückständig und die politische Macht in einer Handvoll reicher Familien konzentriert.
Deshalb hatte die Kriegsmarine nicht die Mittel, ihre Schlachtschiffe auf Dauer in kriegsbereitem Zustand zu halten. Als das Land 1917 in den Krieg gegen die Mittelmächte eintrat, dampfte die Sao Paulo nicht nach Europa, sondern in eine amerikanische Werft: Ihr Zustand war schon nach sieben Jahren so schlecht (in warmen Breitengraden verrotten Schiffe schneller als in Europa, denn warme Luft und warmes Wasser sind gefährlich korrosiv), dass sie von Grund auf überholt werden musste. Wieder in der Heimat angelangt, musste sie die sog. „Tenentismo Revolte“ im Fort Copacabana niederkämpfen. Die jungen Offiziere hatten mal wieder für freie Wahlen und Bildungsreformen geputscht.
Ein Schlachtschiff verfällt
Dieser heftig umstrittene Kampf gegen eigene Kameraden war der letzte aktive Kriegseinsatz der „Sao Paulo“. Der stählerne Koloss war für moderne Flottenoperationen ohnehin nicht mehr zu gebrauchen. Rost und Verfall knabberten nicht zuletzt deshalb so erfolgreich an dem Schiff, weil seinerzeit ein völlig neuer Schiffstyp mit unerprobter Technik binnen kurzer Zeit in großen Stückzahlen bestellt und rasch hochgezogen wurde – Gravierende Konstruktions- und Baufehler, wie sie erst später im Alltagseinsatz zutage traten, waren die logische Folge. Doch selbst bei noch so guter Konstruktion und Pflege: Nach zwanzig Jahren in See sind die Maschinen und Aggregate eines Schiffes gemeinhin am Ende.
Im Übrigen wurden nach dem Ersten Weltkrieg weltweit moderne (und nun auch so genannte) „Schlachtschiffe“ gebaut, wogegen die alten „Dreadnoughts“ antiquierte Museumsstücke waren. Sie hatten weder gegen Fliegerbomben noch gegen U-Boote eine Chance, selbst jeder moderne Kreuzer hätte sie durchaus niederkämpfen können. Die allererste Dreadnought war schon 1920 abgewrackt worden, Dutzende andere folgten weltweit. Kein einziger „Dreadnought“ ist erhalten geblieben.
Als Brasilien 1942 Hitler-Deutschlands U-Boot-Attacken auf seine Handelsschiffe mit eigener Kriegserklärung beantwortete, ging die „Sao Paulo“ im Hafen von Recife als schwimmende Geschützbatterie vor Anker – falls nochmal ein deutsches „Panzerschiff Graf Spee“ im Südatlantik herumspukte.
Der Untergang der „Sao Paulo“ kostete neun Menschenleben
Nach Kriegsende stellte Brasilien seine Dreadnoughts außer Dienst und bot sie auf dem Weltmarkt zum Verschrotten feil – noch immer war das riesige Land nicht in der Lage, solche Massen aus Eisen und Stahl selbst zu zerlegen und zu verarbeiten. Abwrackfirmen aus Italien und England griffen zu. „Minas Gerais“ wurde in Genua zerlegt.
Die Engländer schickten zwei Hochseeschlepper, „Dexterous“ und „Bustler“ nach Rio. Doch was sie vorfanden, war ein leckendes, antriebsloses und von heimischen Schrotthändlern ausgeplündertes Wrack, das erst abgedichtet werden musste und keinerlei Energiequellen mehr besaß, nicht einmal Licht. Mit neun Hafenarbeitern als Notbesatzung und wochenlanger Verspätung ging der Schlepp am 10. September 1951 auf die Reise.
In der Nacht zum 4. November gerieten die Schiffe 300 km westlich der Azoren in einen Orkan. Die später angesetzte Seegerichtsverhandlung konnte nicht klären, ob die Schleppleine von alleine riss oder (wie oft behauptet wurde) von den Schleppern aus Selbstschutz gekappt worden war, um nicht gerammt zu werden. Binnen Sekunden verschwand die „Sao Paulo“ von den Radarschirmen, sie muss also jäh gekentert und gesunken sein.
Weder vom Wrack noch von den neun Hafenarbeitern fand sich jemals eine Spur. Der Fall erregte weltweit große Empörung – schließlich waren neun Menschen auf unverantwortliche Weise ohne alle Hilfsmittel auf ein Wrack gesetzt und in den Tod geschickt worden. „Typisch Bananenrepublik“, hieß es in vielen Kommentaren - eine Arroganz, die sechs Jahre nach dem schlimmsten Abschlachten der Geschichte freilich Fehl am Platze war.
Literatur: Siegfried Breyer: „Schlachtschiffe und Schlachtkreuzer“, München 1970
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