Schlecker Drogeriemärkte

Fürsorge für Angestellte sieht anders aus

Viele der Schlecker-Filialen sind oft nur einfach besetzt - was, abgesehen von einer enormen Arbeitsbelastung, nunmehr zu vermehrten Raubüberfällen führt

Das Drogerieimperium des Anton Schlecker (Jahrgang 1944) hat eine beispiellose Erfolgsgeschichte hinter sich. Nachdem er ursprünglich in der Metzgerei seines Vaters arbeitete, eröffnete Schlecker 1974 die erste seiner mittlerweile über 10.000 Filialen.

Der Marktführer steht schon seit langem in der Kritik, da er seine - meist weiblichen - Angestellten mit restriktiven Methoden führt, die von Gewerkschaftern als "Schweinereien" bezeichnet werden.

Der "normale" Umgang mit Angestellten

In vielen Filialen gibt es kein Telefon, um den Angestellten Privatgespräche zu untersagen. Das heisst jedoch auch, dass bei Überfällen telefonisch keine Hilfe geholt werden kann. Bezirks- wie Filialleiter werden dazu angehalten, regelmäßig die Taschen der Kollegen zu überprüfen, ebenso wie die Spinde, die Privatfahrzeuge sowie die Bargeldbestände der Kassen. In den Läden werden die Mitarbeiter per Kameras überwacht.

Schlecker versucht mit allen Mitteln, Betriebsratsgründungen zu verhindern. Stellen sich Mitarbeiter als Betriebsräte oder Wahlvorstände auf, werden sie oftmals sofort entlassen. Steffi Recknagel, Gewerkschaftssekretärin bei ver.di, Fachbereich Handel, hat fast täglich mit Hilferufen von Schlecker-Mitarbeitern zu tun. Ihrer Ansicht nach sei "das Prinzip von Schlecker, mit immer weniger Personal immer mehr Umsatz zu erzielen."

Ist Schlecker der Meinung, dass in einer Filiale, gemessen an den Öffnungszeiten zu wenig erzielt wird, werden Mitarbeiter aufgefordert, Stunden abzugeben. In diesem konkreten Fall, in der Region Mainz, weigerte sich die Betreffende, da sie alleinerziehend ist. Sie blieb standhaft, als damit gedroht wurde, statt ihrer würde eine Kollegin gekündigt - was dann auch geschah. Unterschreiben Angestellte trotz großen Drucks auf Seiten der Geschäftsleitung keine Änderungskündigung und gehen vor Gericht, sind sie in 98 Prozent der Fälle erfolgreich, so Steffi Recknagel. "Wenn sich eine Frau einmal durchgesetzt hat, ist erst einmal Ruhe", sagt sie, "bis Schlecker sich eine neue Schweinerei einfallen lässt".

Zuspitzung durch vermehrte Raubüberfälle

Nach Beobachtungen von Arbeitnehmervertretern gehen immer mehr Discounter dazu über, ihre Personaldecke, vor allem in den umsatzschwächeren Tageszeiten, auszudünnen. Perfektioniert hat dies Schlecker. In seinen über 10.000 Filialen arbeiten gerade mal 40.000 Mitarbeiter. Von diesen arbeitet nicht einmal die Hälfte in Vollzeit. Drei bis vier Frauen teilen sich die Woche pro Filiale auf. Das heißt, dass immer mehr Filialen überwiegend von einer einzigen Angestellten betrieben werden. Abgesehen von der enormen Arbeitsbelastung - Bestellung, Service, Beratung, Regale einräumen, Kasse, Laden putzen und so weiter -, und der Tatsache, dass schon der Gang zur Toilette somit praktisch ausgeschlossen ist, kam es in letzter Zeit zu häufigen Überfällen.

Pro Woche werden in Deutschland etwa 50 Einzelhandelsgeschäfte überfallen, Schlecker-Märkte sind besonders häufig betroffen. Zum Einen, weil es viele davon gibt, zum Anderen, weil eine einzige Angestellte eine geringere Gefahr für die Täter bedeutet.

Aus diesem Grunde fordern die Gewerkschaften bundesweit auch einen Sicherheitstarifvertrag. In diesem Entwurf wird zum Beispiel gefordert, Mitarbeiter nicht mehr alleine mit den Tageseinnahmen zur Bank zu schicken, sondern dies von Sicherheitsfirmen machen zu lassen. Eine Forderung ist den Gewerkschaftern besonders wichtig - und könnte für Unternehmen richtig teuer werden: Gefordert wird eine Mindestbesetzung. Zwei Mitarbeiter pro Filiale mindestens.

Dieser Passus stößt bei den Arbeitgebern erwartungsgemäß auf größte Gegenwehr. Auch bei Schlecker, obwohl das Unternehmen verlautbaren lässt: "Grundsätzlichist jeder Schlecker-Markt mit mindestens zwei Angestellten besetzt".

Betriebswirtschaftliches Denken?

Wenn es der Firma Schlecker schon um ihren Ruf nicht Bange ist - wäre es anders, hätte sie die Firmenpolitik schon längst geändert - und sie für ihre Mitarbeiter augenscheinlich nicht das Beste im Sinn hat, so sollte doch der Schaden, den vermehrte Überfälle mit sich bringen, zum Nachdenken anregen. Der Griff in die Ladenkasse mag noch zu verschmerzen sein, aber eine Mitarbeiterin, die einmal oder sogar öfter Opfer eines Raubes wurde, könnte auf längere Sicht nicht arbeitsfähig sein.

Joachim Schottmann, Psychotherapeut beim Kölner Dienstleister Human Protect kennt solche Fälle: "Bei einem Teil der Betroffenen klingen die Symptome auch nach Wochen nicht ab. Zurück im Laden gerät manche Verkäuferin schon in Panik, wenn ein Kunde etwas zu lange in seiner Jackentasche nestelt. Mitunter haben wir Leute, die durch langwierige Psychotherapien monatelang ausfallen."

Julia Strelow, Stephan Wallocha

Julia Strelow - Autorin der Bücher: "Ratgeber Nachhilfe - Informationen, Adressen, Berichte" sowie "Jetzt sind wir dran?! - Frauen in der ...

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