
- Schleswig-Holstein und der Nationalsozialismus - Akens
Es ist leider traurige Wahrheit: In Schleswig-Holstein hat die NS-Ideologie nicht nur früh Fuß gefasst und ist nach 1933 in allen Teilen der Gesellschaft von der Kirche über die Universität bis zur Rechtsprechung mit grausamer Gründlichkeit umgesetzt worden, hier konnten auch viele "Größen" des NS-Staates lange über dessen Untergang ganz unbehelligt weiterleben. Eine Aufarbeitung hat es lange weder politisch noch historisch gegeben. Bis in den Beginn der Achtziger Jahre des vorigen Jahrhunderts gab es über die Zeit zwischen 1933 und 1945 kaum wissenschaftlich gesichertes Wissen.
Es ist geradezu ein Hintertreppenwitz der Geschichte, dass einer der ersten, der sich mit dieser Zeit wissenschaftlich befasst hat, ein kanadischer Historiker war: Der früh verstorbene Lawrence D. Stokes, der durch die Heirat mit einer Eutinerin und die absurden Verwicklungen seines Schwiegervaters in die Zeitverhältnisse auf diese Zusammenhänge aufmerksam geworden war.
Ein kanadischer Historiker begann mit der Aufarbeitung
Besagter Schwiegervater war als Günstling der Partei im Zweiten Weltkrieg Stellvertretender Landrat in Schroda/Warthegau gewesen und ging nach dem Kriege völlig unbehelligt seiner Tätigkeit als Kreisoberinspektor im Jugendamt nach.
Sieht man von Stokes' frühen Veröffentlichungen über die Anfänge des NS-Staats im damaligen Landesteil Lübeck des Freistaates Oldenburg ab, war im übrigen Schleswig-Holstein die „Auseinandersetzung mit der NS-Zeit systematisch vernachlässigt, behindert oder unmöglich gemacht worden“ .Vor diesem Hintergrund trafen sich fünfzig Jahre nach der Machtübergabe an die Nationalsozialisten im Juni 1983 Wissenschaftler in Kiel, die mit dem von ihnen gegründeten Arbeitskreis zur Erforschung des Nationalsozialismus in Schleswig-Holstein (Akens) die Lücke ausfüllen und zugleich mahnen wollten. Der Arbeitskreis hat seither mit seinen zweimal jährlich erscheinenden „Informationen zur Schleswig-holsteinischen Zeitgeschichte“ ein Forum geschaffen, das zwischenzeitlich auf 5.200 Seiten angewachsen ist.
Sammelband fasst Erkenntnisse zusammen
Zum 25-jährigen Bestehen des Arbeitskreises und zum 75-jährigen "Jubiläum" der Machtübergabe ist ein Sammelband erschienen, der die wesentlichsten Ergebnisse der seitherigen Forschung zusammenfasst. Der Band hat landesweit derartige Beachtung gefunden, dass innerhalb von nur drei Monaten eine zweite Auflage erscheinen musste. Die Thematik dieses Buches ist weit gefasst und reicht von den „Kampfjahren“ in der Weimarer Republik über die Verfolgung Andersdenkender und Andersblütiger bis zum Zusammenbruch und die Besetzung des Landes durch die Engländer. Ein Exkurs weist darauf hin, dass es immer noch nicht nur den „Hindenburgdamm“, sondern zahlreiche Straßen gibt, die an den Heerführer und Reichspräsidenten erinnern.
Wobei der Verfasser nicht nur zutreffend darauf hinweist, dass die Schlacht an den Masurschen Seen 1914 weder bei Tannenberg stattgefunden hat noch von Hindenburg gewonnen worden ist. Und dass der Reichspräsident 1933 keineswegs ein seniler Greis war, der den Einflüsterungen seiner Kamarilla – allen voran sein Sohn Oskar – erlegen ist.
„Siegeszug in der Nordmark“ – Schleswig-Holstein und der Nationalsozialismus 1925 – 1950.Herausgegeben vom Arbeitskreis zur Erforschung des Nationalsozialismus in Schleswig-Holstein e. V. (Akens) 2009. Broschur, 400 Seiten. Euro 15,00.
