Schnee in Palermo - mitten im Hochsommer

Schnee vom Ätna - Ullstein
Schnee vom Ätna - Ullstein
Kleine und große Gaunereien in und um Sizilien. Städtischer Bediensteter rechnete zur Jahresmitte Sonderschichten zum Schneeräumen ab.

Palermo, die Hauptstadt Siziliens, im August. Der Schriftsteller und Fernsehautor Thomas Valentin hat die Stadt in seiner Textsammlung „Schnee vom Ätna“ vor 40 Jahren treffend beschrieben: „Es sind 40, 42 Grad. Im Schatten. Die Sonne hockte wie ein glühender Moloch über der Conca d’Oro“. Die Zeiten haben sich geändert. Zwar wird allerorten über zunehmende Erderwärmung gesprochen und diskutiert, aber in Sizilien ist dies offenbar anders. Dort, in Palermo, ist von Februar bis August (!) 2011 offenbar der Schnee zur Plage geworden.

Schnee bei Temperaturen von mehr als 30 Grad

Jedenfalls hat ein pfiffiger städtischer Bediensteter von Februar bis August 2011 Mehrarbeit und Nachtschichten abgerechnet mit der Begründung, er habe während dieser Zeit in den Straßen der Stadt Schneeräumdienste leisten müssen. Und da war was zusammen gekommen; monatlich zwischen 103 und 70 Stunden. Der Überstundenlohn bezifferte sich schließlich auf exakt 5.165 Euro. Allerdings, nachdem die ersten 42,5 Überstunden ordnungsgemäß abgerechnet worden waren, roch irgendjemand in der Stadtverwaltung Lunte, und die weiteren Zahlungen wurden zum 28. September gestoppt. Mit dem Hinweis beispielsweise, dass die Durchschnittstemperaturen in Palermo im Monat Juli 2011 nachts bei 19 und tagsüber bei 34 Grad gelegen hatten.

Siziliens aufgeblähter Beamtenapparat

Der Fall hat landesweit für einiges Gelächter gesorgt. Aber auch zu der Nachfrage geführt, was denn sonst noch faul sein könnte in der sizilianischen Bürokratie, und wer sich daran unverfroren – nicht allein die Camorra – bereichern könnte. Denn es gibt dort unten im äußersten Süden Italiens einen ziemlich aufgeblähten Verwaltungsapparat. Nach den Berechnungen der Mailänder Tageszeitung „La Repubblica“ unterhält die Region Sizilien rund 17.000 staatliche Arbeiter, Angestellte, Funktionäre, Bürokraten. Das ist italienischer Rekord; die Löhne und Gehälter sind in der Summe achtmal höher als in der großen Lombardei mit Mailand als Metropole.

Die Lahmen und Blinden von Neapel

Schnee in Palermo, im Juli und August. Wunder gibt es immer wieder, mochte sich der unverfrorene Betrüger gesagt haben. Die gibt es im streng katholischen Italien nach Christi Vorbild auch anderswo: In Neapel beispielsweise sollen Lahme wieder gehen und Blinde wieder sehen können – wenn der Antrag auf Invalidenrente genehmigt ist. Und so fluchen viele Norditaliener über die „Neger“ im Süden. Sie im Norden, mit einer eigentlich florierenden Wirtschaft, könnten alle Eurokrisen locker überstehen, wenn man „nördlich von Neapel eine Mauer baute“. Eine Taxifahrer-Meinung vom Mailänder Flughafen Malpensa. Der in der Zeitung blättert und offenbar nicht so recht registrieren will, was auf der Titelseite steht: „Salvo il ministro accusato di mafia“. Auf deutsch: Gerettet ist der aus Sizilien stammende Landwirtschaftsminister Saverio Romano aus dem Kabinett Berlusconi, der von der Staatsanwaltschaft mafioser Machenschaften beschuldigt wird. Ihm wurde in Rom parlamentarische Immunität versichert. Dabei soll der Regierungschef die Hände im Spiel gehabt haben. Der stammt aus Mailand. Der Schneeräumer ist geflogen.

Ergänzende Informationen: La Repubblica (in italienischer Sprache)

Klaus J. Schwehn, Klaus J. Schwehn

Klaus J. Schwehn - Daß ich Journalist geworden bin, verdanke ich dem Umstand, daß mir meine Eltern kein Studium finanzieren konnten. (Ich ...

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