
- Einfach zuviel - © eyeami - Fotolia.com
Wenn man bei Amazon das Stichwort 'Ratgeber Ordnung' eingibt, erhält man 100 Treffer, unter dem Stichwort 'Aufräumen' finden sich 85! Ohne darauf näher eingehen zu wollen ist eins klar: Ordnung bzw. Unordnung ist zu einem allgegenwärtigen Thema geworden. Ganze Industriezweige leben davon, Nützliches und (scheinbar) Praktisches zur Herstellung von Ordnung in den unterschiedlichsten Bereichen, zum Archivieren (von Informationen) und Sortieren zu erfinden und zu produzieren. Und lösen damit dennoch nicht das Kernproblem: Überflüssiges sinnvoll verstaut bleibt dennoch überflüssig – zu viel bleibt zu viel.
Unordnung als Symptom der Überflussgesellschaft
Unordnung ist ein allgegenwärtiges gesellschaftliches Phänomen der modernen Industriegesellschaft, ein komplexes vielschichtiges Symptom der Überflussgesellschaft. Immerhin ein Drittel aller Deutschen gibt an, keinen Besuch einzuladen, weil sie/er ihre/seine Wohnung zu unordentlich findet. Wir 'vermüllen' sowohl faktisch wie mental (Reizüberflutung) – zu viele Gegenstände, zu viele Informationen, zu viele Eindrücke. Der Überfluss wird zum Problem.
Der Jäger und Sammler – unser genetisches Programm
Wie wir heute wissen, ist der 'moderne' Mensch in vielerlei Hinsicht mit einem genetischen Programm ausgestattet, das wesentlich weniger 'modern' ist, als wir uns gerne einreden würden. Wie so viele unserer Verhaltensweisen ist auch der Hang zum 'Jagen und Sammeln' auf unsere steinzeitliche Vergangenheit zurück zu führen. Entwicklungsgeschichtlich sind wir dem genetischen Programm des Steinzeitmenschen noch längst nicht entwachsen und haben uns den veränderten Bedingungen der Überflussgesellschaft nicht angepasst.
Für den Steinzeitmenschen war es durchaus wünschenswert, erstrebenswert und überlebenswichtig, Überflüssiges für schlechte Zeiten anzusammeln (was selten vorkam und schnell wieder verbraucht war) , ebenso konnte jede verfügbare ‚Information’ von großer Wichtigkeit sein.
Zur Illustration: Noch Anfang des 19. Jahrhunderts besaßen Menschen auf dem Land weniger als 150 Gegenstände, jeder Teller und jedes Kleidungsstück mitgezählt. Heute befinden sich bei den meisten von uns mehr Gegenstände in einem einzigen Schrank!
Ähnlich verhält es sich mit der Anzahl an Eindrücken und Informationen, die Menschen damals zu verarbeiten hatten: Ein Mensch im Mittelalter traf in seinem ganzen Leben durchschnittlich 80-120 Menschen (bei Menschen der feudalen Gesellschaft, die viel reisten, dürfte es etwas mehr gewesen sein). Heutzutage trifft ein Kind bereits in Schule und Kindergarten deutlich mehr Menschen und die Anzahl der Personen, die man (medial vermittelt) 'kennt', ohne Sie jemals wirklich getroffen zu haben (Politiker, Schauspieler, Models, Menschen des öffentlichen Lebens ganz allgemein...), ist immens und kann kaum beziffert werden.
Lebensradien
Die Frage, wie vielen Menschen man früher begegnete und wie viele Eindrücke man dabei sammelte, hing nicht zuletzt mit dem jeweiligen Wirkungs- und Handlungshorizont zusammen, der in früheren Generationen auf Grund der geringen Mobilität natürlich relativ klein war (immer gemessen am Durchschnittsmenschen). Diese ‚Lebensradien’ haben sich gerade in den letzten 100 Jahren durch die rasende technologische Entwicklung extrem ausgeweitet: Unsere Ururgroßväter haben, wenn sie als Bauern auf dem Land lebten, bis zu ihrem Tod ihr Dorf nie verlassen, hatten also einen Lebensradius von rund 15 Kilometern. Für den Urgroßvater wäre vielleicht schon die erste Bahnfahrt hinzu gekommen, er besuchte vielleicht 3 mal im Leben die Stadt – das ergibt einen Lebensradius von etwa 100 Kilometern. Der Großvater, der wahrscheinlich durch den Krieg das erste mal das Land verließ, kam auf etwa 500 Kilometer. Unsere Eltern, die mit ihren Familien bereits mehrmals in Europa Urlaub machten, brachten es schon auf um die 2000 Kilometer, während Menschen unserer Generation (auch der Durchschnittsmensch) mitunter schon 2 bis 3 Kontinente besucht haben und damit auf einen Lebensradius von mehreren 10.000 Kilometern kommen.......
Die letzten 100 Jahre
Ein gewisses Maß an Überfluss (was auch den Zugang zu Bildung und Information beinhaltet) war bis in die nahe Vergangenheit nur wenigen Privilegierten vorbehalten und Ausweis einer besonderen Stellung in der Gesellschaft. Phasen relativen Wohlstandes wurden immer wieder abgelöst durch Zeiten großen Mangels, verursacht durch Kriege, Unwetter- und andere Katastrophen. In jedem Fall war es immer wieder sinnvoll und notwendig, vorsorglich Vorräte für schlechte Zeiten anzulegen – das genetische Programm des Jägers und Sammlers blieb also sinnvoll.
Selbst in unserer jüngeren Vergangenheit gab es Perioden – zuletzt in der Wirtschaftswunder-Zeit nach dem zweiten Weltkrieg –, in denen der Überfluss mit Freuden begrüßt wurde als Beweis dafür, dass die schlechten Zeiten vorüber waren. In den letzten 100 Jahren hat sich unsere Lebensweise jedoch so rasant verändert wie noch nie zuvor in einer Million Jahren Evolution. Gerade mal ein halbes Jahrhundert nach dem zweiten Weltkrieg und zum ersten Mal in der Menschheitsgeschichte ist das Übermaß (an Nahrung, Dingen, Informationen, Einflüssen), dem sich der moderne Mensch in der westlichen Welt gegenüber sieht, nicht mehr beherrschbar und schon gar nicht überlebenswichtig oder nützlich, sprich: zum ernsthaften Problem geworden.
Die Evolution hat gerade erst begonnen
Wir alle besitzen zu viele Dinge, die weder nützlich noch schön sind und immer mehr Menschen sind diesem Überfluss nicht gewachsen. Die moderne Gesellschaft bietet dem Individuum eine Vielzahl von Möglichkeiten, eine Erweiterung des Lebensradius, einen Gewinn an Handlungsspielräumen. Aber die neue Freiheit beinhaltet auch neue Zwänge. Der Steinzeitmensch in uns jubelt immer noch angesichts des Überflusses und greift begierig zu, dabei wird er noch lernen müssen, Wichtiges von Unwichtigem zu trennen, sich dem Überfluss zu verweigern, sich zu beschränken.
Die Evolution hat gerade erst begonnen.
Quellen:
Berliner Zeitung , Archiv 2005, 11.November, Autorin Kathrin Gerewitz
