
- Wer schreit hat Recht? Politik & Polemik - markhillary
Arthur Schopenhauers Schrift von 1830/31 „Die Kunst, Recht zu behalten“ stellt in 38 Lektionen dar, wie Streitgespräche erfolgreich bestritten werden. Noch heute sind Schopenhauers Tipps im politischen Alltag allgegenwärtig. Ein Blick auf seine Kunstgriffe kann bei der Interpretation aktueller politischer Debatten hilfreich sein. Denn man muss nicht unbedingt Recht haben, um Recht zu bekommen.
Schopenhauers ‚Eristische Dialektik‘ oder die Wissenschaft des Streitens
Für Schopenhauer ist Dialektik ein Instrument des Menschen, das dazu dient, seiner „natürlichen Boshaftigkeit“ entsprechend in Diskussionen im Recht zu bleiben. Der Drang recht zu behalten ist nach Schopenhauers Meinung fest in der menschlichen Natur verankert. Schopenhauer geht davon aus, dass Menschen ebenso in jenen Fällen um jeden Preis Recht behalten wollen, in denen sie im Unrecht sind.
Schopenhauer war der Meinung, dass der Begriff Dialektik im Allgemeinen mit Logik gleichgesetzt werde. Deshalb ergänzte er den Begriff und bezeichnete seine Dialektik als eristische Dialektik (lat. Dialectica eristica). Die Eristik ist die wissenschaftliche Streitkunst. Das Wort erízein bedeutet im Griechischen „streiten“ bzw. „Streitgespräche führen“. Schopenhauer entwickelte seine eristische Dialektik also zum Zwecke der Selbstbehauptung in Streitgesprächen unabhängig davon, ob die Wahrheit auf dieser oder jener Seite liegt. Einziges Ziel Schopenhauers eristischer Dialektik ist, aus einem Streit als Sieger hervorzugehen. Ein Wahrheitsanspruch besteht ausdrücklich nicht.
Schopenhauer und die Politik von heute oder Die Meister des Rechtbehaltens
Schopenhauers Schrift „Die Kunst, Recht zu behalten“ beschreibt in 38 kurzen Abschnitten („Kunstgriffe“) diverse Methoden, aus hitzigen Diskussionen als Sieger hervorzugehen. Bei näherem Hinsehen werden die Parallelen zur heutigen (politischen) Streitkultur deutlich. Im Folgenden zwei Beispiele.
Schopenhauers „Verschiebung der Streitfrage“ oder Warum fallen sich Politiker ständig ins Wort?
Im 18. Kunstgriff empfiehlt Schopenhauer im Falle einer drohenden Niederlage während eines Streitgesprächs die überzeugende Argumentation des Gegenübers zu unterbrechen. Auf diese Weise kommt der Gegner nicht zu einer Ausführung seiner (wahren) Schlussfolgerungen. So kann zumindest ein Patt erreicht werden.
Schauen wir uns nun eine der zahlreichen Polit-Talkshows à la Anne Will oder Maybritt Illner an, werden wir nicht lange warten müssen, bis der erste Diskussionsteilnehmer einen anderen gezielt unterbricht. Und zwar in dem Moment, in dem er bemerkt, dass sein Gegner die besseren Argumente hat. Man kann also häufig davon ausgehen, dass ein gerade unterbrochener Gesprächsteilnehmer versucht, ein für die Gegenseite zum ungünstigen Gesprächsverlauf beitragendes Argument vorzutragen. Im erfolgreichen Fall schafft es der Unterbrechende den Unterbrochenen zu einer „Verschiebung der Streitfrage“ zu zwingen.
Schopenhauers Polemik oder Wie drehe ich meinem Gegner das Wort im Munde um?
Mit seinem 16. Kunstgriff gibt Schopenhauer den Rat, Behauptungen des Widersachers durch „nötigenfalls auch nur scheinbar“ zum eben Gesagten im Widerspruch stehende Aussagen bloßzustellen. Diese Technik bezweckt nicht die Untermauerung der eigenen Argumentation, sondern vielmehr den Gegner durch zermürbendes Schikanieren zu schwächen. Ähnliches empfiehlt Schopenhauer im 8. Kunstgriff. Man solle seinen Gegner „zum Zorn reizen“, heißt es da. Die Wut verhindere ein gutes Argumentieren und lasse den Diskussionsgegner unglaubwürdig erscheinen.
Bleiben wir bei unserem Beispiel Polit-Talkshow. Behauptet Politiker A dort, in Deutschland sei einiges im Argen, so ruft sein Kontrahent Politiker B sogleich „Warum verlassen Sie dann nicht das Land?“. Oder Politikerin X sagt, es sei nicht richtig Polizisten anzugreifen. Politikerin Y wird sich in diesem Fall womöglich auf lange vergangene Tage beziehen, in denen Politikerin X an Studentenprotesten teilgenommen hatte, bei denen es zu Rangeleien mit der Staatsmacht kam. „Das glaubt Ihnen niemand mehr“, würde Politikerin Y dann vielleicht sagen. Ob Politikerin X schon lange von alten Meinungen und Verhaltensweisen abgekommen ist, spielt bei der Argumentation ihrer Gegnerin keine Rolle.
Literaturtipp: Schopenhauer: „Die Kunst, Recht zu behalten – In achtunddreißig Kunstgriffen dargestellt“, Insel Verlag, Herausgeber: Franco Volpi, Frankfurt & Leipzig 1995, Taschenbuch, 128 Seiten, ISBN 3-458-33358-4, 7,80 €
