
- Kathedrale in St Andrews - Daniel Liel
Zu der Zeit, als die Römer in das heutige Schottland eindrangen, war das Land zerfallen in keltische und piktische Stämme, die miteinander verfeindet waren. Der Skotenführer Kenneth McAlpin einigte die Stämme im Jahre 843 zum Königreich „Scotia“. Die völlige Christianisierung erfolgte vom 6. Jahrhundert an, besonders durch die Missionstätigkeit St Columbas und St Aidans, und fand ihren Abschluss im 8. Jahrhundert mit der Synode in Whitby und der dort beschlossenen Übernahme katholischer Bräuche.
Da das Christentum als Kultur schon vor der Gründung der schottischen Nation bestand, war es eine einflussreiche und identitätsspendende Basis bei der Formierung und Weiterentwicklung einer solchen und wurde zwangsläufig in ihr assimiliert, wenn nicht sogar mit ihr identifiziert.
Evident wurde diese Identifizierung besonders im 14. Jahrhundert im Rahmen des Unabhängigkeitskampfes Schottlands gegen England, dessen Regent Edward I. (und später Edward II.) sich die Macht über Schottland einverleibten und diesem nur noch Vasallenstatus zuerkannten.
Schottland – eine auserwählte, freie Nation
Der schottische König Robert the Bruce (1274-1327) wandte sich zusammen mit verschiedenen Vertretern der Geistlichkeit und den schottischen Baronen an den Papst. Eines der somit entstandenen politischen Dokumenten ist die „Declaration of Arbroath“ von 1320. In ihr wird die theologische Dimension eines schottischen Selbstverständnisses zum ersten Mal sichtbar.
Die Declaration stellt Schottland als auserwähltes Volk dar, von Christus begünstigt, da er ihm als eine der ersten Nationen seinen Apostel Andreas (St Andrews) geschickt hätte, um das Evangelium zu verbreiten. Diese Sonderrolle wurde offiziell vom Papst anerkannt, dessen Bezeichnung für Schottland als „filia specialis“ dieser Stellung einen Namen gab.
Den theologischen Charakter hervorhebend, vergleicht das Dokument das Verhältnis des Königs Robert the Bruce mit dem Israels zu Joshua. Die Declaration endet mit der Proklamation, dass der schottische König und sein Volk das Heilige Land und alle christlichen Territorien von Heiden befreien würden, sobald der englische Regent besiegt sei. Dies implizierte die Bedrohung der gesamten Christenheit durch England in Form der Herrschaftsansprüche gegenüber Schottland.
Somit ist die mittelalterlich-christliche Vision Schottlands die einer freien Nation, garantiert durch Christus, dessen gesandten Patron, den Papst und den König. Es ist die Freiheit, „which no honest man will lose but with his life.“ (Storrar, W.: Scottisch Identity. A Christian Version, Edinburgh 1990; S.13).
Nationalistische Tendenzen im Schottland des Spätmittelalters
Im Spätmittelalter wurde auch Schottland von wachsenden nationalistischen Gefühlen in Europa erfasst. Seine Kirche wurde in diesem Sinne nicht nur von allgemeinen geistigen Strömungen beeinflusst, sie selbst trug auch zur nationalistischen Gesinnung bei. Noch stärker identifizierte sie sich mit Kultur und Tradition des Landes.
Die nationalistische Tendenz, die dabei in Schottland entstand, breitete sich in zwei Dimensionen aus: zum einen in die noch stärker werdende Aversion gegen England, zum anderen in eine Tendenz, das eigene Land zu etablieren.
Die Kirche beteiligte sich innovativ an der Bildung patriotischer Gefühle unter anderem dadurch, dass sie die schottische Vergangenheit in die Liturgie aufnahm. So entstand zum Beispiel das „Aberdeen Breviary“ von 1509-1510, das sich auf über siebzig schottische Heilige bezieht. Auch Pilgerfahrten zu nationalen Heiligtümern wurden verstärkt unternommen, anstatt wie bisher ins Ausland nach Canterbury oder Compostella zu pilgern.
Um seinen Ruf als gleichwertig zivilisiertes Land, besonders in Anbetracht des mächtigen Nachbarn, herzustellen, wurden verstärkt Kirchen gebaut und die drei mittelalterlichen Universitäten Schottlands etabliert ( St Andrews, Glasgow und Aberdeen).
Der schottischen Reformation wird der Weg geebnet
Gleichzeitig wurden aber auch schon die ersten kritischen Stimmen aus dem Volk laut. So machte zum Beispiel der Diplomat und Dramenschreiber Sir David Lyndsay mit seinem Stück „Ane Satyre of the Thrie Estaitis“ (1540) auf den Missbrauch von Macht, Reichtum und Moral seitens der Kirche aufmerksam.
Damals fungierten Erzbischöfe zeitweise als Lenker des Staates oder waren zumindest immer engste und mächtigste Berater des Königs. Äbte fand man in hohen Positionen, während auf der anderen Seite große Clans und bedeutende Familien in einer Art Daueropposition zur Krone verharrten, die im Augenblick der Reformation schon aus diesen politischen Gründen zu einer Opposition gegen die römische Kirche wurde.
Prälaten standen zwischen König und Adel. Dieser stand mit dem Volk in engster Verbindung. Die uralte Clan-Struktur hielt sich in den Highlands und auf den Inseln vor allem, weil Grundherren und Bauern, Herren und Leibeigene aufeinander angewiesen waren. Der Adel hatte sich in seiner patriarchalischen Funktion bewährt, und bildungsmäßige und soziale Voraussetzungen zu einer echten Opposition waren nicht vorhanden.
Das Fehlen des Bürgertums war ein Konsequenz. Der Süden des Landes wurde immer wieder von Plünderungen heimgesucht, der Norden war zu arm, um ein städtisches Leben entstehen zu lassen. Zwischen Kirche und Adel gab es keine neutrale Kraft mit vornehmlich wirtschaftlichem Interesse. Die unausgeglichenen Besitz- und Machtverhältnisse zwischen Kirche und Adel führten bei letzterem zu einer Unzufriedenheit. Der bald folgenden Reformation wurde somit der Weg geebnet.
Quellen:
Storrar, W.: Scottish Identity. A Christian Vision, Edinburgh 1990.
Schreiber, H.:Schottland. Geschichte eines Landes am Rande Europas, Gernsbach 1990.
