"Ehrenwort" von Ingrid Noll - schrägster deutscher Krimi 2010

Ingrid Noll in ihrem Weinheimer Garten - Gary Rogers, Callwey Verlag
Ingrid Noll in ihrem Weinheimer Garten - Gary Rogers, Callwey Verlag
Kurz vor ihrem 75. Geburtstag erschien der zwölfte Roman der Krimikomikerin Ingrid Noll. Im Roman "Ehrenwort" wird Opa Willy ein Pflegefall. Köstlich böse.

"Ehrenwort". Es ist ihr zwölftes Buch, und die Autorin hat seit ihrem Debütroman "Der Hahn ist tot" im Herbst 1992 nicht an Biss und komödiantischem Talent verloren. Dabei begann die passionierte Hobbygärtnerin Ingrid Noll erst mit 55 Jahren, nach absolvierter Familienphase, Romane zu schreiben. Inzwischen kann man sie zweifellos als Krimiqueen in der deutschsprachigen Literatur bezeichnen. Am 29. September feiert sie ihren 75. Geburtstag, kein bisschen müde, kein bisschen phantasielos, kein bisschen braver.

Morde in deutschen Wohnzimmern und Garagen

Ingrid Nolls bitterbösen Geschichten spielen meistens in einem familiären Zusammenhang, und das Genre Krimi passt nicht wirklich zu Ingrid Noll. Es geht ihr nämlich selten um die Aufklärung von Verbrechen, gar um legalen Strafvollzug. Viele der erzählten Morde passieren versehentlich oder lassen sich vor den Augen des kritischen Lesers durchaus rechtfertigen. Die Helden kommen aus der ganzen normalen Welt deutscher Wohnsiedlungen, es sind Väter, Mütter, Großmütter und -väter, Söhne, Töchter und Enkel, die so lebensecht beschrieben werden, dass man sie persönlich zu kennen meint.

Ingrid Noll schreibt bitter-komische Familienkrimis

Ingrid Noll malt auch keine Schwarz-Weiß-Bilder, ihre Figuren haben gute, mitmenschliche, liebenswerte Seiten, können aber auch ganz schön berechnend, gemein und rachsüchtig sein - bis hin zum Mord im allernächsten Umfeld. Vorrangig töten Nolls Heldinnen - die Männer sind darin nicht so erfolgreich, sondern gehören häufiger zu den Opfern als ihre Frauen, Freundinnen oder Geliebten - mit Hilfe giftiger Kräuter, medizinischer Überdosierungen oder hinterhältiger Tricks. Dazu zählt zum Beispiel ein rutschiger Teppich auf hochgradig glatt gebohnertem Boden direkt vor der Treppe. Keine Chance für Opa Willy, oder?

Wenn der Opa zum Pflegefall wird

In ihrem Roman "Ehrenwort" widmet sich die lebenserfahrene Schriftstellerin einem ernsten und aktuellen gesellschaftlichen Thema: der Frage, wie und wo alte Menschen, die nicht mehr allein leben können, untergebracht und gepflegt werden können. Ihre Beschreibung, wie eine Familie vollkommen aus der Bahn geworfen wird, weil der fast 90jährige Opa stürzt und plötzlich zum Pflegefall wird, trägt realistische Züge. Der Sohn will nichts von seinem Vater wissen, weil er eine Menge unverarbeiteter Ressentiments aus seiner Jugend mit sich herumschleppt. Die berufstätige Schwiegertochter hat zwar Mitleid mit dem Alten, liebt aber ihre mittlerweile erworbene Freiheit, weil die Kinder erwachsen sind. Die Enkelin ist mit den Eltern zerstritten und hat sich nach Berlin abgesetzt. Der Enkel hat eine Menge eigener Probleme, kümmert sich aber noch am besten um den Großvater und spielt sogar mit dem Gedanken, Altenpfleger zu werden. Opa Willy selbst, ein kauziger und eigensinniger alter Herr, der sich nicht abschieben lassen will. die Familie mit dem zu erwartenden Erbe tyrannisiert und heimlich seine Pistole putzt, denkt noch gar nicht ans Sterben und erholt sich zum Verdruss der Familie mit Hilfe von Vanillepudding und hübschen Pflegerinnen bestens von den Strapazen des Krankseins.

Bestsellerautorin Ingrid Noll aus Weinheim an der Bergstraße

Kurz und gut und erfrischend lecker wie ein Stück Zitronentorte: In ihrem Roman "Ehrenwort" führt die in Weinheim an der Bergstraße lebende Schriftstellerin wieder das pralle Leben vor, treibt ein satirisch-heiteres Spiel mit den Nerven der Leser, nicht ohne kontemplative Zwischenszenen zur Erholung der Lach- und Staunmuskeln einzulegen. Wunderbare Ingrid Noll, 75 Jahre alt, kein bisschen weise und auf dem Höhepunkt ihrer erzählerischen Begabung - die Leser, vor allem die Leserinnen lieben sie und warten bereits auf die Unglücksraben und Missgeschicke der Leute im dreizehnten Buch.

Ingrid Noll: Ehrenwort. Roman. Diogenes Verlag 2010. Gebunden. 336 Seiten. 21,90 Euro. Hörbuch: 6 Audio-CDs. 446 Minuten. 29,90 Euro

Andrea Reidt, Freie Journalistin, Foto Monika Werneke

Andrea Reidt - Die Freie Journalistin Andrea Reidt sammelte vielfältige Erfahrungen in ihrem Beruf. Am allerliebsten schreibt sie ...

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