
- Kreatives Schreiben - Pia Helfferich
Zum Thema Schreiben lernen existieren kontroverse Meinungen, wenn es dabei um das Schreiben literarischer Texte geht, die von der Ablehnung jedes Trainings bis zum Aufstellen rigider Regelkataloge reicht. Nur in einem Punkt herrscht Einigkeit: Wer das Schreiben lernen möchte, muss lesen, viel lesen.
Auf die Frage der britischen Zeitung The Guardian nach Tipps für angehende Schriftsteller antworteten prominente Autoren Folgendes:
Michael Morcook: Lesen: Lesen Sie alles, was Sie in die Finger bekommen.
Annie Proulx: Entwickeln Sie handwerkliches Können durch jahrelanges ausgedehntes Lesen.
Ian Rankin: Lesen Sie viel.
Zadie Smith: Wenn du noch ein Kind bist, lies so viel, wie du nur kannst. Verbringe mit nichts so viel Zeit wie mit dem Lesen.
Sarah Waters: Lesen Sie wie verrückt.
P. D. James: Lesen Sie ausführlich und mit Bedacht. Schlechte Literatur ist ansteckend.
A. L. Kennedy: Lesen Sie. So viel Sie können.
Aus: The Guardian: Ten Rules of fiction, 20. Februar 2010.
Von Schriftstellern lernen
Die gute Nachricht ist, dass bereits das "naïve", Bücher verschlingende Lesen uns schult. Unmerklich geht ein Gespür für Erzähltechniken, Darstellungsmöglichkeiten und Stil in uns als Leser über. Die noch bessere Nachricht ist, dass wir diese Schulung auch ganz bewusst verstärken und ausdehnen können, indem wir ab und zu ein Buch genauer analysieren. Wenn man ganz besonders begeistert ist von einem Buch, oder auch wenn man ein Buch nicht mag, aber vorerst nicht bestimmen kann, warum das so ist, sollte man sich die Mühe einer gründlichen Untersuchung machen. Und keine Sorge: Man zerstört die Begeisterung von einem Buch nicht, wenn man sich mit seiner Machart beschäftigt, ganz im Gegenteil.
Die Erstlektüre
Am besten liest man das Buch zunächst komplett als naiver Leser, also ohne analysierende Hintergedanken. Anschließend notiert man in wenigen (!) Sätzen eine Zusammenfassung. Worum geht es in dem Buch?
Hat das Buch Ihnen gefallen oder nicht? Falls es Ihnen nur stellenweise gefiel, welche Szenen blieben Ihnen positiv im Gedächtnis und an welche misslungenen erinnern Sie sich?
Wirkt die Geschichte glaubwürdig oder unglaubwürdig? Warum?
Welche Art von Geschichte sollte offensichtlich erzählt werden und ist dem Autor das gelungen? Sollte es zum Beispiel eine lustige Horrorgeschichte sein oder war sie unfreiwillig komisch?
Begründen Sie Ihre Antworten jeweils mit ein paar Stichwörtern.
Fragen an den Text
Lesen Sie dann das Buch erneut, markieren Sie Passagen, die Ihnen interessant erscheinen, und achten Sie auf folgende Dinge:
Wie werden die Figuren eingeführt? Wodurch werden sie plastisch? Welchen Zweck erfüllen sie in der Geschichte?
Wann und wie werden Charaktereigenschaften eingeführt, die für den Verlauf der Handlung wichtig sind?
Welche Stilmittel werden eingesetzt (Ironie, Symbole, Metaphern, Synästhesie ...)?
Klingen die Dialoge natürlich oder künstlich?
Was für ein Konflikt treibt die Hauptfigur an? Gibt es weitere Konflikte bei anderen Figuren, Sub-Konflikte in der Handlung?
Wie verläuft der Plot? Kann man die Geschichte einem Plotmodell zuordnen?
Wie wird Spannung erzeugt?
Wie und wann finden sich Hinweise auf das Ende der Geschichte? Werden sie subtil eingeflochten oder platt präsentiert?
Wie geht der Autor mit den handwerklichen Themen um, die zurzeit noch Ihre Schwäche sind?
An welche Schauplätze werden die Leser geführt? Auf welche Weise lernen sie die Schauplätze kennen? Wie detailliert fallen die Beschreibungen aus? Gibt es einen Grund für die Wahl gerade dieses Schauplatzes?
Wie kann man die Sprache charakterisieren? Ist sie knapp, kühl, sachlich? Besonders hip? Blumig? Ganz besonders hochsprachlich oder kumpelhaft-umgangssprachlich?
Hat der Autor Manierismen und Lieblingswörter?
Wie ist der Rhythmus des Textes? Wann wird die Geschichte schneller erzählt und wann langsamer?
Wie bewegen sich die Figuren von einer Szene zur nächsten?
Hat jede Figur ihr eigenes Vokabular, ihre eigene Sprache?
Wie erfährt man, dass Zeit vergangen ist?
Welche Perspektive hat der Autor gewählt Warum hat er wohl diese Entscheidung getroffen? Wird die Perspektive durchgehalten? Wer ist der Erzähler?
Vorbilder suchen
Oh nein, das sind beileibe nicht alle Fragen, die man sich stellen kann. Im Laufe der Zeit entwickelt man eigene Interessen für schreibhandwerkliche Lösungen in fremden Texten.
F. Scott Fitzgerald schrieb in einem Brief: "Stilistisch, das heißt durch Kolorit (…) möchte ich fähig sein, alles mit Worten zu tun: hinreißende, glühende Beschreibungen wie Wells verfassen und Paradoxe benutzen mit der Klarheit von Samuel Butler, der Großzügigkeit von Shaw und dem Witz von Oscar Wilde. Ich möchte den weiten, schwülen Himmel von Conrad, die walzgoldenen Sonnenuntergänge und Flickendeckenhimmel von Hichens und Kipling ebenso darstellen wie die pastellfarbenen Dämmerungen von Chesterton. All das sind nur Beispiele. Tatsächlich bin ich ein literarischer Gewohnheitsdieb, der ganz heiß ist auf die besten Methoden eines jeden Schriftstellers meiner Generation."
Werden auch Sie ein literarischer Gewohnheitsdieb.
