Schreiben Neuronen Gedichte? Raoul Schrott: Gehirn und Gedicht

Buchcover - Hanserverlag
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In ihrem Buch ‚Gehirn und Gedicht' fragen Raoul Schrott und Arthur Jacobs nach dem Verhältnis von Poesie, Denken und Wirklichkeit

‚Gehirn und Gedicht’ oder ‚Poesie und Neurowissenschaft’, zwei Themen haben die beiden Autoren einander gegenübergestellt und es dabei belassen. Wer beeinflusst hier eigentlich wen? Und was ist die These des Buches? Wollen die Autoren sämtliche mentalen Prozesse, die ein Gedicht auslöst, auf die Aktivität von Neuronen reduzieren? Der Untertitel ‚Wie wir unsere Wirklichkeiten konstruieren’ hilft da ebenso wenig weiter wie die Lektüre des Vorwortes oder des letzten Kapitels. Derartig ratlos bezeichnete einer der ersten Rezensenten, der Zürcher Wissenschaftstheoretiker Michael Hagner, das 500 Seiten starke Werk als „zu unübersichtlich, um das Verhältnis von Gehirn und Gedicht auf den Punkt zu bringen“. Eine stringente Argumentation nach dem Muster A erklärt sich aus B ginge aber an den Erkenntnissen des Werkes vorbei. Die Schwebe der These ist gewollt, und in ihr liegt der Reiz des Werkes.

Struktur und Aufbau des Buches

In neun Kapiteln stellen sich die beiden Autoren zentralen Fragen des Denkens und der literarischen Produktion: Über das Lesen, Denkfiguren, Metaphorik, Musik, Schrift und Sprache, Vers und Reim. Für den Leser erfreulich, schrieb der Dichter den Fließtext und die Hauptmasse des Textes, während der Neurobiologie, der erst später zu dem Projekt stieß, korrigierte und für den tiefer interessierten Leser kapitelweise Boxen einschob, die den neurobiologischen Hintergrund ausführlich erläutern. Schrott beginnt mit den neurokognitiven Prozessen, wie Erkennen, Lernen, Imagination und ähnliches funktionieren, erörtert dann poetische Techniken (vom Reim zur Hyperbel) und endet mit dem Entwurf einer allgemeinen Theorie des literarischen Lesens. Die Lektüre ist anstrengend, weil es viel Stoff zu bewältigen gibt, aber nie trocken. Schrott schöpft aus einem enzyklopädischen Wissen an Gedichten und kennt Zitate aus allen Epochen, Ländern und Stilrichtungen. Er versteht es, immer ein treffendes und anschauliches Beispiel für die abstrakten Themen zu finden.

Die Autoren

Der Österreicher Raoul Schrott gehört zu den vielseitigsten Autoren in der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur. Als vergleichender Literaturwissenschaftler ist er promoviert und habilitiert mit Arbeiten zum Dadaismus und allgemeiner Poetik. Als Übersetzer schrieb er mit der ‚Erfindung der Poesie’ einen Bestseller und verfasste eine Nachdichtung der Ilias und des Gilgamesch-Epos. Als Lyriker, Essayist und Romancier erhielt er den Joseph-Breitbach-Preis, den höchstdotierten deutschen Literaturpreis. Die Universität Innsbruck veranstaltete 2008 ein altertumswissenschaftliches Symposion wegen seiner These, der Raum, an dem Homer seine Ilias erdacht hatte, liege nicht bei Troja, sondern in der Südtürkei.

Mit ‚Gehirn und Gedicht’ betritt Schrott ein neues Terrain auf der Suche nach den Universalien der Dichtung. Mit Arthur Jacobs konnte er den Lehrstuhlinhaber für allgemeine und neurokognitive Psychologie an der FU Berlin für sein Projekt gewinnen, als Schrott dort im Rahmen der Samuel-Fischer-Gastprofessur lehrte.

Inhalt und Ziel des Buches

Der Inhalt des Buches steht schon im Titel, der wörtlich verstanden werden muss: Es ist ein groß angelegter Vergleich zwischen der Mechanik des Gehirns bei der Erfassung unserer Umwelt und der Mechanik der poetischen Techniken. Beides wird gleich gewichtet. Die Leser können den neurobiologischen Fragen nachgehen, wie die Augen beim Lesen über den Text wandern, welche Hirnregionen beim Erkennen eines Wortes aktiviert werden, wie Objekterkennung und Synapsenschaltung funktionieren, oder welche gehirneigenen Belohnungssysteme es gibt. Gleichzeitig finden sich aber über das Werk verstreut Aussagen poetologischer Art: dass die Lektüre eines Vers nicht länger drei Sekunden sein sollte, wie gelungene Metaphern und Schüttelreime produziert werden, oder wie sich die Poesie Homonyme zunutze macht.

Ständig ziehen die Autoren Parallelen. Sie stellen nebeneinander und verfallen nicht der Versuchung, den einen Bereich als Grundlage des anderen zu postulieren. Ein guter Vers ist nicht länger als drei Sekunden, aber gleichzeitig ist diese Zeitspanne die maximale Aufmerksamkeitskapazität im Arbeitsspeicher unseres Gehirns. Erinnerung funktioniert am besten, wenn man sich ein konkretes Detail merkt und es in einem Raum verortet; Dichtung entwirft mit leuchtenden Details imaginäre Orte. Das Gehirn merkt sich nur, was in eine begrenzte Zahl an Denkschemata integrierbar ist, während die Dichtung sich auf die gleichen Schemata bezieht. Die These steht im Untertitel und ist ein zweifaches Ergebnis: Was das Gehirn als Wirklichkeit postuliert, ist das Ergebnis poetischer Reduktionen der erfahrbaren Umwelt; was die Poesie an Wirklichkeiten produziert, ist gehirngerechter Umgang mit Sprache.

Poesie und Denken

Ohne die Kunst auf neurochemische Prozesse zu reduzieren, ist das Ergebnis der Autoren am besten mit einem 'Als ob' zu umschreiben: Es sieht aus, als ob Hirn und Dichtung ähnlich operieren.

Kaum jemand wagt es heutzutage noch, in allgemeinen Theorien generell über Dichtung nachdenken, schon gar nicht über Universalien. Allem Mäandern des Werkes in ausufernden Exkursen zum Trotz, muss der Leser dies als Leistung anerkennen; außerdem wird dem Kenner wie dem Laien das Werk eine Fundgrube für wenig bekannte Dichter und Details, rhetorische Stilmittel und ihre Wirkung auf neuronaler Ebene, was bislang nie gesammelt wurde. Leider fehlt ein Index.

Schrott und Jacobs leisten scheinbar mühelos eine Pionierarbeit auch für die Philosophie. Wenn die Wirklichkeit nur in rhetorischen, poetischen Mustern gedacht werden kann, was heißt dann eigentlich Mimesis, die Nachahmung der Wirklichkeit, die seit Platon an der Kunst kritisiert wird?

Raoul Schrott, Arthur Jacobs: Gehirn und Gedicht. Wie wir unsere Wirklichkeit konstruieren, Hanser: 2011, Fester Einband, 528 Seiten, 29,90 €.

E.Seitz, ES

Emanuel Seitz - Meine Interessen sind Geschichte, Archäologie, Indogermanistik, Ethnologie, kurz: alles, was fremd oder alt ist, oder mit Sprache zu ...

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