
- Recherche für den Fachartikel - Angela Schulz
Eine Flutwelle neuer Projekte und Formate für Hobbyautoren und Journalisten überschwemmt das Internet. Die Angebote klingen oft gut: Themen sind frei auszusuchen, die Bezahlung transparent, die Auszahlung erfolgt pünktlich, arbeiten kann man von Zuhause aus. Gerade Arbeitslose oder Mütter riechen einen tollen Nebenverdienst. Aber was verbirgt sich tatsächlich dahinter?
Fachartikel ohne Fachwissen
Erst einmal angemeldet, kann man auf einen Pool freier Artikel zugreifen. Es wird weder nach einem akademischen Grad noch nach sonstigen Eignungen gefragt. Die einzige Voraussetzung um „Content-Autor“ zu werden, ist die Fähigkeit, verständliche Texte zu verfassen. Dies wird mittels eines „Probetextes“ ermittelt, nur selten wird hier ein Bewerber abgelehnt. So kann auch der Laie medizinische oder juristische Fachartikel verfassen – eine Überprüfung dieser Artikel auf inhaltliche Richtigkeit erfolgt meist nicht. Laut AGB muss man zustimmen, dass diese Artikel unter fremden Namen veröffentlicht werden. So findet man seinen Artikel unter „Dr. med. Klaus Herman“ wieder – so wirkt der medizinische Fachartikel auch gleich viel seriöser. Man findet seine Artikel in Fachzeitschriften und im Internet und könnte sich damit einen Namen machen – wenn denn der eigene Name unter diesem Artikel stehen würde. Nie wird jemand erfahren, wer der Verfasser dieses Textes ist – und nie wird jemand erfahren, dass es kein Doktor der Medizin, sondern eine verzweifelte Mutter war, die ihren Kindern einen Tag im Zoo ermöglichen wollte. Als Quelle gibt es ja Wikipedia.
Schreiben um jeden Preis
Die Bezahlung liegt nicht selten bei unter einem Cent pro Wort. Man muss viel schreiben, um sein Einkommen aufzubessern, am besten den ganzen Tag. Nur wer schnell schreibt und wer viel schreibt, kann sich so ein zweites Standbein aufbauen. Nicht selten sind die meisten Berichte und Artikel erfunden. Es werden Testberichte über Produkte verfasst, von denen man noch nie gehört hat, es werden Bücher bewertet, die man nie gelesen hat. Viele dieser Autoren schreiben ihre Artikel aufgrund von Fantasie, Logik und Lebenserfahrung. Immerhin braucht man das Geld und die Gleichgültigkeit wächst mit der Zeit. Immerhin macht man sich für diesen Dumpingpreis keine große Mühe mehr mit Herstellern zu sprechen und entsprechende Qualität abzuliefern – dies müsste auch dem Auftraggeber klar sein. Für zwei bis fünf Euro pro Artikel verlässt niemand mehr das Haus um einer Sache nachzugehen. Immerhin wird auch damit geworben, dass man zuhause arbeiten kann. So schreibt man die Nächte durch, bis man selbst nicht mehr weiß, was man da eigentlich verzapft. Aber egal, um auf einen annehmbaren Stundenlohn zu kommen, muss man Artikel am Fließband schreiben. Kann man den Autoren einen Vorwurf machen? Das unmoralische Verhalten ist wohl eher bei den Auftraggebern zu vermuten, die ihre Artikel bekommen möchten, egal um welchen Preis, notfalls auch um die Wahrheit. Wie viel fundiertes Wissen damit am Ende vermittelt wird? Diese Frage ist wohl kaum zu beantworten.
