Schrift und Sprache - zwei verschiedene Systeme

Was unterscheidet die beiden menschlichen Ausdrucksweisen?

Die Schrift scheint in unserer Gesellschaft eine höhere Rangordnung zu haben als die Sprache. Wenn man darüber nachdenkt, ist dieses Verhältnis falsch.

Sprache und Schrift sind zwei ganz unterschiedliche Systeme und dennoch müssen sie sich immer wieder aneinander angleichen. Die Schrift dient ganz offensichtlich dazu, die Sprache darzustellen. Man kann die Schrift auch als eine Art „Fotografie der Sprache“ betrachten. Diese Betrachtungsweise ist allerdings nicht ganz richtig, weil die Schrift nie wirklich auf dem aktuellsten Stand der Sprache sein kann, aber einen starken Einfluss auf die Sprache ausübt und sogar die Veränderung einer Sprache verlangsamen kann.

Die mündliche Überlieferung ist immer zuverlässiger als die Schrift und trotzdem gilt die Schrift in unserer Gesellschaft mehr als die gesprochene Sprache. Warum das so ist, versucht dieser Artikel zu erklären.

Warum wird in unserer Gesellschaft die Schrift höher bewertet als die gesprochene Sprache?

Mit der Frage, warum die Schrift mehr gilt als die Sprache, obwohl das Verhältnis eigentlich genau umgekehrt sein sollte, hat sich auch der Sprachwissenschaftler Ferdinand de Saussure beschäftigt und sich intensiv mit diesem Thema auseinandergesetzt. Es lässt sich festhalten, dass die Schrift der Sprache übergeordnet ist, weil:

  • Die Schrift ein beständiges Objekt ist und deswegen als geeigneter betrachtet wird, die Sprache über eine längere Zeit hinweg zu erhalten.
  • Die visuellen Eindrücke sich bei den meisten Menschen deutlicher und dauerhafter im Gehirn abbilden als akustische Eindrücke. Das ist der Grund, warum sich das Schriftbild besser einprägen lässt als ein Laut der Sprache.
  • Man lernt durch die Schule die Schrift und nicht die Sprache an sich. Das erhöht die Wichtigkeit der Schrift.
  • Das alles führt dazu, dass der Schrift mehr Bedeutung beigemessen wird, als ihr eigentlich zusteht.

Das Verhältnis zwischen Sprache und Schrift ist schwierig

Die Sprache entwickelt sich ständig weiter, während die Schrift oft Jahrhunderte lang unverändert bleibt. Das führt dazu, dass die Schrift irgendwann nicht mehr der Sprache entspricht und deshalb auch nie ein genaues Abbild der Sprache sein kann. Die Schrift muss sich immer wieder der Sprache anpassen und die Orthografie entspricht oft nicht der Aussprache, was das Sprachbild unter Umständen verfälschen kann. Deshalb lässt sich auch schwer feststellen, wenn man frühere Schriften betrachtet, ob die Veränderung der Schrift eine Veränderung der Aussprache ist, oder ob es eine Anpassung an die Sprache ist. Ferdinand de Saussure geht sogar so weit zu sagen, dass die Schrift die Entwicklung der Sprache verschleiert. Dennoch, ohne Schrift wären viele Dinge nicht möglich und der Mensch lebt davon, etwas aufzubewahren, damit er es nicht vergisst. So ähnlich ist es mit dem Verhältnis zwischen Schrift und Sprache, man darf aber nie aus den Augen lassen, dass die Sprache immer einen höheren Stellenwert haben wird als die Schrift, auch wenn es nicht ganz so offensichtlich ist.

Lesetipp:

Ferdinand de Saussure: Grundfragen der allgemeinen Sprachwissenschaft. De Gruyter Verlag (2001). Berlin, New York

Sara Straub, Sara Straub

Sara Straub - Ich habe Sprachwissenschaften, Kunst & Medienwissenschaften und Literaturwissenschaften an der Universität Konstanz studiert und habe ...

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