Schüler machen Zirkus

Berliner Schule im sozialen Brennpunkt: mehr Disziplin und Fairness

Mit großem Erfolg bereitete die Willy-Brandt-Gesamtschule eine Zirkusaufführung vor. Die Schulleitung setzt auf Reformpädagogik und selbst organisiertes Lernen.

Manege frei – so hieß es am Samstag, dem 11. Juli 2009, im bunten Zirkuszelt am Berliner Friedrich-Ludwig-Jahn-Stadion für etwa 250 Schüler der Klassenstufen 7 bis 9 der Willy-Brandt-Gesamtschule im Bezirk Wedding. Sie alle wurden zu Clowns, Jongleuren oder Akrobaten und bewiesen geschickten Umgang mit Diabolo, Feuerkeulen, schwingenden Leitern und anderen artistischen Instrumenten.

Die Schule liegt in einem der sozialen Brennpunkte Berlins. Rund 93 Prozent der Schüler stammen aus Migranten-Familien. Etwa 80 Prozent der Eltern sind Hartz-IV-Empfänger. Eine in vielen Fällen erschwerte Förderung durch das Elternhaus und geringe Sprachkompetenz sind zwei der Herausforderungen, denen sich die 37 Lehrer und Sozialpädagogen der Willy-Brandt-Schule jeden Tag stellen.

Seit September 2008 setzt das Team der Willy-Brandt-Schule auf reformpädagogische Ansätze und selbst organisiertes Lernen. „Die Schüler zu lehren, wie sie am besten lernen – das ist unser Ziel“, erklärt Wilfried Kauert, Schulleiter der Willy-Brandt-Schule. „Es geht um die Förderung von Eigenverantwortung, Fairness, Interesse und Initiative; also Werte und Schlüsselkompetenzen, um sich erfolgreich in die Gesellschaft integrieren zu können. Die Zirkus-Präsentation ist ein Weg, um diese Ziele zu erreichen.“

Sowohl die Schüler als auch die Lehrer sammelten während des einwöchigen Projektes ganz neue Erfahrungen. Sie arbeiteten hier außerhalb der Schule als Team zusammen und stellten erfolgreiche Aufführungen auf die Beine.

Mit neuem Selbstbewusstsein leben

„Bei einzelnen Schülern konnten wir ganz erstaunliche Erfolge beobachten“, berichtet Lehrerin Birgit Faak, die mit acht Schülern eine Pyramiden-Nummer einstudierte und als Teamkoordinatorin aktiv war. „In unserer Gruppe war ein Dauerschwänzer. Ihm haben wir klar gemacht, dass wir nur auftreten können, wenn alle dabei sind. Er hat sich als wichtiges Mitglied der Gruppe ernst genommen gefühlt und war bei jeder Probe und bei den Aufführungen zuverlässig am Start. Wir haben Schüler gesehen, die sonst nie zum Sportunterricht kommen und sich jetzt plötzlich für Akrobatik interessieren. Einer, der in der Regel eher zerstreut ist, hat hier sein Talent als Clown entdeckt und eine tolle Vorführung hingelegt.“

Jugendliche mit Konzentrationsschwächen und Verhaltensauffälligkeiten sind Alltag für die Lehrer. „Einer unserer Schüler, der sich für das Diabolo entschieden hat, ist körperlich und geistig beeinträchtigt. In der Gruppe hat er bemerkenswerte Leistungen gebracht und war der von allen anerkannte Leader. Diese Erfahrung hat ihm ein ganz neues Selbstbewusstsein vermittelt. Ihm erging es wie vielen anderen. Eine Schülerin, die sehr schüchtern ist und immer von anderen gehänselt wurde, hat bei ihrer akrobatischen Nummer eine Leistung wie kein zweiter in der Gruppe erbracht und tritt dadurch heute ganz anders auf. Dies sind Erlebnisse, die der Selbstwahrnehmung der Jugendlichen einen ungeheuer positiven Schub geben“, erzählt Lehrerin Petra Kohnke.

Türken und Araber arbeiteten einträchtig im Team

Die 13-jährige Yasmin berichtet mit strahlenden Augen stolz, dass sie froh ist, ihr Lampenfieber überwunden zu haben. Nurcan, 15, freut sich, dass sie ihre Angst in einer Fakir-Nummer besiegt hat. Für Fehda, 15, war es ganz neues Gefühl, sich beim Balancieren auf einem Trapez auf andere verlassen zu können. „Im Schulalltag geraten Türken und Araber fast jeden Tag aneinander“, berichten die drei Mädchen einstimmig. „In den Proben lief alles gut und es hat keinen Streit zwischen den Gruppen gegeben.“

Das Projekt, das unter Anleitung von Pädagogen des Zirkus Zappzarap auf die Beine gestellt wurde, fand in diesem Jahr zum ersten Mal statt. „Den Schülern hat alles sehr viel Spaß gemacht. Viele, die sonst eher durch Abwesenheit glänzen, haben beim Aufbau des Zeltes geholfen und sich während der ganzen Zeit engagiert“, so das Resümee von Schulleiter Kauert. „Wir möchten das Projekt gerne nächstes Jahr wiederholen und würden uns natürlich freuen, wenn Sponsoren uns hier unterstützen können.“

Positive Wahrnehmung der Schüler im Bezirk

„Die Resonanz bei allen Besuchern und vor allem auch bei den Kitas, die wir zu den Generalproben eingeladen haben, war sehr gut“, weiß Birgit Faak. „Wir wurden häufig gefragt, ob wir nicht Zirkus-Workshops anbieten können. In unserem Schulprogramm gibt es das Projekt Verantwortung. Hierbei engagieren sich die Schüler wöchentlich 1,5 Stunden in einer sozialen Einrichtung – etwa einer Kita. Hier sind durchaus Kooperationen denkbar, in denen Schüler gemeinsam mit Kindern jonglieren, turnen oder zaubern.“

Problemkiez Wedding, sozialer Brennpunkt, verhaltensauffällige Schüler – dies sind Schlagworte, mit denen die Willy-Brandt-Schule bislang immer wieder konfrontiert wird. „Durch das Zirkusprojekt hat sich einiges geändert und ist eine positive Tonlage hinzu gekommen“, so Wilfried Kauert. „‘Das sind aber nette Schüler‘ und ‚Die Willy-Brandt-Schule macht was‘ – das sind ganz neue Einschätzungen, die wir auch in Zukunft gerne hören möchten.“

Gabriele Brähler - Text,Konzept,Moderation; Berlin, Gabriele Brähler

Gabriele Brähler - Als umtriebige Rheinländerin bin ich mit einem kleinen Umweg über Portugal in Berlin heimisch geworden. Leidenschaftlich widme ich mich ...

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