
- Statue im Seidenmuseum, Hangzhou - Sonja Eliane Stenek
Die Frage der Schuld wird zum einen in einer oftmals falsch verstandenen Erziehung als Appell zur Verbesserung von Fähigkeiten missbraucht, zum anderen begegnet sie uns auch in einer christlichen Betrachtung des Lebens, die in unseren Breitengraden vorherrscht. Grund genug, sich mit der Thematik des schuldig Seins oder des sich schuldig Fühlens zu befassen. In der buddhistischen Lehre kommt der Begriff der Schuld nicht vor. Woran liegt das und wie kann die buddhistische Sicht zu mehr innerer Ausgeglichenheit führen?
Woher kommt die Schuld?
Im Christentum geht es darum, die Schuld zu bereuen, Buße zu tun und Gott zu bitten zu verzeihen. Im Buddhismus wird davon ausgegangen, dass alles was passiert, aufgrund von karmischen Auswirkungen passiert. Das heißt, dass in einem früheren oder auch in diesem Leben Handlungen gesetzt wurden, die entweder heilsam oder unheilsam waren und dementsprechende Wirkungen zur Folge haben. Karma ist die Lehre von Ursache und Wirkung.
Gleichzeitig bestehen Vorstellungen von gut und böse, richtig und falsch, was auf Verblendung basiert. Vereinfacht beschrieben ist die Verblendung die Tendenz des Menschen, Erlebnisse, Gefühle, Personen und Wahrnehmungen zu bewerten und zu kategorisieren, weil die Dinge und Erlebnisse ansich leer sind und aus sich selber heraus existieren. Die Bedeutung wird ihnen von außen zugeschrieben. Wenn nun etwas „nicht-gutes“ passiert, sei es durch eigenes Zutun oder durch das Handeln einer anderen Person, ist dies nicht gewollt, was unmittelbar zu einer antrainierten Reaktion führt: Wer ist schuld? Diese Betrachtung führt letztlich in ein Opferdenken und hat wenig mit selbstverantwortlichem Agieren zu tun, wie dies im Buddhismus empfohlen wird.
Was ist zu tun mit der Schuld?
Wie bereits zuvor erwähnt, ist der Begriff der Schuld in der buddhistischen Lehre nicht vorhanden. Die Betrachtung der Dinge, die so sind, wie sie nun einmal sind, fällt unter die erste edle Wahrheit: Alles Leben ist Leiden. Somit ist klar, dass Situationen entstehen können, die leidvoll sind. Vor allem sind sie leidvoll, weil der Mensch sie als negativ bewertet oder an positiv erlebten Inhalten festhalten möchte. Bei der Konfrontation mit unangenehmen Situationen bleibt hier die Betrachtung, dass sich dies nicht mit den eigenen Wünschen deckt und dass ein anderer Zustand herbeigesehnt wird. Bereits diese Feststellung und das Anerkennen dieser Tatsache ist der erste Schritt zum Umgang mit der „unerwünschten“ Situation.
In dem Moment, wenn erkannt wird, dass es jetzt so ist, wird die Verantwortung für das eigene Erleben übernommen. Der Schritt aus der Schuldfalle oder Opferrolle ist bereits im Gange und im Rahmen einer eigenverantwortlichen Vorgehensweise kann dem Gefühl, das sich üblicherweise unangenehm anfühlt, Raum geboten werden. Ein Anerkennen, dass es schlimm ist oder sich unangenehm anfühlt, ist auch ein Schritt in die Heilung dessen, was schmerzlich ist. Es hat viel mit Selbstannahme und Annahme von anderen Menschen zu tun.
Selbstliebe ist die Basis für Nächstenliebe
Im Hinayana-Buddhismus (Theravada) wird davon ausgegangen, dass das Beenden des eigenen Leidens die zunächst wichtigste Aufgabe darstellt. Basierend auf der entwickelten Selbstliebe kann die Liebe zu anderen Menschen erst aufgebaut werden. Eine wesentliche Technik, die dazu verwendet wird ist die sogenannte Metta-Meditation, die Meditation der liebenden Güte.
Durch gute Wünsche für sich selber kann ein tiefer innerer Frieden entstehen. Die Metta-Meditation wird im Buddhismus als sehr rühmliches Mittel angesehen, mit welchem auch positives Karma gesammelt werden kann. Dies ist vor allem dann der Fall, wenn Metta Menschen gesandt oder zuteil wird, die für Schwierigkeiten oder Konflikte im eigenen Leben sorgen. Dies ist jedoch eine fortgeschrittene Stufe der Metta-Meditation, die erst dann erreicht werden kann, wenn ein gewisser Grad an Selbstliebe als Basis vorhanden ist.
Befreiend ist die Ansicht, selber für die Erlebnisse und dadurch entstandenen Emotionen zuständig zu sein. Es hat natürlich auch einen unbequemen Anteil, niemandem die Schuld übertragen zu können, wenn negative Gefühle da sind, aber letzten Endes ist es einfacher etwas zu ändern, wenn der Aspekt der Selbstverantwortung erkannt wird. Als Opfer ist es schwierig zu agieren, als selbstverantwortliches Wesen können Entscheidungen getroffen werden. So kann beispielsweise entschieden werden, möchte ich mit der Belastung aus früheren Tagen weiterhin leben oder möchte ich diese einfach sein lassen und mir dadurch Erleichterung ermöglichen. Diese Tatsache kann durch das Annehmen, dass die Erlebnisse sowieso waren, gleichgültig ob immer wieder darauf hingewiesen wird oder nicht, und das Erkennen, dass Leben immer im Jetzt stattfindet, umgesetzt werden.
Quellen:
Stenek, Sonja Eliane: Gelebte Beziehung – Verblendung in nahen Beziehungen
Stenek, Sonja Eliane: Karma – das Prinzip von Ursache und Wirkung
Stenek, Sonja Eliane: Metta – liebende Güte als Möglichkeit der Begegnung im Alltag
