
- Verzweiflung über den Büchern - unbekannt
In wenigen Wochen ist das Schuljahr bereits wieder vorbei. Zwar freuen sich Kinder und Jugendliche und sicherlich auch viele Lehrer bereits sehr auf die lang ersehnten und zumindest in ihren Augen wohlverdienten Sommerferien, jedoch steht einigen erst noch ein unerfreulicher Moment bevor. Deswegen steigen die Sorgen von Eltern und Schülern in den Wochen vor den Zeugnissen rapide an.
Leistungsdruck und Versetzungsangst
Die heutige Gesellschaft erwartet viel von ihren Kindern. Da Haupt- und Realschulabschlüsse kaum noch berufliche Perspektiven bieten, ist es verständlich, dass die meisten Eltern ihr Kind auf dem Gymnasium sehen wollen, damit es das Abitur ablegen kann. Mitunter steht dieser Wunsch über einer objektiven Bewertung der Leistungsfähigkeit des Nachwuchses und führt über kurz oder lang unausweichlich zu Enttäuschungen und Stress bei allen Beteiligten.
Das Tempo am Gymnasium ist rasant geworden, insbesondere nach der Einführung von G8 sind lange Schultage, intensive Hausaufgaben, regelmäßige Leistungsüberprüfung und eine radikale Konsequenz von Seiten der Schulleitung an der Tagesordnung. Wer in der Unterstufe (Orientierungsstufe) etwa in Schleswig Holstein nicht mitkommt, wird nicht in die Mittelstufe versetzt und muss die Schule verlassen. Diese Strenge ist notwendig, denn das Sitzenbleiben in den Klassenstufen 7–10 wurde abgeschafft! Wer schon zuvor Probleme hat mitzukommen, wird in diesen vier Jahren mit großer Wahrscheinlichkeit den Anschluss verlieren. Zwar wird ein solcher Schüler selbst mit fünf Fünfern oder Ähnlichem versetzt, kann aber den steigenden Anforderungen dann gar nicht mehr gerecht werden und verpasst so den Sprung in die Oberstufe (Jahrgang 11 und 12). Die Schüler stehen somit von Anfang an unter großem Druck, die geforderten Leistungen auf den Punkt abzuliefern. Vorübergehende Schwächen oder das Gefühl, länger zu brauchen als die anderen, schüren die Angst, zu versagen.
Fremdsprachenlernen im Crashkurs
Insbesondere der Fremdsprachenunterricht erfordert durchgängige Teilnahme, Mitarbeit und oftmals eben auch eine weitgehend eigenständige Nacharbeit von den Kindern. In den Grundschulen wird das Englische ab Klasse 3 zumeist hauptsächlich bis ausschließlich verbal unterrichtet (also nur in Form von Liedern und Spielen). Schreibung und grammatische Regeln stehe im Hintergrund, was oftmals auch mit der mangelnden Ausbildung der Grundschullehrer im Zusammenhang steht, zu deren Studienzeiten Englisch noch nicht zum Fächerkanon der Grundschule gehörte.
In Klasse 5 kommt das Schriftliche sofort und wie selbstverständlich dazu und die grammatische Progression erfolgt zügig. Im am weitesten verbreiteten Lehrwerk werden etwa im ersten G8-Schuljahr bereits fünf Tenses und Aspects eingeführt. Nach der 7. Klasse ist die grundlegende Grammatik des Englischen im Prinzip vollständig vermittelt! Desweiteren kommt die zweite Fremdsprache, zumeist Französisch oder Latein, bereits in Klassenstufe 6 hinzu. Häufig kommt es daher zu Verwirrungen oder Übergeneralsisierungen.
Rettungsring Nachhilfe?
Kommt es in diesem Umfeld nun zu schlechten Noten oder unangenehmen Nachrichten der Lehrkräfte reagieren viele Schüler verzweifelt. Sie fühlen sich ungerecht behandelt und überfordert und reagieren oftmals mit Trotz. Eltern wissen häufig nicht, wie sie verfahren sollen, da von ihnen verlangt wird im Spannungsfeld zwischen den Anforderungen der Schule und dem Wohl ihres Kindes agieren.
Die erste Idee ist dann naheliegender Weise in den meisten Fällen Nachhilfeunterricht. Doch dieser ist keinesfalls für jeden Fall das Richtige. Schüler, deren Probleme auf einer momentanen privaten Situation beruhen, landen häufig zu Unrecht in der Nachhilfe und empfinden dies dann als zusätzliche Belastung. Ein anderer Fall sind Kinder und Jugendliche, die auf ihrer Schule grundsätzlich überfordert sind und in der Nachhilfe lediglich nochmals vor Augen geführt bekommen, dass sie das Leistungsziel nicht erreichen werden.
Lediglich für die Gruppe Schüler, deren Leistungsabfall ausschließlich dem Unterrichtstempo anzurechnen ist oder die eine nicht grundlegende Auffassungsschwäche in einzelnen Bereichen an den Tag legen, ist Nachhilfe der richtige Weg.
Unweigerlich gehört ein gewisses Maß an intrinsischer Motivation dazu, um mit der Unterstützung eines Nachhilfelehrers das Klassenziel doch noch zu erreichen. Kinder, die von ihren Eltern gezwungen werden, blockieren innerlich nahezu automatisch und verweigern die Annahme der Hilfe. In diesem Falle ist Nachhifle rausgeschmissenes Geld und Zeitverschwendung. Erst wenn der Schüler die Notwendigkeit selbst erkennt, ist er bereit in den Extrastunden, die er opfern muss, aktiv mitzuarbeiten und so einen raschen, erkennbaren und nachhaltigen Erfolg zu erarbeiten.
Notwendige Überarbeitungen des G8-Konzepts
G8 ist nicht grundsätzlich falsch! Es ist eine gute Idee, die lediglich noch eines Feinschliffs bedarf. Die nachweisbaren Erfolge bei den leistungsstarken Schülern rechtfertigen die grundsätzliche Methode. Der Vorsprung dieser Kinder – insbesondere in den Fremdsprachen – gegenüber den G9-Schülern ist derart beachtenswert, dass man dieses Potential nutzen sollte.
Auch die Möglichkeit, die Abiturienten ein Jahr früher zu entlassen, um sie entweder schneller auf dem Arbeitsmarkt freizugeben oder aber um ihnen mehr Zeit zu geben, sich nach der Schulkarriere und vor dem Studium erst einmal selbst zu finden, ist ein lobenswerter Gedanke. Den Jugendlichen bietet sich die Möglichkeit etwa in einem freiwilligen sozialen Jahr wichtige Erfahrungen ganz unschulischer Art zu sammeln und ihre neue Freiheit auf sinnvolle Weise zu nutzen und auch zu genießen.
Es muss lediglich dafür gesorgt werden, dass nicht zu leichtfertig Chancen vergeben werden. Ein Auffangsystem für die langsameren wäre wünschenswert, damit diese nicht zu früh auf einen anderen Weg umsteigen müssen. Aus diesem Grunde erscheint das Ausdünnen des ohnehin hoffnungslos veralteten Lehrplans unausweichlich. Statt der alten Breite gilt es, sich auf das Wesentliche zu konzentrieren und den Fokus auf fächerübergreifenden, anwendungsorientierten Unterricht zu legen. Auf diesem Wege entsteht die Chance, längere Übungsphasen für die schwächeren Schüler zu ermöglichen, während die stärkeren Transferaufgaben bearbeiten können. Dieses Vorgehen würde die Vorteile von G8 stärken und die nachweisbaren Probleme angehen.
