
- Fälschungssichere Produktcodierung - Bild: FhG
Tatort Linqing City in der chineschen Provinz Shandong. In mehreren Lagerräumen entdecken Ermittler palettenweise gefälschte Wälzlager mit dem Markenaufdruck eines deutschen Herstellers. Leider kein Einzelfall, kommentierrt die Geschäftsleitung, fast täglich habe das Unternehmen mit Fälschungen zu tun.
Produktpiraterie ist längst nicht mehr nur ein Problem der Konsumgüterbranche. Auch die Industrie hat zunehmend mit ihr zu kämpfen. Billige Plagiate kosten die Unternehmen viel Geld: 6,4 Milliarden Euro an Umsatzeinbußen musste allein der deutsche Maschinen- und Anlagenbau im Jahr 2010 laut einer Umfrage des Verbands Deutscher Maschinen- und Anlagenbau VDMA hinnehmen.
Die landläufige Seriennummer auf den Produkten oder herkömmliche Etikette auf der Verpackung sind längst kein Hindernis für professionelle Plagiatoren. Der Aufwand, den Unternehmen zur Sicherung ihrer Produkte vor Fälschern und Plagiatoren betreiben, steigt. Manche Unternehmen unterhalten eigene Arbeitsgruppen, die Produktpiraten mit Detektiven und eigenen Ermittlungsteams jagen und eng mit lokalen Polizeibehörden und dem Zoll zusammenarbeiten.
Sicherheitsmanagement entlang der Wertschöpfungskette
Besonders abschreckend ist ein wirkungsvolles Sicherheitsmanagement, das die gesamte Wertschöpfungskette umfasst. Dazu gehören sichtbare und unsichtbare Sicherungsmarkierungen zur Identifizierung von originalen Bauteilen, Komponenten oder Geräten. Auch stark beanspruchte Bauteile lassen sich beispielsweise mit einer Farbkippeffektfolie kennzeichnen, die nach jahrelangem Einsatz die Herkunft als Originalteil dokumentiert. Diese maßgeschneiderte Produktmarkierung nutzt eine nanooptische Signatur, die direkt auf den Komponenten und nicht, wie bei herkömmlichen Standardlösungen üblich, auf der Verpackung angebracht ist.
Brandsealing nennen Fachleute dieses Verfahren, das Sicherheitsmerkmale mit Hilfe einer Dünnschichttechnik auf Oberflächen aufbringt. Die Farbschichten bestehen dabei aus mikroskopisch kleinen Metallclustern. Je nachdem wie man das Etikett hält, ändert sich der Farbeindruck. Dieser Farbumschlag-Effekt - oder auch Color Switch genannt – sowie die zugrundeliegenden Reflexionseigenschaften lassen sich bei der Herstellung genau definieren.
Fingerabdruck macht Chips fälschungssicher
Forscher des Fraunhofer-Instituts für Sichere Informationstechnologie SIT haben ein Verfahren entwickelt, das Elektronikbauteile oder Chips mit Physical Unclonable Functions (PUFs) – physikalisch nicht klonbare Funktionen – fälschungssicher macht. Das Verfahren erfasst während der Komponentenfertigung eine Art individuellen Fingerabdruck des Bauteils, beispielsweise die Dicke oder Länge der Leiterbahnen. Der Code erfasst dabei minimalste Abweichungen zwischen den einzelnen Chips, die zwar keinen Einfluss auf die Funktionalität der Bauteile haben, aber zur eindeutigen Identifizierung ausreichen.
Invasive Attacken zerstören die Struktur
Das PUF-Modul besteht aus einer Messschaltung und wird direkt in das Bauteil integriert. Spezielle elektronische Schaltungen lesen diese Messdaten aus und generieren aus ihnen den bauteilspezifischen Schlüssel. Im Gegensatz zu herkömmlichen kryptografischen Verfahren wird der geheime Schlüssel dabei nicht in der Hardware gespeichert, sondern auf Anfrage jedes Mal neu erstellt. Da der Code direkt von den aktuellen Systemeigenschaften abhängt, ist es praktisch unmöglich, ihn zu extrahieren und zu klonen. Denn invasive Attacken auf den Chip würden physikalische Parameter verändern – und damit auch die einzigartige Struktur verfälschen oder zerstören.
Selbst raffinierte technologische Maßnahmen, wie Rasterelektronenmikroskope, fokussierte Ionenstrahlen oder Laserblitze, die ehrgeizige Produktfälscher durchaus beherrschen, stehen vor einem unüberwindbaren Hindernis – der Sicherheitsschlüssel geht schon beim Ausspähen kaputt.
