
- Schwarze Pädagogik verwendet Zwang und Angst - Michael Voigt
Das Wort „Schrebergarten“ steht heute oft für kleinbürgerliche Spießigkeit, Gartenzwerg-Romantik und typisch deutsche Vereinsmeierei. Ursprünglich stand der Begriff jedoch für eine weniger idyllische Idee: Kinder sollten hier erkennen, welche prächtigen Resultate korrigierende Aufzucht und stetige Pflege bewirken. Die Entstehung dieser Schreberplätze (später Schrebergärten) geht auf eine Bewegung der 1860er Jahre zurück. Ihr indirekter Namenspatron war der kurz zuvor verstorbene Moritz Schreber, bekannt geworden als dilettantischer Pädagoge, Arzt und Kinderschreck.
Schwarze Pädagogik: Gewalt, Zwang und Leistungsdruck
Die Methoden des Mannes waren krass, teilweise sogar unmenschlich. Durch Zwang und allerhand spezielle Apparaturen wollte der bekennende Humanist (!) eine Art Idealmensch formen. Erfolg hatte er damit nicht einmal bei den eigenen Kindern. Im Gegenteil: Einer seiner Söhne beging Selbstmord, ein anderer verfiel dem Wahnsinn. Bis heute gilt Moritz Schreber als einer der Pioniere der Schwarzen Pädagogik. So unterschiedlich deren Ausprägungen und Methoden sein mögen, im Grundgedanke gleichen sie sich: Schwarze Pädagogik setzt auf Erziehung durch übergroße Strenge. Für einen vermeintlich guten Zweck wird der Wille des Kindes mittels Zwang gebrochen. Fehlverhalten wird hart bestraft, um so eine Wiederholung durch Angst zu verhindern. Der Begriff Schwarze Pädagogik wurde ab den 1970er Jahren durch die Veröffentlichungen der Soziologin Katharina Rutschky sowie der Autorin Alice Miller populär.
In der deutschen Geschichte findet sich die Schwarze Pädagogik im militaristisch geprägten Kaiserreich ebenso, wie in der NS-Zeit oder einigen staatlichen Erziehungseinrichtungen der DDR. Doch auch im Westen des geteilten Deutschlands gab es offenbar Heime, denen rückblickend repressive Maßnahmen vorgeworfen werden müssen. Beispiele aus jüngerer Zeit hingegen sind unter anderem die so genannten Boot-Camps der USA oder auch die als „Tigermama“ zu zweifelhaftem Ruhm gekommene US-Juristin Amy Chua.
Weiße Pädagogik: unklare Methodik und Begriffsbestimmung
Während das Schlagwort „Schwarze Pädagogik“ zumindest hinsichtlich aktiver Misshandlungen unumstritten ist, lässt sich eine klare Definition der Weißen Pädagogik aufgrund der Vielzahl an Erziehungsstilen kaum formulieren. Grundsätzlich haben sich jedoch zwei Richtungen herausgebildet:
In seiner positiven Ausprägung wird der Begriff Weiße Pädagogik lediglich als Gegenstück zur Schwarzen Pädagogik angewandt. Dem repressiven „Müssen“ wird hier der Grundsatz entgegen gesetzt: „Hilf mir, etwas selbst zu tun“. Erziehung ist demnach mehr, als die Vermittlung von Wissen, Fähigkeiten und Normen. Kreativität soll gefördert und Lernstoff spielend erfasst werden. Als kritischer Aspekt kann dabei gelten, dass diese Thesen abhängig von der Art ihrer Umsetzung auch zu Realitätsferne und einer gewissen Unselbstständigkeit im Erwachsenenleben führen können.
Die Denkschule von Alice Miller hingegen belegt den Begriff der Weißen Pädagogik eher negativ. Die 2010 verstorbene Autorin stand offenbar jeglichem Erziehungsstil (auch dem antiautoritären) weitgehend kritisch gegenüber. Sie sah daher in der Weißen Pädagogik die Verlagerung körperlicher Misshandlung (Schwarze Pädagogik) auf den psychischen Aspekt. Dazu gehören demnach alle „Manipulationen“ im Denken und Fühlen des Kindes, die auf eine Anpassung an gesellschaftliche Normen abzielen. Dies schließt ihrer Ansicht nach selbst strenge Blicke ein. Miller wandte sich demnach gegen jede erzieherische Machtausübung und setzte auf Toleranz sowie Individualität. Wie wirklichkeitsnah eine solche, lediglich begleitende, Pädagogik sein kann, ist bis heute ein beliebtes Diskussionsthema geblieben.
Quellenauswahl:
„Gesichter, Geschichten, Geheimnisse“, Nicolaische Verlagsbuchhandlung, Berlin, 2007
„Ich sag dir alles“, Bertelsmann Lexikon Verlag GmbH, Gütersloh, 2000
Bassermann-Lexikon 1991
Schmutzler, H.-J.: Handbuch Heilpädagogisches Grundwissen, Verlag Herder, Freiburg im Breisgau,1994
„Annettes Philosophenstübchen“
