
- Amanda Sthers - Schweine züchten in Nazareth Cover - GGP Media
Harrys Familie ist nicht ganz einfach: Seine Exfrau Monique, die aus Liebe zu ihm einst den Glauben gewechselt hat und zum Judentum übergetreten ist, bedrängt ständig ihre Tochter, doch endlich eine Familie zu gründen und sie zur Oma zu machen. Besagte Tochter, Annabelle, verschenkt ihr Herz jedoch immer nur an viel ältere Männer, die sich nie dazu durchringen können, ihre Gattinnen zu verlassen. Und an der Enkel-Front kann man sich auf Sohn David auch nicht verlassen: Er ist schwul. Damit kann wiederum Harry nicht umgehen, und er hat seit dem Outing kein Wort mehr mit David gesprochen. Dieser nutzt die väterliche Zurückweisung, um eine gefeiertes Theaterstück nach dem anderen zu schreiben.
Die Flucht ins Absurde
Harry wird sein Familienclan zu viel. Zu Beginn des Buches hat er bereits seine Kardiologie an den Nagel gehängt und sich in Nazareth mit einer Schweinezucht niedergelassen. Ausgerechnet in Nazareth! Kein Schweinefuß darf den Boden des Heiligen Landes berühren, und die Tiere leben auf Pfahlkonstruktionen, unrein, wie sie nun einmal im Judentum sind.
Ein Rabbi vor Ort, Moshe Cattan, sagt dem Schweinezüchter den Kampf an, und es entspinnt sich ein wilder Briefwechsel zwischen den Kontrahenten. Erst langsam nähern sich die beiden Männer über die Schrift an, bis sie schließlich feststellen, dass sie einander trotz unterschiedlicher Ansichten durchaus leiden können.
Harry zieht es vor, sich mit dem Rabbi Briefduelle zu liefern, anstatt sich um seine schräge Familie zu kümmern. Die seltenen Briefe an seine Exfrau sind voller Spitzen, die an Annabelle liebevoll und etwas oberflächlich, und seinen Sohn schweigt er an, obwohl der ihm immer und immer wieder schreibt.
Das Leben geht weiter
Obwohl Harry alles getan hat, um aus seinem bisherigen Leben auszubrechen, kann er nicht verhindern, dass es weitergeht. Er mag kein Telefon haben, aber Nachrichten von Veränderungen erreichen ihn trotzdem. Der Ruhm seines Sohnes geht keineswegs an ihm vorbei, und den rührenden Versuchen Annabelles, ihren Vater und ihren Bruder wieder zu versöhnen, kann er ebenfalls nicht entkommen.
Schließlich setzt sich die junge Frau in ein Flugzeug und besucht Harry, bestaunt sein neues, seltsames Leben und möchte sich gern unter seinen Fittichen verstecken, um ihr gebrochenes Herz zu heilen. Aber sie muss feststellen, dass auch für sie die Zeit gekommen ist, erwachsen zu werden...
Einmalige Typen
Der Schweine züchtende Kardiologe hat schon etwas sehr Besonderes: Harry ist sympathisch gezeichnet, ohne jedoch Ecken, Kanten, einen gewissen Egoismus und eine gute Portion Engstirnigkeit zu verleugnen. Die reizende Annabelle, die die Liebe immer dort sucht, wo sie im Keim ersticken muss, und die nicht erwachsen werden will, geht ebenfalls an Herz.
Bei David weiß man kaum, wie man zu ihm stehen soll - so großherzig und liebevoll er auf der einen Seite scheint, so egoman und trotzköpfig ist er auf der anderen. Und Monique, die mondäne Monique, die sich mit steigendem Alter mit immer mehr Schmuck behängt, hinterlässt einen bittersüßen Eindruck, wie sie sich um die Liebe ihrer Kinder bemüht und doch immer nur einen Teilerfolg vorweisen kann.
Moshe dagegen, der Rabbi, wird auf die Dauer immer angenehmer - er ist mehr und mehr bereit, über seinen Schatten zu springen und Dinge mit Humor zu nehmen, und er ist zur rechten Zeit am rechten Ort.
Gefälliger Aufbau, gut transportierte Emotionen
Die Geschichte Harrys und seiner Familie wird erzählt durch Briefe und E-Mails. Alte Geheimnisse werden aufgedeckt, Bündnisse dargestellt, Beleidigungen ausgetauscht und Geständnisse gemacht. Keins der so entstehenden "Kapitel" ist länger als drei, vier Seiten (Annabelle ist per Brief am redseligsten), und das Buch liest sich in einem Rutsch herunter. Gerade weil man denkt, man könne es jederzeit weglegen, weil ja andauernd Einschnitte kommen, tut man es nicht. Zu sehr möchte man wissen, wie die angeschriebene Person reagiert, zu sehr ziehen die verschiedenen Korrespondenzen in den Bann.
Was bei diesem Wort- und Gefühlsmosaik herauskommt, ist manchmal fies, oft anrührend, schockierend, hart, liebevoll, komisch und tieftraurig. Unnachgiebigkeit trifft auf Verzeihen, Ratlosigkeit auf Weisheit, Freude auf Trauer, Verzweiflung auf Hoffnung. Kurz, in diesem überraschend schmalen Bändchen steckt alles, was ein guter Roman braucht.
Fazit: Extrem lesenswert! Lesen!
Amanda Sthers: Schweine züchten in Nazareth. Luchterhand, Juni 2011. Broschiert, 192 Seiten. Euro 16,99
