Als vor über 40 Jahren der Kampf von Schwulen und Lesben begann, da wurden sie als unverstandene und nicht akzeptierte Minderheit von der Gesellschaft gemieden, diskriminiert und zum Teil verfolgt. Heute sind Schwule und Lesben in der Mitte der Gesellschaft angekommen, haben viele ihre Ziele erreicht und sind mit sich und der Welt zufrieden. Es fragt sich nur, ob der Preis für dieses „Ankommen“ nicht zu hoch war und ob die Mitte der Gesellschaft wirklich zur Heimat geworden ist, denn viele Homosexuelle empfinden sie eher als Hölle.
Gleichstellung wurde in vielen Bereichen erreicht
Eine Sehnsucht jeder Minderheit ist es wohl, von der Gesellschaft in ihrem Sosein akzeptiert und anerkannt zu werden. Dafür haben viele Schwule und Lesben über Generationen hinweg gekämpft, sich engagiert, bittere Niederlagen eingesteckt und sich doch immer wieder aufgerappelt und weitergemacht. Diesem Einsatz von unzähligen Aktivisten und Aktivistinnen hat es die schwul-lesbische Szene in Deutschland zu verdanken, dass beispielsweise der Paragraf 175 abgeschafft wurde, es ein Antidiskriminierungsgesetz gibt, gleichgeschlechtliche Paare sich verpartnern dürfen und der Gesetzgeber Homosexuelle in vielen Bereichen heterosexuellen Bürgern gleichgestellt hat.
Gleichstellung ja, Anpassung um jeden Preis nein!
Sicher gibt es noch Bereiche, in denen Schwule und Lesben noch anders behandelt werden, aber im Großen und Ganzen wurde viel bewegt und die Situation hat sich verbessert. Zu Recht dürfen sich Homosexuelle über solche Fortschritte freuen, aber das Erreichte darf nicht dazu führen, dass Schwule und Lesben in dieser nun so homofreundlichen Gesellschaft einfach untergehen und sich so weit anpassen, dass sie nicht mehr zu erkennen sind. Denn eine Gesellschaft, die sich weiterentwickeln möchte, ist darauf angewiesen, dass die in ihr lebenden Gruppen sie durch ihre ganz spezifischen Eigenheiten, Talente und Lebensformen bereichern. Deshalb darf Gleichstellung nicht Anpassung heißen.
Homosexualität in der öffentlichen Diskussion
In den Jahrzehnten des Ringens um Gleichstellung, Akzeptanz und Toleranz war es ein hervorhebendes Merkmal der schwul-lesbischen Bewegung, dass sie auf die Probleme und Ungerechtigkeiten, auf die Bedürfnisse, Ängste und Hoffnungen von Homosexuellen dadurch aufmerksam gemacht hat, dass sie ihr Anderssein mit einer großen Portion Stolz öffentlich gezeigt hat. Gerade die Sehnsucht, sich nicht mehr verstecken zu müssen, als schmuddelige Sub-Kultur zu gelten und zu einem Getto-Dasein verurteilt zu sein, trieb Schwule und Lesben an, auf die Straße zu gehen, sich politisch zu engagieren und durch Gründung schwuler Vereine oder lesbischer Beratungsstellen auf die eigene Situation aufmerksam zu machen. Aus dieser Sehnsucht heraus sind die CSD-Paraden, politische Initiativen und andere Events entstanden. Schwule Männer und lesbische Frauen wollten sich genau als das zeigen, was sie waren, nämlich als homosexuelle Menschen, denen ein Platz in der Gesellschaft zusteht.
Homosexualität darf nicht nur Privatsache sein
Heute hat sich die Situation verändert. Viele Schwule und Lesben möchten die Errungenschaften der vergangenen Jahrzehnte zwar für sich bewahren und sie genießen, sind aber nicht mehr bereit, sich weiter zu engagieren. Die eigene Homosexualität wird aufgrund der gesellschaftlichen Gegebenheiten nicht mehr als Makel empfunden und man sieht sich nicht mehr in der Opferrolle. Durch das Erreichte scheint die Notwendigkeit, sich im öffentlichen Raum zu outen, verloren gegangen zu sein und die Homosexualität wird zur Privatsache. Dadurch aber besteht die Gefahr einer Entsolidarisierung innerhalb der schwul-lesbischen Szene und einer Angepasstheit, die durchaus dazu geeignet ist, die Erfolge früherer Zeiten zunichte zu machen.
Sozialpolitisch tätige schwule Vereine erleben seit längerem Mitgliederschwund und auch lesbische Initiativen haben zu kämpfen. Wo Schwule und Lesben von der Gesellschaft nicht mehr als solche wahrgenommen werden, da versinken sie in der Bedeutungslosigkeit und somit auch ihr immer aktuell bleibendes Anliegen, von den Menschen als das akzeptiert zu werden, was sie sind, nämlich schwul oder lesbisch. Deshalb bleibt es für jeden Schwulen und für jede Lesbe die wichtigste Aufgabe für die Zukunft, sich immer wieder selbstbewusst als Schwuler oder als Lesbe in der Gesellschaft zu zeigen und die Initiative für die eigene Sache zu ergreifen.
