Schwule in den besten Jahren: "Schwürzig" eben!

Cover Schwürzig - amazon
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Oliver Witt hat mit "Schwürzig!" ein amüsantes Buch über Schwule jenseits der 40 geschrieben. Es erzählt von Männern, die so manches er- und überlebt haben.

Wer schwul ist und jenseits der 40, der muss ganz schön aufpassen. Aufpassen darauf, dass er Sätze nicht mit einem verräterischen "Früher..." beginnt. Man unterstreicht so quasi automatisch, dass man alt ist. Und, was noch viel schlimmer ist: Sätze, die mit einem "Früher..." eingeleitet werden, sind meistens verlogen, denn im Sinne von Joseph Görres ist das Große da nicht groß und das Kleine nicht klein, sondern es folgen allzu oft Verklärungen und aufgehübschte Detailbeschreibungen, Gedankendessous eben, die Dinge unterstreichen sollen, die bei näherer Betrachtung der Erwähnung nicht wert sind.

"Schwürzig" ist ein ironischer Ausflug in die schwule Welt der Achtziger

Dabei haben Schwule jenseits der 40 tatsächlich eine Menge zu erzählen. Leider aber fehlt ihnen nicht selten ein dankbares Publikum für solche Reminiszenzen an das eigene Leben. Die jungen Schwulen winken rasch ab weil sie meinen, für solche Geschichten keinerlei Zeit zu haben und dabei ohnehin nicht selten der Meinung sind, dass homosexuelle Männer bereits über 30 im Grunde tot sind und sich so getrost und vertrauensvoll in die Hände eines Abdeckers begeben sollten. Schwule wiederum in demselben Alter fallen einem rasch ins Wort, weil sie selber etwas berichten müssen, selbst die Dinge deuten wollen. Dabei präsentieren sie sich allzu vehement und wortreich als vermeintlich jung gebliebene Revoluzzer, obwohl sie, als sie wirklich noch jung waren, eine solche persönliche Revolution nie wirklich erlebt haben.

Outing und Jobverlust. Aids und die Abschaffung des § 175: Schwule jenseits der 40 haben eine Menge erlebt

Schwulsein in den 1980er und 1990er Jahren: Das waren Schlaghosen und HIV. Sex ´n Boy George, wahlweise Rex Gildo oder Marianne Rosenberg. CSU-Forderungen nach Aids-Lagern und toupierte Frisuren in allen möglichen und vor allem unmöglichen Farbvariationen. Outing und Denver-Clan. Das waren merkwürdige Kleiderkombinationen und der Kampf um die Abschaffung des Schwulenparagrafen 175 StGB. Und Liebesbriefe nach Dr. Sommer-Manier mit vier aufgezeigten Optionen zum Schluß: a) Ja, b) Nein, c) Vielleicht oder d) wenn nein, warum nicht?

An sich hätten gerade junge Schwule allen Grund, den Älteren zuzuhören. Vor allem dann, wenn der Erzähler vom Schlage eines Oliver Witt ist. Der Journalist, 1967 geboren, hat jetzt nämlich ein Buch veröffentlicht, das "Schwürzig! Von Kerlen, Krisen und anderen Kleinigkeiten" heißt, und schon allein für diesen Titel müsste man Witt irgendeinen geeigneten Preis verleihen. "Schwürzig", dieser Mix aus "Schwul" und "Würzig" verweist nämlich auf die Art und Weise der Sicht, die Witt da einnimmt, und dabei in weiten Teilen höchst amüsant ist. Da schreibt kein Sauertopf, der einen wehleidig-verkrampften Ausflug in die 1980er Jahre unternimmt und zwischen zwei Buchdeckeln gepresst unter die Leute bringt. Nein, da geht einer zu Werke, der sich selbst auf die Schippe nehmen kann, und der Rezensent, selbst schwul und jenseits der 40er, hat sich mehrmals prustend in eine Ecke geworfen, wenn Witt zum Beispiel beschreibt, wie Schwulen es früher wie heute geradezu trefflich gelingt, sich zwischen Fitnesswahn und Gesichtspflege nicht selten lächerlich zu machen.

Oliver Witt hat ein amüsantes und nachdenkliches Buch geschrieben

Ja, man liest dieses Buch mit Vergnügen. Dies etwa als Witt genüßlich seine Erfahrungen mit den "besten Freundinnen" beschreibt, all die "Gabies" und die "Biggis" die ja annähernd jeder schwule Mann kennt. Oder die Musik in jener Zeit reflektiert, etwa das Album "Love To Love You, Baby" von Donna Summer: "Frau Summer lieferte auf dieser Platte einen hörbaren Orgasmus nach dem anderen ab, (...) mit einem echten Bums-Rhythmus."

So was zieht sich durch das ganze Buch, doch ist Oliver Witts "Schwürzig" nicht nur Klamauk. Er nutzt die Chance des Rückblicks auch auf das eigene Leben, um etwa daran zu erinnern, was HIV, Aids und Diskriminierung in der schwulen Community, die es heute nicht mehr gibt, angerichtet haben. Vieles beschreibt Witt vor dem Hintergrund eigener Erfahrungen, was das Buch sehr authentisch macht. Geradezu anrührend etwa das "Denkmal für eine Lehrerin", das Witt mit seinem Buch errichtet. Jeder, der einen solchen Lehrer hatte, weiß um den großen Wert einer solchen Begegnung für das weitere Leben. Anders formuliert: "Schwürzig" ist ein Buch, das amüsant ist, wobei sich der Autor aber nicht zu schade ist, (selbst)kritische Blicke zuzulassen. Das ist neu, und damit müsste es eigentlich eine breite Masse erreichen: Die älteren Schwulen, um ihnen damit die Möglichkeit eines Blicks auf "Früher" zu ermöglichen. Die jungen Schwulen, damit sie erfahren, was für ein langer und mühsamer Weg es war bis heute, wo zumindest in den größeren Städten homosexuelle Männer selbstbewusst und ohne Maske auftreten können. Und das Buch ist auch geeignet für das heterosexuelle Umfeld der Schwulen, weil sie so überprüfen können, ob sie ihren Freund, ihren Sohn und Bruder denn auch wirklich verstehen.

Books on demand - bei "Schwürzig" hat der Verlag sich versündigt!

Gleichwohl ist dieses Buch aber auch ein Ärgernis, was nicht die Schuld von Witt ist. So ist es kein Roman im klassischen Sinne, wie es das Buchcover verraten will, sondern eher eine Erzählung mit abgeschlossenen Handlungssträngen. Und eben jenes Buchcover ist schier unterirdisch, ja geradezu blöde, und auch insgesamt hat sich der Hamburger "tredition"-Verlag vom Lektorat und vom Textsatz her offensichtlich keinerlei Mühe gegeben.

Die Chancen, die das Prinzip "Books on demand" mittlerweile bietet, sind hier überhaupt nicht genutzt worden. Im Gegenteil: "Schwürzig" ist derart lieblos produziert und hiernach auf dem Markt geklatscht worden, dass dem Rezensenten die Spucke wegblieb, als er das Buch zum ersten Mal in seinen Händen hielt. Man könnte meinen, es handele sich um eine Aufklärungsbroschüre einer beliebigen Selbsthilfegruppe. Ein Buch aber, das nicht auffällt, weil es vom Erscheinungsbild her nichts hermacht, droht im Buchhandel bei den all den zehntausenden von Neuerscheinungen im Jahr kläglich unterzugehen. Genau das ist es, was Oliver Witts Buch nun wirklich nicht verdient hat. Sieht man also von den Verlagssünden einmal ab, ist "Schwürzig" ein klarer Kauf!

Oliver Witt: "Schwürzig! Von Kerlen, Krisen und anderen Kleinigkeiten", Verlag "tredition", ISBN: 978-3-86850-749-2. Broschur. 14,90 Euro

Holger Doetsch, Wolfgang Ikert

Holger Doetsch - Holger Doetsch, Baujahr 1963, ist Bankkaufmann, Publizist und Dozent. Er schrieb und schreibt u. a. für die Rhein-Zeitung (Koblenz), ...

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