Schwundgeld statt Euro? Die Idee des Regiogelds.

Silvio Gesell, der Erfinder des Freigelds - unbekannt
Silvio Gesell, der Erfinder des Freigelds - unbekannt
Als alternative Währung zum Euro kursiert seit 2001 in Deutschland Regionalgeld. Weniger Sparen soll die lokale Wirtschaft stärken.

Wie bleibt das Geld in der Region im Umlauf und fließt nicht ins Ausland ab, wo es gehortet wird? Als Antwort auf diese, auch in Zeiten der Eurokrise drängende Frage drucken eingetragene Vereine seit 2001 Regionalwährungen nach dem Modell Silvio Gesells, der Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts seine Idee von Freigeld propagierte. Diese Regiogelder flankieren den Euro als Zahlungsmittel und sollen die Kaufkraft lokal stabilisieren. Erwirtschaft der Verein Überschüsse, werden sie zu wohltätigen Zwecken gespendet.

Im deutschsprachigen Raum zirkulieren bereits 28 Regiogelder

Den Startschuss zur Einrichtung der Regiogelder gab 2001 der „Roland“, der im Bremer Umland heute noch zirkuliert. Mittlerweile sind 28 Regionalgelder über ganz Deutschland verteilt und viele andere in Planung. In Freiburg gibt es den Freitaler, in Kassel die Bürgerblüte, in Göttingen den Augusta, in Graz den Styrrion und in Potsdam die Havelblüte. Rechtlich gesehen gelten sie als Gutscheine, die von einem eingetragenen Verein emittiert werden, ähnlich den Bonusmeilen einer Fluggesellschaft oder den Rabattmarken im Einzelhandel. Im Gegensatz solchen Gutscheinen sind die Regionalwährungen aber nicht zweck- oder personengebunden. Außerdem sind sie kein gesetzliches Zahlungsmittel und ihre Annahme gilt daher nicht als verpflichtend.

Der Chiemgauer, das erfolgreichste Regiogeld

Als sie 2006 Stellung zu den Regionalgeldern nahm, sprach die Deutsche Bundesbank noch von einem marginalen Phänomen mit einem Geldumlauf von rund 200.000 Euro, das volkswirtschaftlich zu vernachlässigen sei. Allein der Chiemgauer zirkuliert mittlerweile schon in dreifacher Menge und gilt als die erfolgreichste Regionalwährung Deutschlands. Umgerechnet zum Euro im Verhältnis 1:1, produziert der Chiemgauer bereits ein Umsatzvolumen von sechs Millionen in Landkreisen Rosenheim und Traunstein. Zunächst nur in Scheinen, gibt es den Chiemgauer mittlerweile schon als Giralgeld zur Kartenzahlung. Da ihn überregionale Ketten und Discounter nicht akzeptieren, fördert er die lokal ansässigen Läden, Geschäfte, Firmen und Dienstleister. Außerdem ist ein Umlaufimpuls eingebaut, der die Geldbesitzer daran hindern soll, den Chiemgauer zu horten: Nach drei Monaten verliert ein Schein seinen Wert, wenn seine Gültigkeit nicht verlängert wird; die dafür aufzuklebende Marke kostet zwei Prozent des Geldscheines. Wird der Chiemgauer in Euro umgetauscht, fällt eine Gebühr von fünf bis zehn Prozent an, um den Anreiz möglichst gering zu halten. Die anfallenden Profite spendet der Trägerverein für gemeinnützige Projekte in der Region. Der Umlaufimpuls steigert nicht nur zum Ende des Quartals die Umsätze, sondern macht auch das Sparen unrentabel.

Schafft statt Zinseszinsen ein Schwundgeld, forderte Silvio Gesell

Diese Idee eines zinsfreien Geldes geht auf den Kaufmann und Wirtschaftstheoretiker Silvio Gesell zurück, der 1862 bis 1930 in Deutschland und Argentinien lebte. Eine Gesellschaft mit Arbeitsteilung braucht Geld, denn kaum jemand kann sich in einer solchen Gesellschaft noch selbst versorgen. Das Problem ist daher nicht das Geld selbst, dachte Silvio Gesell, das Problem sind Gewinne aus dem Geld, die weder Produktion noch Wirtschaftskreislauf fördern. Wertstabiles Geld lässt sich aber horten, bis die Zinsen hoch oder die Preise niedrig genug sind, um eine Investition attraktiv zu machen. Die Wertschöpfung mit diesem unproduktiven Geld müsste verhindert werden, war Gesells Grundgedanke. Er schlug einen Negativzins vor: Wie ein Naturalgeld solle in regelmäßigen Abständen der Wert des Geldes „rosten“ und „verfaulen“, wenn es wirtschaftlich nicht aktiv ist. Verfällt die Kaufkraft des Geldes regelmäßig, macht es Sparen unattraktiv und zwingt Konsumenten und Unternehmer zu einem regelmäßigen Erwerb an Waren und Dienstleistungen. Die erhöhte Nachfrage fördert den Güterkreislauf und stärkt die Wirtschaft insgesamt. Am Ende soll ein Geld entstehen, das nur als Tauschmittel dient und nicht zur Hortung. Nur dann sei Geld der Diener des Menschen und nicht sein Herr.

E.Seitz, ES

Emanuel Seitz - Meine Interessen sind Geschichte, Archäologie, Indogermanistik, Ethnologie, kurz: alles, was fremd oder alt ist, oder mit Sprache zu ...

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