Scotland Yard – Entstehung der berühmtesten Ermittlungsbehörde

Die Enstehung von Scotland Yard - Gerd Altmann/www.pixelio.de
Die Enstehung von Scotland Yard - Gerd Altmann/www.pixelio.de
Aus mühsamen Anstrengungen, die blühende Kriminalität in Großbritannien einzudämmen, entwickelte sich die berühmteste Strafverfolgungsbehörde.

Scotland Yard, dieser Begriff ist nicht nur Krimifans geläufig. Die wohl berühmteste Strafverfolgungsbehörde der Welt entwickelte sich aus nicht wirklich ernst zu nehmenden Bemühungen und mit Argwohn beäugt innerhalb von siebzig Jahren zu einer schlagkräftigen Institution der Verbrechensbekämpfung.

Woher kommt der Name?

Im Jahr 1829 bezogen zwei Londoner Police-Commissioners Büros in einem Gebäude, das zum einstigen Whitehall-Palast gehörte, am Ende einer Straße gelegen, die Great Scotland Yard genannt wurde. Dieser Gebäudetrakt hatte den einstigen schottischen Hoheiten als Quartier gedient, wenn sie den Königlichen Hof in London besuchten. Die Polizeibehörde expandierte weiter, zwei Umzüge erfolgten im Laufe der Zeit, aber der Name des ersten Standortes, inzwischen mit einem „New“ (Scotland Yard) ergänzt, wurde beibehalten. Der Name Scotland Yard stand nicht mehr für eine Ortsangabe, sondern hatte sich für die übergeordnete Behörde etabliert.

Britischer Liberalismus

Während in Frankreich das Innenministerium seit 1811eine gut organisierte Polizeibehörde (die „Sûreté“) besaß, konnte in London, der damals größten Stadt der Welt von einer schlagkräftigen Polizei nicht die Rede sein. Polizisten genossen in England keinen guten Ruf, ja sie wurden vielmehr mit Verachtung bedacht. Gründe hierfür findet man einerseits im stark ausgeprägten Liberalismus der Briten, welche jegliche Einmischung der Behörden als Schnüffelei empfanden, andererseits entsprangen sie der unrühmlichen Geschichte ihrer „Gesetzeshüter“.

Common informers und thief-takers

Obwohl London bis in die 30er Jahre des 19. Jahrhunderts in einem Sumpf von Verbrechen und Gesetzlosigkeit versank, gab es weder einen öffentlichen Ankläger noch eine wirkliche Polizei. Für die Justiz zuständig waren Friedensrichter, welche von den Bürgern gewählt aber nicht für ihren Dienst bezahlt wurden, was dazu führte, dass das Amt häufig für illegale Tätigkeiten (Bestechung, Hehlerei) missbraucht wurde. Ihre Büttel waren die common-informers (Spitzel) und die thief-takers (Diebesfänger). Jedermann konnte einen dieser Berufe ergreifen, um auf diese Art zu Wohlstand zu gelangen. Kam es zur Verurteilung von gefassten Straftätern, kassierte der thief-taker nicht nur eine Prämie, sondern erhielt auch das Hab und Gut des Verurteilten. Eine spätere Revanche des Verurteilten war nicht zu erwarten, weil selbst geringfügige Straftaten durch Verbannung in die Kolonien oder mit der Todesstrafe geahndet wurden.

Jonathan Wild

Diese Art der Kriminalitätsbekämpfung förderte geradezu die Gesetzlosigkeit. Thief-taker agierten oft als „Agent Provocateur“ (Lockspitzel, der Personen zu Straftaten provoziert) oder begingen selbst Straftaten, um Prämien zu kassieren, wenn sie gestohlene Werte wiederbeschafften. Jonathan Wild, welcher im Ausgang des 17. Jahrhunderts als Straßenräuber und Betrüger aufwuchs, erlangte als „Thief-taker General of Great Britain and Ireland“ Berühmtheit. Ähnlich wie später die Gangsterbosse in den USA organisierte er Londons Unterwelt. Wer ihm nicht zu Diensten war, wurde angezeigt. So gelangte er zu Ansehen und Wohlstand bis er selbst 1725 an den Galgen gebracht wurde.

Henry Fielding und die Bow Street Runners

Eigentlich war Henry Fielding (1707 - 1754) ein Schöngeist und Dichter. Mit der herrschenden Gesetzlosigkeit machte er sich vertraut, als er ein Buch über Jonathan Wild schrieb. Mit Entschlossenheit und Wortgewalt sagte er, zum Friedensrichter gewählt, dem Verbrechen den Kampf an. Ihm gelang es, dem Innenministerium eine gewisse Summe für bezahlte Polizeikräfte abzutrotzen. Jedoch reichte der Betrag nur für ein gutes Dutzend Männer. Bewaffnet mit einer Pistole gingen sie auf Verbrecherjagd. Durch Mut und Draufgängertum waren sie im Rahmen ihrer Möglichkeiten durchaus erfolgreich. Bürger, welche Schutz suchten, konnten sich gegen Entgelt einen der „Bow-Street-Runner“ mieten. Den Namen hatte ihnen der Volksmund wegen ihrer Zentrale in der gleichnamigen Straße verliehen. Obwohl auch manche von ihnen – bei relativ kleinem Wirkungskreis – korrupt waren, agierten sie neunzig Jahre lang als die einzigen Kriminalisten Londons.

Robert Peel

Robert Peel (1788 - 1850), Staatssekretär des Inneren, später Premierminister, erkannte die Wirkungslosigkeit dieser Truppe. Gegen den Widerstand des Unterhauses gelang es ihm, eine Truppe uniformierter Polizisten aufzustellen. In Frack und Zylinder sorgten sie für Ordnung auf Londons Straßen, von der Bevölkerung spöttisch „peelers“ oder „bobbies“ genannt. Da die Polizisten schon an ihrer Kleidung als solche zu erkennen waren, gingen die Kriminellen in den Untergrund. Um auch hier erfolgreich sein zu können, bedurfte es der Polizisten ohne Uniform. 1842 bezogen zwölf zivil gekleidete Polizisten die Räume in Scotland Yard.

Schwierige Anfänge

1869 arbeiteten am Yard vierundzwanzig Männer relativ unergiebig. Zwar waren ihnen einige spektakuläre Verbrechensaufklärungen gelungen, aber in der Bevölkerung stieß ihre Arbeit ebenso auf Misstrauen wie bei den Politikern. Erst 1871 verabschiedete das Parlament ein Gesetz, das die Registrierung von Wiederholungstätern erlaubte. Karteikarten mit vagen Personenangaben und undeutliche Fotografien füllten die Archive in einem Durcheinander, welches das Auffinden einzelner Karten fast unmöglich machte und viel Zeit und Personal band.

Bertillonage und Daktyloskopie

1894 wurde in England die Bertillonage eingeführt, eine Identifizierungsmethode aus Frankreich, welche auf dem Vergleich von Körpervermessungen beruhte. Dort hatte sich das Verfahren bewährt und sollte von hier aus die Welt erobern. Sichere Ergebnisse bekam man indes nur durch eine große Zahl von exakten Messungen. Richtig erfolgreich konnte die Behörde allerdings erst arbeiten, als die Daktyloskopie (Identifizierung durch Fingerabdrücke) eingeführt wurde. Obwohl u. a. die Briten William Herschel und Henry Faulds erkannt hatten, wie sicher es war, Personen mit Hilfe ihrer Papillarlinien zu identifizieren und Francis Galton sowie Edward Henry Modelle zur Katalogisierung gefunden hatten, dauerte es noch bis 1900, bevor dieses System auch in England übernommen wurde. Nachdem Beamte des Scotland Yard mit Hilfe dieser neuartigen Methoden spektakuläre Aufklärungsarbeit leisten konnte, schwand das Misstrauen in der Bevölkerung und dem Aufstieg stand nichts mehr im Wege.

Ein Großteil des Ansehens, welche die Polizei jetzt genoss, geht auf Detektivgeschichten englischer Schriftsteller zurück. Charles Dickens, Wilkie Collins und Conan Doyle hatten das heraufziehende Zeitalter der Detektive zum Thema etlicher Romane gewählt und trugen so zum Ruhm der englischen Polizei bei.

Bildnachweis: Gerd Altmann/www.pixelio.de

Christian Goldmann, Christian Goldmann

Christian Goldmann - Mein Name ist Christian Goldmann. Ich bin 33 Jahre alt und arbeite seit einigen Jahren als Journalist in Bremen und Umgebung. Zuvor habe ...

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