Sechzig Jahre Weimarer Musikgymnasium

Reinhard Schau hat die Geschichte des Musikgymnasiums Schloss Belvedere in Weimar aufgezeichnet. Bekannt wurde es durch die ARD-Doku "Träume, Tränen, Töne".

Die Geschichte des heutigen Musikgymnasium Schloss Belvedere beginnt im Gründungsjahr der DDR und in Eisleben. Das Land Sachsen-Anhalt etablierte im Mansfeldischen eine Musikfachschule. Eine Außenstelle wurde in Sangerhausen eingerichtet. Den Namen und den Sitz wird die Schule des Öfteren wechseln. Die Raumnot war so groß, dass man 1951 von Eisleben nach Hettstedt umzog. Doch auch dieser Standort ist nicht von Dauer. Nur ein Jahr später erfolgt die Übersiedlung nach Weimar, denn die staatlichen Stellen waren 1952 der Meinung, dass eine Musikschule im Umfeld einer Musikhochschule am besten aufgehoben sei. So kam Weimar zu jener Einrichtung, die heute Vorbildcharakter hat für die Ausbildung des musikalischen Nachwuchses. Doch bis es so weit war, war es ein sehr langer Weg. Die Geschichte des Musikgymnasium Schloss Belvedere beschreibt Reinhard Schau, der bis zur Emeritierung Leiter der Opernschule an der Weimarer Hochschule für Musik war, mit nicht zu überbietender Gründlichkeit auf 300 Seiten und in einem erzählerisch mitreißenden Ton.

Nicht nur architektonisch eine Vorzeige-Einrichtung

Dass die Musikschule in den ersten Jahren ihres Bestehens trotz eklatanten Platz- und Lehrermangels qualitativ hochwertigen Unterricht bot, lag zweifelsohne an der Umsicht und den Leitungsqualitäten von Hans Della Guardia (1918–1996), einem aus Köln gebürtigen Künstler-Pädagogen alter Schule. 1954 wurde er als Direktor entlassen und in gleicher Funktion an eine Fachschule nach Bernburg versetzt, ging aber 1955 zurück in seine alte Heimat Köln. Die Nachfolger Della Guardias haben, wie Schau anschaulich zeigen kann, mehr Gewicht auf ideologische Linienführung, etwa mit morgendlichen Appellen, denn auf eine gediegene musikalische Ausbildung gelegt, was hintere Platzierungen bei Wettbewerben bewiesen. Ein Parteisoldat wie Siegfried Möckel, der Direktor und Parteisekretär der Schule war, vergiftete die Atmosphäre nachhaltig. Seiner Machtanmaßung und seiner Initialen „S.M.“ wegen wurde er hinter vorgehaltener Hand nur „Seine Majestät“ genannt. So konnte das textlose Musizieren von Weihnachtsliedern bei ihm zu cholerischen Anfällen führen. Unter neuer Leitung wurden Anfang der achtziger Jahre auch die musikalischen Leistungen besser, erreichten die „Belver“ bei DDR-Leistungsvergleichen immer öfter vordere Plätze.

Nach der Wende und der deutschen Einheit mussten zwar keine ideologischen Querelen mehr ausgetragen, wohl aber Selbstbehauptungskämpfe geführt werden. Die Vernachlässigung zu DDR-Zeiten führte zu unhaltbaren Zuständen in den Schul- und Internatsräumen; eine Sanierung und Erweiterung des Belvederer Schulkomplexes war unaufschiebbar. Unter tätiger Mithilfe des Landes Thüringen konnte unter der Ägide von Wolfgang Haak nicht nur das vorhandene Häuser-Ensemble modernisiert, sondern dank der Deutschen Bank Stiftung auch ein neues, in seiner Formensprache zum Belvederer Barock kontrastreiches Unterrichtsgebäude errichtet werden. Das Musikgymnasium ist heute nicht nur architektonisch eine Vorzeige-Einrichtung, sondern auch eine vielfach prämierte pädagogische Insel, die, in enger Kooperation mit der Musikhochschule Franz Liszt, Nachwuchskünstler ausbildet, die weltweit überzeugen können.

Das Erfolgsrezept der Schule

Das Erfolgsrezept dieser Spezialschule gründet auf drei Säulen: der Allgemeinbildung am Gymnasium, der musikalischen Spezialausbildung am Hochbegabtenzentrum und der sozialen Gemeinschaftsbildung im Internat. Und dieses „Belvederer Modell“ macht Schule. Kurzum: Die Chronik des Musikgymnasiums Belvedere, die Reinhard Schau hier vorlegt, ist, auch und gerade für die Zeit nach 1990, pädagogisch und musikalisch eine singuläre Erfolgsgeschichte.

Reinhard Schau: Das Musikgymnasium Schloss Belvedere in Weimar – Geschichte und Gegenwart. Böhlau Verlag Köln u.a. 2010. 317 S., geb., Euro 22,90.

Kai Agthe, Barbara Braun (Berlin)

Kai Agthe - Ich bin freier Journalist und Literaturwissenschaftler. Meine Stärken liegen im Feuilleton. Meine Vorlieben sind die bildende Kunst ...

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