Was haben Seeräuber in den letzten 23 Jahren – damals waren illegale Taucher erstmals am Werk – nicht alles aus dem Wrack der 1912 untergegangenen "Titanic" geborgen, "geklaut" wäre wohl auch nach internationalem Seerecht das treffendere Wort. Da fand sich etwa in einem Safe eine geschriebene, aber von Bord des Luxusliners noch nicht abgeschickte Postkarte. Da existiert eine Rettungsbootverankerung. Oder ein Stück der hölzernen Reling. Schuhe, Porzellan, Schmuck, Parfümfläschchen, Brillen. Ein ganzer Liegestuhl vom Sonnendeck.
Viele der über 4 000 Fundstücke vom Meeresboden wurden verhökert
Vieles ist im Londoner National Maritime Museum zu sehen, dem weltgrößten Museum für Seefahrtgeschichte. Aber vieles auch wurde verhökert, für zum Teil Unsummen versteigert, verkauft an interessierte Privatleute, nicht selten Nachfahren der 1 517 Todesopfer, die die Tragödie vom 14. April 1912 vor Neufundland forderte. 4 650 vom Meeresgrund in knapp
4 000 Meter Tiefe geborgene Fundstücke wurden von der US-Gesellschaft R.M.S. Titanic "zu Tage" gefördert – illegal, wie viele Experten meinen, gegen jede Ethik und jedes wissenschaftliche Verständnis, wie es von anderer, vorwiegend archäologischer Seite heißt. Jetzt nun die Sensation: Die amerikanische Firma will alles legalisieren, die Kritik berücksichtigen – und legal und wissenschaftlich fundiert das Wrack der "Titanic" weiter erforschen. Mit modernster, geradezu grandioser Technologie.
Mit Robot-U-Booten und modernster Technologie zum Wrack
Es sind unbemannte Unterseeboote, die zum Einsatz kommen. Sie sind mit den neuesten Kamerasystemen bestückt, die weltweit zur Verfügung stehen. Eine neue Software ist dann in der Lage, die gemachten Aufnahmen in 3-D zu verwandeln. So werden digitale, dreidimensionale Aufnahmen von dem Wrack und seiner Umgebung entstehen. Die Robot-U-Boote verfügen außerdem über hochempfindliche Sonargeräte – "Wir werden eine Wrack-Dokumentation liefern", urteilt P.H. Nargeolet, "wie sie die Welt noch nicht gesehen hat". Er ist der Unterwasser-Forschungsdirektor der US-Firma R.M.S. Titanic.
Rund 80 000 neue Fotos sind zu erwarten
Insgesamt werden in den kommenden eineinhalb Jahren rund 80 000 Fotos von der "Titanic" und ihrer Meeresgrundumgebung angefertigt. Damit erhoffen sich die Wissenschaftler und Archäologen, die diesmal im Gegensatz zu früheren Tauchunternehmungen zur "Titanic" beteiligt sind, neue Erkenntnisse von den Zerstörungen des Rumpfes, die der Zusammenstoß mit einem Eisberg vor nahezu 100 Jahren hervorgerufen hat. Diese illegalen "Vorstöße" haben auch zu Veränderungen am Wrack und Verunreinigungen seiner Umgebung geführt. Auch das soll dokumentiert werden. Von besonderem Interesse aber ist das "Bakterien-Projekt".
Bakterien "fressen" Unterwasser den Stahl
Denn offensichtlich sind stahlfressende Bakterien dabei, das Wrack langsam zu konsumieren. Sie sollen keineswegs gestört oder gar an die Oberfläche gebracht werden. Ziel der beteiligten Wissenschaftler ist es vielmehr, die "Arbeitsweise" dieser Bakterien zu ergründen, vor allem aber Geschwindigkeit und Zeit heraus zu finden, mit der Stahl und Eisen diesen Kleinst-Organismen zum Opfer fallen können. Bei den Tauchunternehmungen der letzten 20 Jahre sind zwar viele Fotos gemacht und Erkenntnisse gewonnen worden, "aber 60 Prozent des Wrack blieben dabei doch unerforscht", sagt David Gallo vom Woods Hole Oceanographic Institute. Das ist eine der bekanntesten Meeresforschungseinrichtungen der Welt.
Nautische Archäologie ist diesmal mit von der Partei
Dass seitens des US-Unternehmens keine "Seeräuberei" mehr betrieben wird, die Hunderte von Wissenschaftlern seit Jahrzehnten angeprangert haben, liegt an der Tatsache, dass es bei R.M.S.Titanic einen Führungswechsel gegeben hat. Chris Davino, der neuerdings als verantwortlich zeichnet, äußerte sich dazu gegenüber Ian Austen von der "New York Times": "Wir gehen für uns absolut ungewohnt und neuartig an das Projekt heran. In der Vergangenheit hatten wir Probleme mit einigen Gruppen, vor allem den Archäologen. Dass die auch jetzt anfangs noch skeptisch waren, ist absolut verständlich". Aber auch deren letzte Vorbehalte wurden ausgeräumt – schließlich haben sie und andere Wissenschaftler nunmehr das Mitsagen. Zu ihnen etwa gehört James P. Delgado, Präsident des texanischen Institute of Nautical Archaeology. R.M.S. Titanic hat wahrhaftig eine dramatische Kehrtwendung vollzogen: In den letzten 17 Jahren hat die US-Firma vor Dutzenden Gerichten immer wieder auf der Eigentümerschaft der Funde bestanden, die seit 1987 von ihren Tauchern aus der "Titanic" geholt worden waren – oder das Unternehmen beanspruchte das Recht, diese Artefakte verkaufen zu dürfen. Das ist jetzt endgültige Vergangenheit. In Sachen "Titanic" wird ein neues Kapitel aufgeschlagen.
Vor der hundertsten Wiederkehr der Katastrophe
Die "Titanic" war um Mitternacht zwischen dem 14. und 15. April – am vierten Tag ihrer Jungfernfahrt! – nur 150 Kilometer vom Festland entfernt vor den Grand Banks Neufundlands mit einem Eisberg zusammengestoßen. Der hochluxuriöse 46 000-Tonner sank schnell, obwohl er als absolut unsinkbar galt. Schließlich war sein Doppelboden in 16 Kompartments unterteilt – sechs hätten voll Wasser laufen können, so die Ingenieure von damals, ohne dass Gefahr für das Schiff entstanden wäre. Der Eisberg riss ein 100 Meter langes Loch in den Rumpf, fünf der Kompartments waren betroffen, füllten sich mit Wasser – 1 517 der 2 224 Personen an Bord verloren ihr Leben. Die Rettungsboote hätten ohnehin nur 1 178 Personen Platz geboten. Das führte zur Safety of Life Convention von 1913. Ihr zufolge muss bei Schiffen für jede Person an Bord Platz auf einem Rettungsboot vorhanden sein.
Die 100. Wiederkehr dieser Katastrophe vom April 1912 soll in Großbritannien würdig begangen werden. Bis dahin – April 2012 – sollen alle Ergebnisse der neuen Forschungen am Wrack, die derzeit im Gange sind, vorliegen und der Weltöffentlichkeit präsentiert werden.
