Segeln in Griechenland: die Dodekanes per Yacht - auf der Kairos

Dr. Ulf Hailer - nass-press
Dr. Ulf Hailer - nass-press
Die Dodekanes in Griechenland vor der Westküste der Türkei sind ein beliebtes Charter-Revier. Nur wenige Segler wissen um die Geschichte der Ägäis-Inseln.

Wer mit der Yacht in den Hafen von Knidos am westlichsten Zipfel der zur Türkei zählenden Datca-Halbinsel einläuft, erkennt schon von weitem ein antikes griechisches Freilufttheater, Siedlungsreste sowie Ruinen einer Akropolis. „Hier befindet sich eine der bekanntesten und reichsten Städte der sogenannten klassischen Epoche“, sagt der Archäologe und Historiker Dr.Ulf Hailer. Der wissenschaftliche Mitarbeiter der Uni Tübingen doziert an der Uni Konstanz zum Thema Klassische Archäologie. Und – Hailer ist begeisterter Segler. So verband der 43jährige Salemer kurzerhand seine Profession mit seinem Hobby: seit fünf Jahren begleitet der aus Sindelfingen stammende Wissenschaftler Chartertörns auf einem 38 Meter langen Zweimast-Segelschoner zwischen den Dodekanes und dem angrenzenden türkischen Festland.

Knidos: Hailers Ausführungen sind alles andere als schulmeisterlich und trocken

Mit Erfolg: die geführten Törns kommen an und haben regen Zulauf. Hailers Erfolgsrezept: seine Ausführungen an Bord und an Land sind alles andere als schulmeisterlich und trocken. Hailer flicht gekonnt hier eine Anekdote ein, stellt dort einen Bezug zu der heutigen Zeit her – und vor allem: es darf gelacht werden. Und gestaunt: denn, wer hätte gewusst, dass Knidos auch für die erste Nacktstatue des Altertums, die Aphrodite des Bildhauers Praxiteles aus dem 4.Jahrhundert v.Chr., bekannt ist? “Einer Legende zufolge soll die Göttin Aphrodite schließlich selbst nach Knidos gekommen sein und gefragt haben: Wo hat mich denn Praxiteles nackt gesehen?”, erklärt Hailer augenzwinkernd an der Stelle, wo die Schöne einst stand. Unten, nur hundert Meter entfernt, schwoit die Yacht an der Ankerleine.

Nisyros: Im Krater zischt, blubbert und brodelt es noch heute

Nur einen Halbtages-Segeltörn in südwestlicher Richtung entfernt, erreicht der stolze Schoner – ein Zweimaster, bei dem der achtere Mast größer ist als der vorliche – Kairos die kleine Vulkaninsel Nisyros. “Nisyros bietet gleich zwei spektakuläre Plätze: der eine präsentiert ein im östlichen Mittelmeerraum singuläres Naturphänomen, der andere trägt eine antike Befestigung, die zu den besterhaltenen Anlagen Griechenlands überhaupt zählt”, sagt Historiker Hailer. Nisyros, wie Santorin eine Vulkaninsel, lockt zudem mit einem der größten Einsturzkessel Europas. Spektakulär ist vor allem der Stefanos-Krater mit seinen hochaufragenden, in grün-gelbe Schwefelbänder untergliederten Wänden, in dem es noch heute zischt, blubbert und brodelt. Aus vielen Erdlöchern entweicht heißer Schwefeldampf.

Poseidon hat einen Teil von Kos weggebrochen

Die Erde lebt, was sich auch daran zeigt, dass der Kraterboden bei jedem schweren Schritt mitschwingt. “Hier versteht man die griechische Mythologie”, erklärt Hailer, Nisyros soll nämlich entstanden sein, als die Götter gegen ihre Rivalen, die Giganten, gekämpft haben. “Poseidon hat einen Teil von Kos weggebrochen und auf den fliehenden Giganten Polybotes geworfen. Dieser liegt nun unter Nisyros begraben, scheint sich aber noch immer zu regen oder zumindest zu atmen”.

Die Bootsschuhe tauschen die Teilnehmer gegen Wanderstiefel ein

Oberhalb von Mandraki, dem Hauptort der Insel, finden sich in beeindruckender Aussichtslage und umgeben von Olivenhainen die vorzüglich erhaltenen Reste einer antiken Befestigung. Eine halbe Stunde dauert der Aufstieg vom Hafen bis zur Feste; das Dingi bootet die Teilnehmer im Morgengrauen aus. Die Bootsschuhe haben sie heute gegen Wanderstiefel eingetauscht. “Die Mauergestaltung spricht für eine Errichtung im 4.Jahrhundert v.Chr”, erklärt Hailer, während die Sonne aufgeht. Speziell sei das dunkle Erscheinungsbild der Mauern; sie bestünden nämlich aus dunklen Trachytquadern, also aus vulkanischem Gestein, so der Archäologe und Historiker weiter. Während die Mauern derzeit mit Hilfe der EU restauriert und gesichert werden, ist der Bereich innerhalb der Mauern noch nicht erforscht.

Patmos: Hat Johannes hier tatsächlich sein Haupt niedergelegt?

Die Kairos, gut besegelt entweder mit Klüver und Fock oder einem 300 Quadratmeter messenden, bauchigen Gennakersegel sowie mit Yankee, Großstag- und Großsegel, erreicht nach einem Tagestörn in nordwestlicher Richtung schließlich Patmos, die „Heilige Insel“ der griechischen Orthodoxie. “Verantwortlich dafür ist der zweijährige Aufenthalt eines Mannes, den die römische Staatsgewalt gegen Ende des 1.Jahrhunderts n.Chr. auf die kleine Insel verbannt hatte. Ein gewisser Johannes, den die orthodoxe Kirche gern mit dem Lieblingsjünger von Jesus Christus gleichsetzt, soll auf Patmos die Apokalypse, also die Offenbarung empfangen haben”, erklärt Hailer während der Besichtigung jener Höhle, in der diese Enthüllungen dem Johannes vermittelt worden sein soll.

Dodekanes: Nur wer sich hier gut auskennt, kann die verborgenen Schätze heben

Hat Johannes tatsächlich sein Haupt auf die aus dem Fels gehauene Kopfstütze gelegt? Hat Prochoros tatsächlich auf dem steinernen Pult als Gehilfe und ,Sekretär‘ die Offenbarung niedergeschrieben? Über allem thront, schon von der Yacht aus gut auszumachen, das zum Weltkulturerbe erklärte Kloster des Johannes Theologos. “Spektakulär”, nennt Historiker Hailer das Klostermuseum mit seinen unschätzbar wertvollen Handschriften. Nur wer sich auskennt – und einen professionellen Führer an seiner Seite weiß – und auf dem Wasserweg, mit einer Yacht, unterwegs ist, kann etwas abseits der üblichen Häfen und Tavernen die vielen historischen Schätze der Dodekanes, der dem türkischen Festlandsort Bodrum vorgelagerten Inselgruppe, heben. “Hier hat die Archäologie noch eine Aufgabe”, sagt Historiker – und Segler Hailer. Dazu brauche es freilich Geld, “das in Griechenland insbesondere in der aktuellen Situation aber leider kaum locker zu machen" sei.

Matt Müncheberg, Matt Müncheberg

Matt Müncheberg - Matt ist Journalist und Fotograf mit dem Schwerpunkt Wassersport. Er berichtet und fotografiert regelmäßig für ...

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