
- Media Spree - Sven Fauth
Die Beschreibung der Segregation durch feministische Ansätze konzentriert sich insbesondere auf eingeschränkte Zugangs- und Aneignungsmöglichkeiten für Frauen. Als Hauptpunkte sind dabei unter anderem die Verweigerung des Zugangs zum öffentlichen und politischen Raum, die Verweisung auf periphere und somit schlechter erreichbare und monotoner ausgestatteter Räume, sowie das Fehlen von Rückzugsräumen anzuführen. Der Schwerpunkt der Betrachtung liegt vor allem auf der benachteiligten Rolle der Hausfrauen, der Teilzeit-Erwerbstätigen und der Alleinerziehenden in peripheren Wohngebieten.
Die fordistisch organisierte Stadt
Die durch Marktgesetze und Planung in einer fordistisch organisierten Stadt erreichte Nutzungstrennung und die damit errichteten Raum- und Zeitstrukturen haben bei einer schlechten Infrastrukturausstattung, fehlender Nutzungsmöglichkeit eines Autos und der Angewiesenheit auf Fahrrad, öffentlichen Nahverkehr, oder die eigenen Füße eine hohe ökologische Distanz zur Folge, die entweder nicht oder nur mit sehr hohen zeitlichen und finanziellen Aufwendungen bewältigt werden können.
Trennung von Arbeiten und Wohnen
Die Trennung von Arbeiten und Wohnen und somit der unbezahlten Hausarbeit von der bezahlten Erwerbsarbeit wird als geschlechtsspezifische Segregation des Stadtraumes bezeichnet. Somit spiegeln sich geschlechtsspezifische Rollenzuweisungen in der Raumaufteilung der Stadt wider.
Polarisierung und Heterogenisierung
Ein weiterer Aspekt ist die Ausdifferenzierung der Lebensverhältnisse von Frauen. Aufgrund der Flexibilisierung des Arbeitsmarktes und insbesondere durch die zunehmende Stärkung des tertiären Sektors und des erweiterten Bildungssystems ist eine stärkere Erwerbsbeteiligung von Frauen zu verzeichnen, allerdings verbunden mit sich ausweitenden Disparitäten zwischen den Frauen.
Dies hat eine Polarisierung und Heterogenisierung weiblicher Alltagserfahrungen und Raumnutzungsmuster durch die Segregation zwischen Familien an der Peripherie und Nicht-Familien in innenstadtnahen Quartieren zur Folge. Somit manifestiert sich der Gegensatz der Hausfrau als Reproduktionsarbeiterin und der erwerbstätigen Frau, die sich aufgrund höherer Einkommen von der Reproduktionsarbeit „freikaufen“ und in einem Partnerhaushalt eher gleichberechtigt aufteilen kann.
Yuppiesierung
Die Ablehnung traditioneller Rollenmuster und Lebensformen muß somit nicht zwangsläufig einen systemverändernden, antipatriarchalen oder rebellischen Charakter haben, sondern ist für kapitalistische Interessen verwertbar. So wird auch Gentrification (Gentrifizierung) als eine räumliche Konsequenz der veränderten Frauenrolle angesehen.
Durch die neu entstandenen Dienstleistungszentren in den aufgewerteten Innenstadtbereichen und dem damit verbundenen „Yuppie-Lebensstil“ werden eine Vielzahl an informellen Billig-Lohn-Jobs, prekären Arbeitsverhältnissen also, geschaffen, die vermehrt von Frauen angenommen werden. Nach wie vor ist es nur einer Minderheit von Frauen möglich, neue Lebensformen zu verwirklichen, die gekennzeichnet sind durch qualifizierte Erwerbstätigkeit, nicht kleinfamiliärer Wohnentwürfen und eine stark individualisierte Lebensführung.
Dabei wird auch die Konkurrenz zwischen Frauen in unterschiedlicher sozialen Lagen beschrieben. Unterschieden wird hierbei vor allem aufgrund der unterschiedlichen Ausstattung mit ökonomischen und kulturellem Kapital in Zuverdienerinnen, Doppelverdiener- und Doppel-Karriere-Haushalte, wobei letztere (meist kinderlose Haushalte) die größten Durchsetzungschancen am Wohnungsmarkt aufweisen.
Ursachen der Segregation
Die strukturellen Benachteiligungen der Frauen einerseits und die zunehmend differenzierten Lebenslagen zwischen den Frauen aufgrund der Veränderungen des Arbeitsmarktes und allgemeiner Modernisierungsprozesse andererseits werden als die Ursachen der Segregation angesehen.
Suburbanisierung auch Sprawl genannt
Das hohe Ansehen individueller Mobilität durch die Verfügung über einen Pkw und die Eigenheim- und patriarchale Kleinfamilien-Ideologie haben sich in einer hohen Nutzungssegmentierung und Suburbanisierung niedergeschlagen. Im anglo-amerikanischen Sprachraum wird hierzu der Begriff des „Sprawl“ geprägt.
Gentrifizierung
Die räumliche Konzentration von Frauen in bestimmten Lebenslagen wird durch den zweiten Aspekt der „gender segregation“ thematisiert: Konzentration armer Frauen in den Großsiedlungen (Alleinerziehende, ältere Alleinlebende), Hausfrauen an der Peripherie (Suburbanisierung) und karriereorientierte Frauen die alleine oder in Partnerschaft leben (Gentrification). Die Suburbanisierung entspricht dabei der fordistischen Phase, wohingegen die Gentrifizierung die Aspekte der Modernisierung in einer postfordistischen Gesellschaft darstellt.
Fordismus und Postfordismus
Somit folgt das Erklärungsmodell der feministischen Ansätze weitgehend dem des politökonomischen Ansatzes. Als Folge eines langandauernden fordistischen Regimes und des krisenhaften Übergangs im Rahmen der Flexibilisierung des Fordismus wird die über den Arbeitsmarkt sozial differenzierte und zunehmend polarisierte Lebenssituation der Frauen angesehen.
Die Emanzipierung der Frau von der fordistischen Familie bringt nur für wenige Frauen tatsächliche Verbesserungen, da die Stadtstruktur in Form der funktionalen Trennung, die Wohnungsversorgung und die städtische Infrastruktur weiterhin auf die „Frau zu Hause“ ausgerichtet ist.
Seit Mitte der achtziger Jahre des zwanzigsten Jahrhunderts nahm der Anteil von alleinerziehenden Frauen, älteren Frauen, Arbeitslosen und Sozialhilfeempfängern in den Siedlungen am Stadtrand überdurchschnittlich zu. Steigende Sozialmieten und eine nachlassende Akzeptanz dieser Wohnform hatten die Abwanderung einkommensstärkerer Haushalte zurück in die Innenstädte zur Folge. Somit kehrte sich der Trend zur Stadtflucht um, und die Stadtrandsiedlungen wurden zu einem Auffangbecken von Wohnnotfällen, Gruppen der ökonomisch diskriminierten unter den der Anteil der Frauen überwiegt.
Resume
Die Folgen funktionaler Entmischung sowie der Gentrifikation und Segregation werden als negativ angesehen, weil sie eine zusätzliche Benachteiligung der Frauen aufgrund der Zuweisung zu benachteiligenden Wohnungs- und Wohnumfeldbedingungen beinhalten.
Die Möglichkeit in die Gestaltung der Räume planerisch einzugreifen, wird vor allem im Rahmen einer veränderten Stadtplanung und Architektur erwartet. Über eine stärkere Beteiligung von Frauen an der Architektur, der Modernisierung von Wohnraum und Stadtteilen sowie der Stadtplanung soll ein Aktionsraum geschaffen werden, um Bedürfnisse von Frauen an das Wohnen und das Wohnumfeld zu diskutieren, formulieren und umzusetzen.
Weiterführende Literatur
Alisch, Monika (1993): Frauen und Gentrifikation. Der Einfluß von Frauen auf die Konkurrenz um den innerstädtischen Wohnraum
Borst, Renate (1993): Frauen und sozialräumliche Polarisierung der Stadt in: FOPA Berlin
Lenz, Martin (2007): Auf dem Weg zur sozialen Stadt
