Dalai Lama seit 50 Jahren im Exil

Ein trauriges Jubiläum für Tentsin Gyatso - den 14. Dalai Lama

Am 10. März 1959 begann der Aufstand der Tibeter gegen China. Wenig später floh der Dalai Lama ins nordindische Dharamsala, wo er heute noch lebt.

Die Vorgeschichte des Aufstands von 1959 ist bekannt: Bereits 1950 begannen die chinesischen Truppen, Tibet anzugreifen. Im Mai 1951 schließlich unterschrieb der Dalai Lama das sogenannte 17-Punkte-Programm, das die Souveränität Tibets beendete und weitgehende regionale Autonomie zusicherte. Der Dalai Lama unterschrieb den von Peking oktroyierten Vertrag, um einen Krieg zu verhindern. Doch die zugesicherten Autonomiebestimmungen wurden nicht eingehalten. Anfang des Jahres 1959 kamen Gerüchte auf, der Dalai Lama solle entführt werden. Am 10. März brach dann der Aufstand aus. Als der Dalai Lama zu einer Tanzvorführung des chinesischen Militärs eingeladen wurde, hielten die Menschen das für eine Falle und drängten den Dalai Lama zur Flucht. Viele seiner Anhänger begleiteten ihn und ließen sich in und um Dharamsala nieder. Das Gebiet ist heute als Little Tibet bekannt.

Unverständnis in China

Das 17-Punkte-Programm sollte den Tibetern unter anderem die freie Religionsausübung zusichern. Daran hat sich Beijing nicht gehalten. Seit über fünfzig Jahren werden die Tibeter unterdrückt und als Menschen zweiter Klasse in ihrer eigenen Heimat behandelt. Die chinesische Historiographie bietet freilich eine andere Lesart der Geschichte: Man habe das tibetische Volk aus Leibeigenschaft und Armut befreit und Wohlstand und Modernisierung gebracht. Eine Ausstellung in Beijing zeigt, wie rückständig die Menschen vor der „Befreiung“ gelebt haben, dass 90% der Bevölkerung als Leibeigene für den Adel ihr Dasein gefristet haben, abgeschottet vom Rest der Welt.

Bei aller berechtigten Kritik an China vertritt der Dalai Lama selbst die Ansicht, dass die tibetische Staatsform der Theokratie den Erfordernissen der Zeit nicht mehr entsprach und dass Reformen im Bildungswesen dringend notwendig waren. Doch die Art und Weise, wie diese Erneuerungen von chinesischer Seite durchgeführt wurden, wurde nun auch vom konsensorientierten Dalai Lama scharf kritisiert. Die Tibeter lebten in der Hölle auf Erden.

Wie wird es weitergehen?

Die Situation ist trotz internationaler Aufmerksamkeit seit Jahren unverändert. Die Führung in Beijing zeigt sich resistent gegen alle Kritik von außen und beharrt auf ihrem Recht auf Tibet als Teil des chinesischen Staatsgebiets. Daran konnten weder Proteste noch gelegentliches Aufbegehren der Mönche etwas ändern. Der Dalai Lama selbst gerät zusehends unter Druck. Die Gefahr einer Spaltung wird von Jahr zu Jahr größer. Anders als im Westen vielfach kolportiert, ist der Dalai Lama nicht das religiöse Oberhaupt Tibets, sondern ausschließlich das der Gelupga-Schule, welche jedoch die einflussreichste in Tibet darstellt. Was wird passieren, wenn der jetzige Dalai Lama stirbt? Die Exiltibeter werden einen Nachfolger aus ihren Reihen suchen – und wohl auch finden. Vermutlich werden aber auch die Tibeter einen 15. Dalai Lama wählen. Die chinesische Zentralregierung wird ebenfalls versuchen, Einfluss zu nehmen, so wie dies bereits beim Panchen Lama geschehen ist.

Zwei Panchen Lamas sind einer zuviel

Im Mai 1995 wurde von Tentsin Gyatso ein sechsjähriger Knabe als der 11. Panchen Lama anerkannt. Doch bereits ein paar Tage später wurde der Junge mitsamt seiner Familie von der chinesischen Regierung verschleppt. Der Aufenthaltsort des 11. Panchen Lama ist bis heute unbekannt. Der von chinesischer Seite eingesetzte Panchen Lama wird nur von einem kleinen Teil des tibetischen Klerus anerkannt. Bei der Inauguration eines neuen Dalai Lama ist der Panchen Lama eine Schlüsselfigur. Zudem übt er wesentlichen Einfluss innerhalb des Ordens der Gelup aus. Ein Panchen Lama von Chinas Gnaden liegt daher ganz im Interesse der Regierung in Beijing.

Es kann kein Zweifel bestehen und wurde zuletzt durch die Inbetriebnahme der Eisenbahnverbindung nach Lhasa bestätigt, dass China seine Interessen in Tibet weiterverfolgen wird. Zwar gelang es der Zentralregierung nicht, die tibetische Bevölkerung von den Vorteilen des Kommunismus zu überzeugen, wohl aber von jenen des Konsums und seiner Güter, wie Kühlschränken oder Motorrädern. Eine Rückkehr des Dalai Lama würde dem tibetischen Widerstand Auftrieb geben, doch unter den gegebenen Umständen ist daran nicht zu denken.

Wer mehr über die Entführung des Panchen Lama und die Lage in Tibet wissen will, dem sei das Buch von Isabel Hilton: „Die Suche nach dem Panchen Lama: Auf den Spuren eines verschwundenen Kindes“, erschienen im Piper Verlag, empfohlen.

Clementine Skorpil, Clementine Skorpil

Clementine Skorpil - CLEMENTINE SKORPIL Geboren in 1964 in Graz, studierte Sinologie und Geschichte an der Universität Wien. Während des Studiums ...

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