SeitenWechsel - Der Manager als Praktikant

Körber-Stiftung Hamburg - Tom Koehler, Hamburg
Körber-Stiftung Hamburg - Tom Koehler, Hamburg
Zehn Jahre Projekt SeitenWechsel in Hamburg: Über 1000 Führungskräfte arbeiteten eine Woche in einer sozialen Einrichtung. Einblick in fremde Welten.

Das Projekt der Patriotischen Gesellschaft von 1765 in Hamburg ermöglicht Führungskräften ein Praktikum in einer sozialen Einrichtung. Seine Grenzen zu überschreiten, Einblicke in eine andere Welt zu bekommen und die soziale Kompetenz zu stärken - das wird in Einrichtungen, wie zum Beispiel der Suchtberatung, dem Strafvollzug oder der Psychiatrie ermöglicht. Zum zehnten Geburtstag zogen am 29.10.2010 Projektleiterin Doris Tito und der erste Vorsitzende der Patriotischen Gesellschaft, Dr. Jürgen Mackensen, Bilanz: Über 1000 Führungskräfte, vom Gruppenleiter bis zum Vorstand, waren eine Woche in einer für sie völlig unbekannten Welt unterwegs, haben gelernt, Erfahrungen gesammelt und diese im Unternehmen weitergegeben.

Von der Vorstandsetage ins Praktikum

Der Vorstandsvorsitzende der Körber-Stiftung, Christian Wriedt, berichtete in der Einführung zum Abend von der langen Anlaufphase bis zum Praktikum und seinem - so wörtlich - mulmigen Gefühl vor dem Start. Der Hartnäckigkeit und Energie von Doris Tito sei es zu verdanken, dass er sich auch mit allen verfügbaren Ausreden nicht davor drücken konnte - und dass es nun eine sehr wichtige Erfahrung in seinem Leben sei. Aus der Vorstandsetage ins PikAs, einer Einrichtung für Wohnungslose: "Ich war der Praktikant, nie der besser wissende Chef, in einer unendlich anderen Welt" so Wriedt. Auf beiden Seiten werden durch das Projekt Vorurteile abgebaut. Denn auch das Klischee des hektischen Managers mit fünf Handys wurde vom Kopf auf die Füße gestellt.

Blick über den Tellerrand - Depression als Tabu

Passend zum Blick über den Tellerrand, dem Seitenwechsel, moderierte Andreas Bormann ein Gespräch mit dem Autor Holger Reiners, der ein Buch über seine Erfahrungen mit der Depression geschrieben hat. "Man zieht sich zurück, ist nicht mehr derselbe", so Reiners. "Eines Tages habe ich nicht mehr gesprochen. Ein ganzes Jahr lang." Seine Odyssee ist symptomatisch für viele Betroffene und er macht den anwesenden Führungskräften Mut, sich dieser Aufgabe zu stellen. "Gehen Sie mit den Kranken behutsam um und sprechen Sie diese Menschen direkt auf eine Suizidgefährdung an!" In vielen Firmen ist die Depression noch ein Tabu. Er fand erst nach längerem Suchen einen Psychiater, der ihm aus der schwersten Krise seines Lebens half. Dass dieser fast genau wie Siegmund Freud aussah, tat dem keinen Abbruch. Noch heute ist er dem Menschen dankbar.

Berichte von SeitenWechslern

Die SeitenWechsler auf dem Podium berichteten danach von Ihren Erfahrungen. Ihre Anwesenheit sei von den Einrichtungen und Betroffenen als Würdigung empfunden worden. Ihnen wird Dank gezollt für Ihre Arbeit, ihr Engagement. SeitenWechsler stellen - bedingt durch ihre "Betriebsfremdheit" - kluge Fragen. Sie kommen mit großem Respekt und gehen mit tiefen Eindrücken nach einer Woche wieder zurück. Hilde van den Boogaart, Leiterin der sozialtherapeutischen Abteilung der JVA Lübeck, berichtete von den Bedenken der SeitenWechsler und der fortwährenden Begleitung im Praktikum. "Bei manchem entsteht der Wunsch, auch nach dem Praktikum etwas für diese Einrichtung zu tun. Doch wir lassen nach dem Aufenthalt erst einmal Zeit verstreichen, es ist eine sehr intensive Erfahrung!", so Boogaart.

Menschen mit Energie und Visionen

Der Ablauf ist stets der gleiche: Ein Interessent besucht eine Marktbörse, auf der sich die beteiligten Institutionen vorstellen. Nach der Entscheidung erfolgt eine intensive Vorbereitung auf die Woche vor Ort. Doris Tito: "Wir vermitteln keinen Abenteuerurlaub! Es geht um Verantwortung, Erfahrungen, das Einlassen auf eine völlig neue Welt." Die Woche wird auch nachbereitet und den Teilnehmern die Möglichkeit geboten, über ihre Erlebnisse zu sprechen. Dieser Vorgang hat sich nun innerhalb der vergangenen zehn Jahre über 1000 Mal wiederholt. Ohne die Projektleiterin Tito wäre das undenkbar, auch wenn sie bescheiden auf ihre Mitarbeiterinnen verweist. Die Tito´sche Energie ist im Raum spürbar. Sie würde am liebsten sofort wieder an die Arbeit gehen. "Nichts wäre schlimmer, als schlagartig extrem entschleunigt zu werden." Auf der anschließenden Feier war sie schon wieder ganz in Ihrem Element, am Kontakteknüpfen, Menschen zu überzeugen und voller Energie.

Tom Köhler, Hamburg, Tom Köhler, Hamburg

Tom Köhler - Tom Köhler, Journalist, Fotograf, Netzwerker, Inhaber der Agentur Abenfarben in Hamburg. www.abendfarben.de

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