Selbsterfüllende Prophezeiung - mythologische Schlüsselfiguren

griechische Mythen - Viktoria Amon
griechische Mythen - Viktoria Amon
Pygmalion, Galatea, Golem, Andorra: Mythologische Figuren und literarische Vorlagen in Zusammenhang mit Erwartungseffekten und Beurteilungsfehlen

Erwartungshaltungen, Urteile und Einstellungen Angestellten, Schülern oder Klientel gegenüber haben weitaus mehr Bedeutung und Relevanz für das Handeln und Denken, als man ahnen oder sich zugestehen möchte. Diverse Effekte selbsterfüllender Vorhersagen in Bezug auf andere oder auch sich selbst sind im Rahmen wissenschaftlicher Forschungen hinlänglich bekannt und werden durch Begriffe wie Pygmalion-, Galatea-, Golem- oder auch Andorra-Effekte in diversen Studien und Forschungsberichten dokumentiert. Grob umrissen und kurz zusammengefasst verweisen sie auf Anpassung eigener Bilder und Vorstellungen an die Erwartungen anderer, sowohl im negativen als auch positiven Sinne. Unabhängig von tatsächlichen Gegebenheiten, mag fester Glaube an das Urteil oder die Fremdeinschätzung des Lehrers, des Vorgesetzten, des Leiters oder sonstiger Autoritätspersonen zu zunehmender Orientierung oder Übernahme fremder Erwartungen in Bezug auf die eigene Identität führen.

Um diesen Effekten einen Namen zu geben, hat man, wie oftmals üblich, auf Schlüsselfiguren griechischer Mythologie oder Orte literarischer Werke zurückgegriffen. Mit den Bezeichnungen Pygmalion und Galatea hat man sich dabei an eine mythologische Geschichte griechischer Herkunft erinnert, die von Alters her zu faszinieren scheint. Diverse Dichter, Literaten, Musiker und Maler von der Antike bis zur Neuzeit, von Ovid bis Rosseau, Goethe, Shaw oder Rameaus haben sich mit der Darstellung und Bearbeitung des Pygmalion-Stoffes auseinandergesetzt, bis er schließlich auch in der Wissenschaft, vor allem in der Psychologie, Bedeutung erlangte.

Pygmalion und Galatea: Wenn Bilder zum Leben erweckt werden

Der Erzählung des Dichters Ovid nach war Pygmalion als griechischer Bildhauer tätig, dem die Frauenwelt nicht besonders gewogen war. Aus Enttäuschung darüber widmete er sich gänzlich der Kunst und schuf eine Frauenstatue aus Elfenbein. Mag nun die täuschend lebendige Darstellung oder auch nur seine Sehnsucht nach einer Gefährtin ausschlaggebend gewesen sein, Pygmalion jedenfalls verliebte sich zunehmend in das steinerne Antlitz und bat Aphrodite um Hilfe. Die Göttin der Liebe erfüllte ihm seinen Wunsch und erweckte die Statue zum Leben. Sie erhielt den Namen Galatea.

Golem: das Unförmige und Unvollkommene

Ebenso wie Galatea ist auch Golem eine künstlich geschaffene Figur, die durch eine magische Kraft zum Leben erweckt wurde. Im Gegensatz zum perfekten, idealen Frauenbild Pygmalions in Form der Galatea ist Golem ein unförmiges, dunkles Wesen. Ursprünglich eine Figur jüdischer Legenden, gebildet aus Lehm, im Besitz besonderer Kräfte, Befehlen hörig aber nicht selbst zur Sprache fähig, taucht der Golem als negative, bösartige Figur in Kunst und Literatur in verschiedensten Variationen und Ausprägungen immer wieder auf. Auch in der Psychologie hat man auf diese Figur zurückgegriffen, um negative Erwartungshaltungen und Vorhersagen, die sich selbst erfüllen mit dem „Golem“-Effekt zu beschreiben. Dieser Begriff bietet damit das Pendant zum „Galatea-Effekt“, der als Unterkategorie des Pygmalion-Effektes Bezug auf positive Vorstellungen und Bildern nimmt.

Andorra: Beispiel gelebter Vorurteile

Ähnlich wie der Pygmalion-Effekt betrifft auch der Andorra-Effekt eine Sich-selbst-erfüllende Prophezeiung des Beurteilers im Bezug des zu Beurteilenden. Die Vorhersehung trifft ein. Man identifiziert sich zunehmend mit dem übergestülpten Fremdbild. Die Bezeichnung „Andorra“ bezieht sich nun allerdings nicht mehr auf eine einzelne Figur, sondern auf den fiktiven Ort „Andorra“ aus Max Frisch gleichnamigem Drama. Ein junger Mann, in einer unehelichen Beziehung mit einer Ausländerin gezeugt, wird von seinem Vater aus Furcht vor der Reaktion seines sozialen Umfeldes als jüdischer Pflegesohn ausgegeben. Ständig ist er mit Vorurteilen der Bewohner Andorras konfrontiert, die ihm aufgrund seiner angeblichen Herkunft stets ausgrenzen. Immer mehr übernimmt der Protagonist die ihm zugewiesene jüdische Identität und hält an ihr fest, auch dann, als er die Wahrheit erfährt.

Quellen:

Viktoria Amon - Lesen war und ist bereits seit meiner Kindheit wohl eine meiner größten Leidenschaften. Besonders begeistern mich vor allem ...

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