Selbstfindung durch Schmerz: der Fight Club

Ein Film über Identität, die Konsumgesellschaft und Aggressionen

Der Protagonist in  - http://www.mediabistro.com/galleycat/original/figh
Der Protagonist in - http://www.mediabistro.com/galleycat/original/figh
Hatte David Fincher bei dem Film "Fight Club" lediglich Spaß daran hatte, blutige Faustkämpfe zu zeigen? Was steckt hinter dem Prügeln, den Wunden und den Schmerzen?

"Der Konsumideologie liegt der Wunsch zugrunde, die ganze Welt zu verschlingen, der Konsument ist der ewige Säugling, der nach der Flasche schreit." - Erich Fromm

Die Identitätsfindung über den Konsum

Ground Zero - der Nullpunkt. Den eigenen Nullpunkt erreichen, um neu zu beginnen. Sein Leben neu zu gestalten und sich frei von konventionellen Regeln, Normen und der uniformen Gesellschaft entwickeln, das ist ein allzu menschlicher Wunsch.

Gerade in der westlichen Welt, in der ein Überangebot an Produkten, die in der Werbung als lebensnotwendig und maßgebend geltend gemacht werden, herrscht, findet die Definition der eigenen Person über Konsum statt. Der eigene Besitz bestimmt den menschlichen Wert, die Marke steht über dem eigenen Namen und wird zum Statussymbol. Man verliert sich in dem Streben nach mehr, bzw. nach mehr von dem, was gerade „in“ und teuer ist und die Persönlichkeit setzt sich aus materiellen Besitztümern zusammen. Aus Angst mit der schnelllebigen Welt nicht schritthalten zu können, wird immer mehr von dem gekauft, was angeblich Ganzheit der Person verspricht. Ein besseres Leben, Erfolg und Zufriedenheit wird nur durch den Erwerb der angepriesenen Produkte ermöglicht. Die dadurch entstehende Durchschnittlichkeit, der Verlust an Individualität und das Untergehen in der grobschlächtigen Masse fordert ihren Tribut: Gleichgültigkeit, Sinnlosigkeit und innere Leere, sowohl psychisch als auch physisch. Völlig reizüberflutet passen sich die Menschen dem suggerierten Leben an, klammern sich an Besitz und fremden Werten und büßen dadurch den Großteil ihrer eigenen Träume, Ideale und Person ein. Das „sich selbst finden und spüren“ wird immer schwerer, denn es stellt sich die Frage: was oder wer bin ich? Aber das ständige Konsumieren und Suchen nach neuen Produkten, die den Selbstwert bestimmen, lenkt den Blick von der eigenen Persönlichkeit ab und wendet ihn hin zu den Werten, die der Markt vorgibt. Emotionslosigkeit und Abgestumpftheit sich selbst gegenüber sind die Folgen.

David Finchers "Fight Club": Ein Weg zum eigenen Ich?

Einen Weg aus dieser emotionslosen Konsumgesellschaft findet der Protagonist in dem Film „Fight Club“ von David Fincher durch körperlichen Schmerz. Denn Schmerzen sind Emotionen.

Der von Edward Norton dargestellte Protagonist ist ein namenloser Durchschnitts- Amerikaner: ein Achtstunden-Job regelt seinen Tagesablauf und seine Eigentumswohnung ist exakt aus einem schwedischen Möbelkatalog kopiert. Nur seine Markenklamotten machen ihn zu einem vollständigen Menschen. Erst nach und nach, mit dem Beginn seiner Schlaflosigkeit, spürt er seine Unzufriedenheit über sein eingefahrenes Leben. Nachdem der Arzt ihm keinen anderen Rat geben kann, als mehr Sport zu treiben, sucht er Abhilfe in unterschiedlichen Selbsthilfegruppen, bei denen er sich, trotz körperlicher Gesundheit, unter falschen Namen anmeldet und findet unter den chronisch Kranken und dem fremden Leid die Geborgenheit, die er braucht um seine Schlaflosigkeit zu überwinden. Bis er dort Marla Singer (Helena Bonham Carter) kennen lernt, ebenfalls eine Simulantin, die ihn aus der Bahn und zurück in seine Schlaflosigkeit wirft.

Brad Pitt und Edward Norton gründen den Fight Club

Als er dann im Flugzeug auf Tyler Durden (gespielt von Brad Pitt), einen skurrilen Seifenhersteller trifft, ändert sich sein Leben völlig. Seine Eigentumswohnung explodiert und er findet Unterschlupf bei Tyler, der jedoch als Gegenleistung von ihm verlangt, dass er ihn schlägt „so fest er nur kann“. Zu dem daraus resultierenden Faustkampf hinter einer Bar gesellen sich weitere Männer , die mit ihrem Leben unzufrieden sind und durch die Schlägerei ein Ventil für ihre Unzufriedenheit finden. Der erste Fight Club ist geboren. Regelmäßige Treffen, die bestimmten Regeln unterliegen und in Garagen und Kellern stattfinden, lassen den Fight Club zu einer neuen Art Selbsthilfegruppe werden, in der sich die Teilnehmer spüren und glauben, durch den Schmerz wieder zu sich zu finden. Ein Kampf ist erst beendet, wenn einer der Duellanten aufgibt. Bis dahin sind sie auf ihre Kraft und Ausdauer angewiesen. Status, Rang, Kultur, Religion und Familienstand spielen keine Rolle, die Kämpfer sind auf sich zurückgeworfen.

Brad Pitt als Gruppenführer der Individualisten

Nach einiger Zeit trifft der Protagonist erneut auf Marla. Sie beginnen eine Affäre, während Tyler den Fight Club perfektioniert: er denkt sich Hausaufgaben aus, die die Teilnehmer erfüllen sollen. Beispielsweise eine Prügelei mit einem Fremden anfangen und verlieren. Nach und nach baut sich Tyler so eine Armee auf, nennt sie „Projekt Chaos“, die durch ein kontrolliertes Chaos die Welt, in der sie sich gefangen fühlten, aus den Fugen geraten lassen soll. Er bildet sie aus und plant, das gesamte Bankwesen durch Sprengung der Hauptsitze zu zerstören. Alle Schulden wären so getilgt. Der angestrebte Ground Zero erreicht. Der Ausgangspunkt, um neu zu beginnen und sich neu zu definieren. Für Tyler Durden eine Möglichkeit, dem Konsum endgültig den Rücken zuzuwenden und die eigene Identität durch Selbsterfahrung zu finden.

Judith Binias, Judith Binias

Judith Binias - Judith Binias, Jahrgang 1985 freiberufl. Autorin/Regisseurin Kurzvita Abitur: 2005 Regiearbeiten: 2009: J. Binias: "Das ...

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