
- Probleme gemeinsam lösen - Claudia Lutterkort
Die Gründe, eine Selbsthilfegruppe zu suchen sind vielfältig. In Städten ist es meist auch keine Frage, eine passende Gruppe zu finden. Auf dem Land jedoch sind in der Regel nur die üblichen Gruppen wie zum Beispiel für Alkoholprobleme, Krebserkrankungen oder Gruppen für pflegende Angehörige zu finden. Viele Menschen können oder wollen weite Fahrten in die umliegenden Städte nicht auf sich nehmen, um eine Selbsthilfegruppe zu besuchen. Und es gibt sowohl in den Städten als auch auf dem Land Menschen, die eine persönliche Scheu vor einer Gruppe haben. Für sie alle bietet das Internet mittlerweile eine Fülle an Selbsthilfeforen. Welche Vor- und Nachteile haben diese virtuellen Selbsthilfegruppen? Sind sie für jeden geeignet? Worauf sollte man achten? Was unterscheidet sie im Wesentlichen von real existierenden Gruppen?
Vorteile der Selbsthilfe im Internet
Ein großer Vorteil besteht in der Erreichbarkeit von Selbsthilfeforen im Internet. Nicht nur, dass Anfahrtswege gespart werden können, sondern sie sind so zu sagen 24 Stunden am Tag erreichbar. Das ist vor allem für Menschen mit akuten Problemen ein unschlagbarer Nutzen. Berufstätige profitieren ebenfalls von nicht festgelegten Gruppenzeiten. Ein weiterer Vorzug ist die Vielfältigkeit innerhalb eines Forums. Geht es beispielsweise um Krebserkrankungen, sind hier so ziemlich alle Krankheitsformen- und Stadien vertreten. Man kann sich leicht die passenden Gruppe heraussuchen und teilnehmen. Die Teilnahme an sich ist darüber hinaus ein Pluspunkt. Man kann, muss sich aber nicht an der Kommunikation beteiligen. Vielen hilft es schon, mitlesen zu können, wie andere mit ihren Problemen und Schwierigkeiten umgehen. Die Zeit der Teilnahme, ob aktiv oder passiv, ist nicht begrenzt. Hat man zu einem Thema eine Frage, stellt man sie und kann später nachschauen, ob Antworten eingegangen sind.
Worauf in einem Selbsthilfeforum zu achten ist
Ganz wichtig ist es, immer daran zu denken, dass in einem Selbsthilfeforum in der Regel Betroffene agieren und selten Fachleute. Das bedeutet, dass Betroffene ihre eigenen Erfahrungen weiter geben, die nicht unbedingt Allgemeingültigkeit haben müssen. Aus einer Vielzahl von Tipps und Ratschlägen muss sich jeder Teilnehmer das herausfiltern, von dem er glaubt, dass es zu ihm passt und ihm helfen kann. Vor allem bei Hinweisen zu Medikamenten oder Behandlungsformen sollte immer der behandelnde Arzt zu Rate gezogen werden.
Wie in allen Internetforen sollte man auch bei der Selbsthilfe darauf achten, persönliche Daten nicht öffentlich zu machen. Sollten sich nähere Bekanntschaften entwickeln, besteht die Möglichkeit, private Nachrichten auszutauschen und wenn wirklich eine Vertrauensbasis geschaffen wurde, kann der Kontakt auch über die private Mailadresse stattfinden. Selbstverständlich sind die Formen des Anstandes zu wahren. Moderatoren achten auf ein höfliches Miteinander.
Nachteile der Selbsthilfe im Internet
Das Internet ist und bleibt anonym und kann persönliche Kontakte nicht komplett ersetzen. Stützt man sich nur auf Selbsthilfeforen, droht unter Umständen eine gewisse Vereinsamung. Außerdem kann es geschehen, dass man eine wichtige Frage stellt und unter Umständen auch einmal länger auf eine Antwort warten muss. Damit ist in einer Akutsituation niemandem geholfen. Oder aber es werden mehrere gegensätzliche Antworten gegeben. Anders als in einer persönlichen Runde, ist es oft nicht möglich, über diese Antworten befriedigend zu diskutieren, zumindest nicht in einem zufrieden stellenden Zeitrahmen. Je nachdem, um welche Problematiken es sich handelt, fehlt auch ganz einfach mal das menschliche Miteinander. Sei es, dass Tränen fließen und tröstend eine Hand aufgelegt wird oder dass eine Umarmung einfach gut tut. Ebenso ist eine gemeinsame Freizeitgestaltung nahezu unmöglich, obwohl es so genannte Forentreffen gibt, die aber nur regional und viel seltener möglich sind.
Die real existierende Selbsthilfegruppe
Kurz gesagt sind die Nachteile der Selbsthilfe im Internet die Vorteile der real existierenden Selbsthilfegruppe. Persönlicher Kontakt, menschliche Nähe und die Möglichkeit, reale Freundschaften schließen zu können sind eindeutig durch das Internet nicht zu schlagen. Oft werden Telefonketten gebildet, die im Notfall auch einmal den persönlichen Besuch eines Gruppenmitgliedes sichern können. Aktive gemeinsame Freizeitgestaltung und die Teilnahme an themenrelevanten Seminaren festigen ebenfalls das Zusammengehörigkeitsgefühl. Ergeben sich in Diskussionsrunden einmal Missverständnisse, können diese sofort und ohne Umwege aus der Welt geschaffen werden. Gerade bei kritischen Themen ist es besser, den Gesprächspartnern in die Augen blicken zu können. Mimik und Gestik des Gegenübers tragen viel zur Verständigung bei. Schüchterne Menschen können von der Offenheit anderer Mitglieder profitieren. Sie dürfen einfach nur zuhören, werden aber, sobald sie sich sicherer fühlen, automatisch zum Reden animiert. Da Vertraulichkeit in Selbsthilfegruppen das oberste Gebot ist, kann jeder sicher sein, dass keines seiner Probleme den Gruppenraum verlassen wird.
In der Selbsthilfe die eigene Entscheidung treffen
Bei beiden Möglichkeiten der Selbsthilfe gibt es keine eindeutigen Ratschläge für oder gegen die eine oder andere Form. Beide haben ihre Vor- und Nachteile. Jeder Hilfesuchende sollte sich beide Formen gründlich ansehen. Das bedeutet, sich reale Selbsthilfegruppen anzusehen und zwar nicht nur eine, sondern ruhig mehrere. Die Chemie zu den Teilnehmern sollte stimmen, um sich gut aufgehoben zu fühlen. Das Gleiche gilt für Selbsthilfeforen. Auch hier ist es ratsam, sich Verschiedene anzusehen. In der Regel ist es möglich, ohne Registrierung nur als Gast, einige Beiträge zu lesen. Damit kann man sich über den Umgang miteinander in einem solchen Forum schon einen Eindruck verschaffen. Für viele Betroffene kann eine Mischung aus beiden Formen die richtige Lösung sein. Die persönliche Teilnahme sichert eine soziale Gebundenheit an andere Menschen. Die virtuelle Selbsthilfe kann zum Beispiel auch nachts besucht werden. Bei einer Mischnutzung können sogar beide Formen voneinander profitieren und damit der Hilfesuchende selbst.
