Selbstmedikation gegen Strahlung: Mehr Schaden als Nutzen

UNO-Sicherheitsrat gedenkt Bebenopfern - UN Photo/Paulo Filgueiras
UNO-Sicherheitsrat gedenkt Bebenopfern - UN Photo/Paulo Filgueiras
Bei aller Sorge um die Langzeitwirkungen der Erdbebenkatastrophe in Japan warnt die Weltgesundheitsorganisation vor übertriebenen Reaktionen in Europa.

Die Weltgesundheitsorganisation der Vereinten Nationen (WHO) beobachtet bei zahlreichen Mitteleuropäern eine Tendenz zu Überreaktionen, die aus Sorge um mögliche Langzeit- und Langdistanzwirkungen der Strahlungen des durch das Erdbeben vom 11. März 2011 weitestgehend zerstörten Atomkraftwerkes im japanischen Fukushima resultieren. So ruft die Organisation dazu auf, von einer Selbstmedikation abzusehen. Das betrifft besonders die unkontrollierte Einnahme von Kaliumiodid und anderen jodhaltigen Produkten.

Dieser Appell folgt Berichten über Europäer – vor allem aus Deutschland -, die diese Substanzen einnehmen, und sich dadurch vor möglicher Strahlung aus den Reaktoren des AKW Fukushima zu schützen glauben. Jodkalium-Gaben sind jedoch nur angezeigt, wenn es deutliche Aufforderungen der staatlichen Gesundheitsbehörden dazu gibt, da es sonst zu Nebenwirkungen kommen kann, die dem Organismus eher schaden als nutzen.

Selbst für die meisten Japaner Jod-Gaben derzeit kein Thema

Diese Anweisungen gibt es derzeit nicht einmal für die so bewundernswert beherrschten und würdevoll gefassten Japaner, deren Umgang mit Katastrophen den Autor dieser Zeilen bereits als persönlich Betroffenen des verheerenden Erdbebens vom 17. Januar 1995 in der Hafenstadt Kobe aus unmittelbarem Erleben beeindruckten. Was die gesundheitlichen Gefährdungen etwa durch erhöhte Radioaktivität nach dem Fukushima-Desaster angehe, entsprächen die von der japanischen Regierung ergriffenen Maßnahmen den Empfehlungen für öffentliche Gesundheitsvorsorge, teilte die WHO mit. Dazu gehöre auch die derzeit bis zu 30 Kilometer große Sperrzone um die Meiler.

Externe Kontaminierung kann beseitigt werden

Diese Einschätzung wird sofort aktualisiert, falls es zu weiteren Zwischenfällen in Fukushima oder anderen AKWs kommen sollte, denn die WHO verfolgt die Situation durch Spezialisten vor Ort. Strahlungsbedingte gesundheitliche Konsequenzen hängen stets von der Intensität ab, mit der eine Person der Strahlung ausgesetzt ist. Dieses Quantum wiederum wird durch verschiedene Faktoren wie die aus einem Reaktor austretende Strahlenmenge, die Witterungsbedingungen, Windrichtung und –stärke, die Entfernung vom Reaktor und die Dauer des Strahlungseinflusses bestimmt.

Eine externe Überstrahlung kann nur dann eintreten, wenn der Körper äußeren Quellen wie Röntgenstrahlen direkt ausgesetzt ist oder radioaktives Material (zum Beispiel Staub, Flüssigkeit, Schwebstoffe) auf die Haut oder die Kleidung gelangt und dies zu einer externen Kontamination führt. Diese Art der Belastung kann allerdings oft vom Körper gewaschen oder durch spezielle Dekontaminierungsmaßnahmen entfernt werden. Die Weltgesundheitsbehörde hält eine Reihe von Hinweisen bereit, wie man sich bei erhöhter Radioaktivität verhalten sollte.

Keine gesundheitsbedingte Reisewarnung nach Tokio

Auch spricht die Organisation trotz der Dreifach-Katastrophe (Erdbeben, Tsunami, Reaktorunglück) in Japan keine allgemeine gesundheitsbedingte Reisewarnung für das Land aus. In der ersten Woche nach dem Beben hatten die Behörden Reisen nach Tokio als grundsätzlich ungefährlich eingestuft. Reisende sollten jedoch davon ausgehen, dass die zerstörte Infrastruktur die Arbeiten an den Reaktoren von Fukushima stark verzögert und die durch Erdbeben und Tsunami verwüsteten Regionen nur schwer zugänglich sind. Das erklärte die UN-Organisation auf einer dazu neu eingerichteten Webseite.

Transportmöglichkeiten und Energie stehen kaum zur Verfügung. Die Reisenden sollten sich zudem bewusst sein, dass es in Japan immer wieder zu weiteren Erdstößen kommen könne. Die WHO verwies zudem auf Mangel an Elektrizität, Benzin, Lebensmitteln und Wasser in manchen Regionen. Interessenten sollten sich daher bei nicht vermeidbaren Reisen bei den örtlichen Ämtern und Medien informieren, da sich die Auswirkungen der Katastrophe täglich ändern können.

Betroffenheit stärker als bei anderen Beben

Japan ist mehr als 9.000 Kilometer entfernt. Doch trotzdem fühlen sich viele Mitteleuropäer ganz besonders von dieser jüngsten Katastrophe bedroht. Bei anderen vergleichbaren Ereignissen war die Betroffenheit deutlich geringer, etwa bei dem starken Erdbeben in Chile vor einem Jahr. Der Grund besteht sicher darin, dass in Japan Erdbeben, Tsunami und Atomkatastrophe sozusagen auf einen Schlag erfolgten.

Vielleicht sind auch die Unterschiede zwischen Japan und Mitteleuropa sehr viel kleiner als zunächst angenommen, sodass man den Japanern näher steht als den Chilenen und anderen Südamerikanern, weil man ja zur ersten Welt der Industrienationen gehört und daher mehr Gemeinsamkeiten hat. Also denken nicht wenige, was denen mit ihrer Wirtschaftskraft und hohen Sicherheitsstandards passiert ist, das kann auch im eigenen Land passieren.

Die Menschen erkennen wieder einmal – zumindest für kurze Zeit - wie verwundbar sie sind. Dieser eher emotionale Eindruck beeinflusst das spontane Denken, Verhalten und Erleben sehr stark, sollte aber nicht notwendigerweise zu Panikreaktionen wie Selbstmedikation und wahllosen Geigerzählerkäufen führen.

Der Autor an der UNO-Mission in Sierra Leone, Foto: UNIOSIL

Christian Holger Strohmann - Mehr als 20 Jahre lang habe ich für die Vereinten Nationen (United Nations Organisation - UNO) auf allen Kontinenten als Journalist, ...

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